Militärische Kämpfe an der Grenze zwischen Kirgistan und Tadschikistan

Neuer alter Grenzkonflikt

Mehr als 100 Menschen sind bei Gefechten an der Grenze zwischen Kirgistan und Tadschikistan gestorben. Gegenstand der Auseinandersetzung ist vor allem die Kontrolle über die Wasserressourcen.

984 Kilometer Grenze teilen die zen­tralasiatischen Staaten Kirgistan und Tadschikistan, doch nur knapp über die Hälfte davon ist demarkiert. Das sorgte bereits in der Zeit für Konflikte, als diese durch schwer passierbare Hochgebirge verlaufende Grenze noch Teilrepubliken der Sowjetunion trennte. Nachdem sich 1991 auf beiden Seiten souveräne Staaten gegründet hatten, wurden Grenzstreitigkeiten immer wieder zum Anlass bewaffneter Zusammenstöße zwischen kirgisischen und tadschikischen Soldaten.

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Am 14. September begann der blutigste Konflikt seit der Unabhängigkeit beider Staaten. Zum Schauplatz wurde der Abschnitt zwischen der tadschikischen Provinz Sughd und dem kirgisischen Gebiet Batken. In Batken befinden sich seit der Sowjetzeit mehrere Exklaven Usbekistans und Tadschikistans. Besonderes an der Grenze der tadschikischen Exklave Woruch kam es immer wieder zu Zwischenfällen, so auch in den vergangenen Wochen. Nach einem Schusswechsel zwischen den Grenztruppen der beiden Länder wurde ein Waffenstillstand ab dem 16. September vereinbart, der jedoch nur drei Stunden hielt.

Kirgistan ist das einzige zentral­asiatische Land weit und breit, in dem es Parteienkonkurrenz und Machtwechsel infolge von Wahlen gibt.

Beide Seiten setzten gepanzerte Fahrzeuge, Hubschrauber und Mehrfachraketenwerfer ein. Kirgistan verhängte am nächsten Tag den Ausnahmezustand in Batken und evakuierte nach eigenen Angaben 140 000 Menschen. Als am 19. September die Kämpfe durch ein erneutes Waffenstillstandsabkommen beendet wurden, hatte Kirgistan nach offiziellen Angaben 59 Tote und 140 Verletzte zu beklagen, Tadschikistan 41 Tote und mindestens 30 Verletzte. Andere Quellen, wie die tadschikische Redaktion des US-finanzierten Radio Liberty, sprechen von 74 tadschikischen Toten allein bis 17. September. Auf beiden Seiten befinden sich Zivilisten unter den Opfern.

Beide Staaten berufen sich auf sowjetisches Kartenmaterial, allerdings aus verschiedenen Zeiten. Auf der Karte von 1947, gedruckt nach dem Beschluss des Rats der Volkskommissare der UdSSR, ist Woruch keine Exklave, sondern mit dem Rest der Tadschikischen Sowjetrepublik verbunden. Doch der Anfang der fünfziger Jahre von der Führung der kirgisischen Republik beschlossene Bau einer neuen Trasse änderte das. Da der genaue Grenzverlauf bis zum Ende der Sowjetzeit weder von der Moskauer Regierung festgelegt noch zwischen den beiden Nachbarrepubliken geklärt wurde, nahmen sie den Konflikt in die Unabhängigkeit mit. Dort bekam er ganz neue Bedeutung. Um den Zugang zu Wasserquellen, auf den die Bevölkerung der beiden agrarisch geprägten Länder existentiell angewiesen sind, sind immer wieder Konflikte entbrannt.

Die beiden Staaten haben einiges gemeinsam: Sie gehören zu den ärmsten ehemals sowjetischen Staaten und sind Herkunftsland von Millionen billiger Arbeitskräfte in Russland, Kasachstan, der Türkei und Südkorea. Die Rücküberweisungen aus dem Ausland sind für die Nationalökonomien überlebenswichtig. Beide Länder sind durch systemische Korruption gekennzeichnet, die Unterschiede und Konflikte zwischen den Landesregionen prägen die Politik. Sowohl in Kirgistan als auch in Tadschikistan gehört die Mehrheit der Bevölkerung dem sunnitischen Islam an. Beide sind Mitglieder in Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) und nahmen noch im ­Januar gemeinsam an der Intervention gegen kasachische Aufständische teil.

Doch es gibt auch bedeutende Unterschiede. Nach der Unabhängigkeit stürzte Tadschikistan in einen blutigen Bürgerkrieg, aus dem der bis heute regierende Präsident Emomalij Rahmon, ein ehemaliger Sowchos-Direktor und Parteifunktionär, als Sieger hervorging, der offiziell den Titel »Peşvoi millat« (Führer der Nation) trägt.

Kirgistan hatte dagegen unter seinem ersten Präsidenten, dem Physikprofessor Askar Akajew, einen guten Ruf als »Schweiz Zentralasiens« und demokratischstes Land der Region. Doch gleichzeitig erlebten Industrie und Landwirtschaft einen Niedergang und die Korruption nahm zu. 2005 rebellierte der agrarisch geprägte und nationalistisch gesinnte Süden gegen die Vorherrschaft des urbanen und stärker russifizierten Nordens. Akajew wurde im Rahmen der sogenannten Tulpenrevolution aus dem Amt gejagt, der aus dem Süden stammende Kurmanbek Bakijew übernahm die Macht.

Bakijew wurden immer wieder Kontakte zum organisierten Verbrechen nachgesagt, in seiner Regierungszeit gab es mehrere politische Morden an Regierungskritikern. 2010 wurde er durch Massenproteste entmachtet, die Sozialdemokratin Rosa Otunbajewa – die einst eine Dissertation über die sogenannte Frankfurter Schule verfasst hatte – wurde als erste Frau Staatsoberhaupt in einem postsowjetischen Land, ihr folgte ihr Parteikollege Almasbek Atambajew.

Damit ist Kirgistan das einzige zen­tralasiatische Land weit und breit, in dem es Parteienkonkurrenz und Machtwechsel infolge von Wahlen gibt, auf Armut und Korruption wirkte sich das allerdings nicht aus. Zudem enden Wahlen oft in neuen Revolten, da die unterlegende Seite Wahlbetrug wittert. So brachte im Herbst 2020 die »Dritte Revolution« den heutigen Präsidenten Sadyr Dschaparow, einen nationalkonservativen Vertreter der südlichen Regionen, an die Macht. Im Januar 2021 initiierte er per Referendum die Umwandlung Kirgistans in eine Präsidialrepublik.

Beide Seiten des Konflikts sind weiterhin stark von Russland und zu­nehmend von China abhängig. Doch die tadschikische Modell der »ewigen Stabilität« dürfte in Moskau auf mehr Sympathie stoßen als die unsteten ­po­litischen Zustände Kirgistans.