Trotz Unbehagen und Kritik an der Lohnarbeit schafft niemand sie ab

Schuften in der Totalität

Trotz Unbehagen und Kritik an der Lohnarbeit kommt es nicht zu ihrer Abschaffung. Das hat mit der Totalität der Verhältnisse zu tun, die auch das Bewusstsein der Menschen durchdringt. Es müssen kleine Nischen der Freiheit gefunden werden.
Disko Von

Nicht nur in der Jungle World wird fleißig über die Tücken der Arbeitskritik und das Ende der Lohnarbeit diskutiert. Die Linkspartei will sich laut eigener Beschlusslage verstärkt der theoretischen und praktischen Kritik der Arbeit im Kapitalismus widmen. Die ­Jusos streben mit ihrem »Projekt Sozialismus« nach dem Ende des Privateigentums an Produktionsmitteln und der Ausbeutung der Ware Arbeitskraft. Und die Grüne Jugend strebt ihrem Selbstverständnis zufolge nicht nur eine Gesellschaft an, in der »die Kategorie ›Geschlecht‹ ihre Bedeutung verloren hat«, sondern eine jenseits des Kapitalismus und der fremdbestimmten Lohnarbeit.

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Ganz so weit will man in den Gewerkschaften nicht gehen. Doch auch hier war die Diskussion über die Arbeitszeit in den vergangenen Jahren wieder eines der bestimmenden ­Themen. Der Kampf um mehr Freizeit wurde nach fast 20 Jahren des Stillstands und Rückschritts wieder zum tarifpolitischen Kampffeld. Mit Wahl­modellen zur individuellen Arbeitszeitverkürzung, um Familie und Arbeit besser unter einen Hut zu bekommen, trafen die Gewerkschaften den Nerv insbesondere junger Beschäftigter. Selbst die Gruppe Krisis freut sich in letzter Zeit über eine wachsende Nachfrage nach ihrem Klassiker »Manifest gegen die Arbeit«.

Das Prinzip der Selbsterhaltung zwingt regelrecht dazu, das Elend der Lohnarbeit zu verdrängen und sich mit der eigenen Ausbeutung zu identifizieren.

Gaston Kirsches Beschreibung der derzeitigen Arbeitswelt gibt einen Hinweis auf die Gründe für die verstärkten Diskussionen über die Arbeitszeit und das Ende der Lohnarbeit: Die zunehmende Arbeitsverdichtung, die Rationalisierung und der steigende Arbeitsdruck durch die Digitalisierung. Andrea Trumann verweist zudem auf das in Teilen der Gesellschaft gewachsene Bewusstsein für die psychischen und physischen Auswirkungen der Lohnarbeit und die im Zuge der Covid-19--Pan­demie veränderte Wahrnehmung der Arbeit. Treffend beschreibt sie die tiefsitzende Sehnsucht nach einem Ende der entfremdenden Lohnarbeit. Hans Mankos Feststellung, dass die »Abschaffung der entfremdeten Arbeit« kein »Hippie shit«, sondern »fassbar als Programm, zu einer wirklich menschlichen Tätigkeit zu kommen, in der jede und jeder die eigenen Fähigkeiten ­entfalten kann«, zu sein hat, ist daher kaum zu widersprechen.

Warum findet dieses Programm jedoch – allen gewerkschaftlichen Debatten um Arbeitszeitverkürzungen und aller von Trumann beschriebenen individuellen Arbeitsverweigerung zum Trotz – so wenige Anhänger? Warum wird die beschriebene Sehnsucht und das Unbehagen an Ausbeutung und Entfremdung so selten in radikale Praxis zur Aufhebung der Lohnarbeit überführt?

Eine Frage, die auch die Kritische Theorie umtrieb und beispielsweise bei Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Tota­lität der kapitalistischen Verhältnisse führte. Ihre Überlegungen knüpften an die Ausgangsfrage der frühen Kritischen Theorie an: Warum kommt es nicht zur proletarischen Revolution? Wie ist zu erklären, dass die Revolution von 1918/19 scheiterte, und warum lassen es sich die Menschen gefallen, »ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen« zu sein, wie Karl Marx schrieb?

Im Gegensatz zu den Ansichten ­Lenins und der Führer der Kommunistischen Partei in Deutschland lag für Horkheimer und seine Mitstreiter am Institut für Sozialforschung die Ursache nicht primär in der Bestechlichkeit der Sozialdemokratie und der mit ihr verbundenen Gewerkschaften, sondern ist vielmehr in den ökonomischen ­Gesetzen der herrschenden Verhältnisse und der damit verbundenen Ideologie zu suchen.

So kommt Adorno in seinen Reflexionen zum Gesellschaftsbegriff immer wieder auf die Übermacht der Verhältnisse zurück. Der Mensch werde vom Kapitalismus in seinem Denken und Handeln in weitem Maße bestimmt und eingeschränkt, denn es bestehe ein »Übergewicht der Verhältnisse über den Menschen, deren entmächtigte Produkte diese nachgerade sind«. Die gesellschaftlichen Strukturen dominieren über das Individuum und verunmög­lichen seine vollständige Entwicklung. Die kapitalistische Totalität, die Durchdringung sämtlicher Lebensbereiche, schränken Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung ein. Es gibt nichts, das nicht durch die Gesellschaft und ihre kapitalistische Totalität determiniert wäre. Adorno geht dabei über den Begriff der Totalität von Marx, der diesen vor allem in Verbindung mit ökonomischen Zusammenhängen nutzt, hinaus.

Für Adorno besteht die kapitalistische Totalität darin, dass die kapitalistische Vergesellschaftung sich auf alle Lebensbereiche von der Kultur bis ins Private ausdehnt und dadurch das Netz der sozialen Kontrolle – das zur immer stärkeren Einschränkung des Selbst und zur Unterordnung der eigenen Interessen unter das Ganze führt – immer enger wird. »In jedem Einzelnen wird immer weniger Unerfaßtes, von der sozialen Kontrolle Unabhängiges geduldet, und es ist fraglich, wie weit es sich überhaupt noch zu bilden vermag«, so Adorno.

Es gibt angesichts dieser Ausweitung der kapitalistischen Vergesellschaftung zunehmend kein »außen« und damit auch keinen Ort mehr, von dem aus Reflexion möglich wäre, von dem aus sich Gesellschaft fundamental kritisieren oder gar verändern ließe. Der bloße Gedanke an die Durchbrechung der herrschenden Wertvorstellungen und der kapitalistischen Strukturgesetze wie das Wertgesetz, das Gesetz der Akkumulation oder die Notwendigkeit des Verkaufs der Ware Arbeitskraft wird durch diese Totalität nahezu verunmöglicht. Die Arbeiterklasse reagiert darauf mit einer Interna­lisierung der herrschenden Verhältnisse. Das Prinzip der Selbsterhaltung zwingt regelrecht dazu, das Elend der Lohnarbeit zu verdrängen oder zu relativieren und sich letztlich mit der ­eigenen Ausbeutung zu identifizieren.

Der vielzitierte »stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse«, der, folgt man Marx’ Ausführungen, die Herrschaft des Kapitals auch ohne direkte Gewaltanwendung garantiert, geht auch für Max Horkheimer weit über die schlichte Notwendigkeit des Verkaufs der Ware Arbeitskraft hinaus. Wie Adorno ist sich auch Horkheimer bewusst, dass die Sozialisation der Arbeiter nicht allein in der Arbeitswelt erfolgt. Neben der Ökonomie müssen auch andere soziale Sphären in den Blick genommen werden. Für ihn ist die kapitalis­tische Produktionsweise zudem verbunden mit unnötigem Triebverzicht und einer irrationalen »Entfesselung der Eigentumsin­stinkte aller einzelnen«, die letztlich die Soli­darität und die Möglichkeit zur Reflexion der eigenen Situation überdecken. Dass die Arbeiterklasse bereit ist, sich mit der kapitalistischen Gesellschaft, mit Ausbeutung und Unterdrückung abzufinden, könne nur erklärt werden, wenn man die Funktion psychischer Mechanismen und die sozialen Sphären außerhalb der Arbeitswelt berücksichtigt.

Bereits in seiner Antrittsrede als Direktor des Instituts für Sozialforschung entwirft Horkheimer deshalb ein interdisziplinäres, gesellschaftstheoretisches Programm, das über den orthodoxen Marxismus hinausgeht und in dem der Psychoanalyse und der mate­rialistischen Kulturkritik eine entscheidende Rolle zukommt.

Herbert Marcuse richtet auf dieser Grundlage nach 1945 seinen Blick auf die Auswirkungen des technischen Fortschritts. In seinen 1964 unter dem Titel »Der eindimensionale Mensch« erschienenen Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft beschreibt Marcuse anschaulich, wie nicht nur der ökonomische Sektor, sondern auch der politisch-administrative Bereich und die kulturelle Sphäre mittels moderner Technik zu einem allgegenwärtigen System, dem sich keiner entziehen kann, zusammengeschlossen sind. Dank technologischer Rationalität können demnach soziale Kontrolle und psychische Manipulation so effizient ausgeführt werden wie nie zuvor. Sogar die Widersprüche, die dem Kapitalismus als Klassengesellschaft immanent sind, werden zur Perfektionierung der Herrschaft genutzt. Widerstände werden aufgesaugt und in den Herrschaftszusammenhang inte­griert. So stärken selbst sozialstaatliche Errungenschaften die administrative Disziplinierung der Arbeiterklasse.

Angesichts ihrer Analyse der Totalität der kapitalistischen Verhältnisse trifft die Kritische Theorie der Gesellschaft oft fälschlicherweise der Vorwurf des Defätismus. Tatsächlich verweist jedoch gerade die Darstellung der Verhältnisse darauf, dass diese nicht unausweichlich sind. Die Kritische Theorie der Gesellschaft zeigt vielmehr, dass die Strukturgesetze des Kapitalismus weder gottgegeben noch Naturgesetz sind, sondern von Menschen ­eingerichtet und damit auch von Menschen veränderbar.

Zudem verweisen nicht nur Marcuse – der vom Vorwurf des Defätismus aufgrund seiner Rolle in der Studierendenrevolte häufig ausgenommen wird –, sondern auch Horkheimer und Adorno darauf, dass mit der Totalität auch die Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft bis in den Alltag und das Bewusstsein der Menschen hineinwachsen und so immer wieder Ungleichzeitigkeiten hervorbringen. Praktiken und Erfahrungen, die sich nicht in diese Totalität fügen und so kleine Nischen der Freiheit eröffnen.

Für eine Linke, die der Kritik an der Arbeit radikale Praxis folgen lassen möchte, gälte es, genau diese Nischen der Freiheit zu entdecken, nutzbar zu machen und zu vergrößern, um ein Denken freizusetzen, dass die kapitalistische Totalität sprengt und Verhält­nisse möglich macht, in der tatsächlich jede und jeder die eigenen Fähigkeiten entfalten kann.