Albert Cohens Erzählung »Oh, Ihr Menschenbrüder« erscheint in deutscher Übersetzung

Menetekel des Antisemitismus

Mehr als 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung erscheint Albert Cohens politisches Klagelied »Oh, Ihr Menschenbrüder« in deutscher Übersetzung.

»Ich sehe diese traurigen Augen an, die mich aus diesem Spiegel vor mir ansehen, traurige Augen, die wissen, trübselig und ungläubig, und plötzlich sind es die Augen anderer Juden, die nach mir kommen werden, wenn ich hier nicht mehr sein werde, traurige Juden … «, schreibt Albert Cohen Anfang der siebziger Jahre. Zu diesem Zeitpunkt war der Autor davon überzeugt, bald zu sterben. 1895 auf Korfu geboren, schien es ihm nun, als habe er sein Leben hinter sich gebracht, ein jüdisches Leben im 20. Jahrhundert.

Die Welt, in die er hineingeboren war, existierte nicht mehr: Die romaniotische Judenheit, die rund ums Mittelmeer und vor allem in Griechenland gelebt hatte, war vernichtet worden. Cohen litt an einer schweren Depression und aß kaum noch etwas. In dieser Verfassung schrieb er »Oh, Ihr Menschenbrüder« (»Ô vous, frères humains«), ein Klagelied, das er als sein Testament verstand.

Als Albert fünf Jahre alt war, emigrierten seine Eltern mit ihm von Korfu nach Marseille. Der Anlass war eine seit 1891 nicht abreißende Serie von größeren und kleineren Po­gromen, die sich am Tod eines jüdischen Mädchens entzündet hatte. In Gerüchten wurde aus dem Kind ein christliches Mädchen, dessen Blut Juden für rituelle Zwecke verwendet hätten. Beim ersten Pogrom im April 1891 wurden etwa 20 Juden ermordet, genaue Zahlen gibt es nicht. Aus Angst um ihr Leben verließen in der Folgezeit rund 3.000 der circa 5.000 auf Korfu lebenden Juden die Insel.

»Wenige Minuten zuvor hatte ich mich mit dem Lächeln eines Kindes dem Tisch des Straßenhändlers genähert, und jetzt ging ich mit dem Lächeln eines Buckligen davon.« Albert Cohen

Korfu war 1864 dem Königreich Griechenland angegliedert worden, nachdem es zuvor unter britischer Vorherrschaft gestanden hatte. Die wenigsten der dort lebenden Juden waren griechische Staatsbürger. Alberts Familie hatte ottomanische Pässe. Das Pogrom von 1891, das auch international Aufsehen erregte, kann als eine der letzten Manifestationen des alten christlichen Judenhasses gesehen werden, der die Ritualmordlegende entstammte.

In Marseille betrieb Alberts Vater Handel mit Eiern und Olivenöl, die Familie lebte in bescheidenem Wohlstand. Cohen beschreibt sich als neugieriges Kind, das sich voller Zutrauen und geliebt von den Eltern der Welt zuwenden wollte. Albert liebte Frankreich, wollte Franzose werden und lernte eifrig die Sprache; er erfand eine fiktive Freundin namens Viviane und wünschte sich einen Esel, den er Charmant nennen wollte.

Dreyfus-Affäre prägte politische Debatten der Dritten Republik

Von der Dreyfus-Affäre, die nach wie vor die politischen Debatten der Dritten Republik prägte – Alfred Dreyfus wurde erst 1906 vollständig rehabilitiert –, bekam Albert vielleicht ein wenig mit, aber er war noch ein Kind und die Vorgänge spielten sich im weit entfernten Paris ab. Erst im Rückblick enthüllten sich Cohen die Zusammenhänge. Sein Zutrauen zur Welt sollte an seinem zehnten Geburtstag, dem 16. August 1905, auf dem Heimweg von der Schule grundlegend erschüttert werden. Viviane und Charmant verschwanden an diesem Tag aus seiner Gedankenwelt.

Cohen schreibt, dass er, um zu schildern, was geschehen war, »das Kind, das ich war, der Lächerlichkeit preisgeben« müsste, deshalb schildert er die Situation nur widerstrebend. Nach der Schule näherte er sich einem Straßenhändler, der Allzweckreiniger verkaufte und den er fasziniert beobachtet hatte. Als er etwas von ihm kaufen wollte, holte der Straßenhändler zu einer antisemitischen Suada aus; er glaubte, an Alberts Physiognomie den Juden erkannt zu haben. Die Umstehenden lachten, der kleine Albert flüchtete.

Und die Scham verfolgte ihn: »Wenige Minuten zuvor hatte ich mich mit dem Lächeln eines Kindes dem Tisch des Straßenhändlers genähert, und jetzt ging ich mit dem Lächeln eines Buckligen davon.« Der Straßenhändler hatte ihn geschlagen, aber die verletzenden Worte und die Zustimmung des Mobs hatten die Ohrfeige in den Hintergrund treten lassen. Die Prosa Cohens kreist unablässig um diese erzwungene Konfrontation des Kindes mit der ihm feindlichen Umwelt und um die restlichen Stunden dieses Nachmittags, an dem Albert im Delir umherirrt, nachdem er sich zunächst in einer Bahnhofstoilette versteckt hatte.

In »Oh, ihr Menschenbrüder« wendet sich der Gealterte seinem jüngeren Ich zu und muss feststellen, dass das Kind in ihm lebendiger ist, als er angenommen hatte. Dass das Kind in seiner Naivität auch noch versucht, sich einen Reim auf die Beschämung zu machen, ist das zentrale Element dieser Klage. Verstärkt wird ihre Wirkung durch die lyrische Überhöhung, die sich in ihren Wiederholungen und Beschwörungen an die religiösen Texte des Judentums anlehnt.

Bis zum Abend irrt Albert umher, er sieht überall die Parolen »Tod den Juden«, er versteht nicht, warum er verstoßen wird.

»Ich blieb vor einer Mauer stehen, meiner ersten Klagemauer, um zu verstehen. Und mein Rücken, der vor der Mauer, der Klagemauer, plötzlich gealtert war, mein jüdischer Rücken begann, sich von hinten nach vorne und von vorne nach hinten zu beugen, begann mit dem rituellen Hin- und Herwiegen meiner Väter, dem Rhythmus der Klage und der langen Trauer, im uralten Takt der Wiederkehr des Unglücks, begann sich zu krümmen und ein grüblerischer Rücken zu werden, ein schwermütiger Rücken, auf dem der Buckel der Juden wächst, die Krönung ihres Unglücks, ein Buckel der Fremden, die zu viel denken und hin und her überlegen, ganz alleine hin und her überlegen.«

Bis zum Abend irrt Albert umher, er sieht überall die Parolen »Tod den Juden«, er versteht nicht, warum er verstoßen wird. Dann wird er von seinen vor Sorge verrückten Eltern aufgegriffen. Die Erfahrung ist das Menetekel, das Cohens weiteres Leben bestimmen wird. Im Hass des Straßenhändlers erkennt er den radikalen Antisemitismus der Dreyfus-Affäre, der die christliche Judenfeindschaft abgelöst hat und in die Vernichtungslager weist.

Judenhass als Abwehr gegen die Anerkennung der eigenen Sterblichkeit

Cohen wird in Genf Jura studieren, Schweizer Staatsbürger werden, schreiben, sich dem Zionismus anschließen und dann mit ihm brechen, für die Jewish Agency und die Uno arbeiten, drei Mal heiraten; weltberühmt wird er erst 1968 mit dem Roman »Die Schöne des Herrn«.

In Deutschland kennt man ihn kaum, in der frankophonen Welt wird er verehrt. Cohens Sprache ist dem deutschen Publikum, welches die Kargheit und die Phantasielosigkeit als authentisch verehrt, anscheinend zu opulent und barock. Ahlrich Meyers werkgetreue Übersetzung trifft den fremden Ton Cohens und lädt dazu ein, sich dem Rhythmus der Klage zu überlassen, die statt Nächstenliebe die Einsicht fordert, dass Juden wie Antisemiten Todgeweihte sind.

Den Judenhass versteht Cohen als eine Abwehr gegen die Anerkennung der eigenen Sterblichkeit wie der der anderen, und er appelliert an die Antisemiten: »Beschränkt euch endlich im Ernst darauf, eure Brüder im Tode nicht zu hassen. So spricht ein Mensch an der Schwelle seines nahen Todes.« Cohen sollte nach der Abfassung seines Testaments gesunden und noch bis 1981 leben.
 

Buchcover Albert Cohen

Albert Cohen: Oh, ihr Menschenbrüder. Aus dem Französischen von Ahlrich Meyer. Ça-ira-Verlag, Freiburg 2024, 124 Seiten, 19 Euro. Das Buch erscheint am 8. Mai 2024.