Die sogenannte New Economy hat die Kritik am alten Arbeitsethos längst integriert

Das Elend der Arbeitskritik

Die sogenannte neue Mittelschicht hat die Kritik am Arbeitsethos längst in ihren flexiblen und prekären Lebensentwurf integriert. Arbeitskritik auf der Höhe der Zeit müsste auch die New-Work-Ideologie angreifen.
Disko Von

Die derzeitige Debatte über Arbeitskritik zeigt auf beklemmende Weise die Unfähigkeit der radikalen Linken, gesellschaftliche Veränderungen zur Kenntnis zu nehmen. Statt die berechtigte Arbeitskritik vergangener Jahrzehnte unreflektiert aufzuwärmen, müsste man diese in Beziehung zum derzeitigen Stand der gesellschaftlichen Verhältnisse setzen. Ganz so, als hätte sich seit den sechziger Jahren ­beziehungsweise gar seit dem 19. Jahrhundert nichts verändert, wird in der Disko-Reihe der Jungle World munter Marx zitiert, dem Antisemitismus im Arbeitsbegriff der Zwanziger nachgegangen oder werden die Situationisten und Jugendrebellionen der fünfziger und sechziger Jahre herangezogen, ohne einen kritischen Gedanken auf die Gegenwart zu verwenden.

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Die ökonomischen und politischen Bedingungen, unter denen die damaligen Arbeitsideale tatsächlich einmal die bestehenden Verhältnisse stützten und entsprechend kritisiert wurden, existieren in dieser Form nicht mehr. Die Situationisten und jugendlichen Rebellen etwa hatten es noch mit den Arbeitsverhältnissen der industriellen Wohlstandsgesellschaft der fünfziger bis achtziger Jahre zu tun. Die heut­zutage dominante Arbeitsform ist eine völlig andere. Waren in Deutschland 1970 noch 50 Prozent der arbeitenden Bevölkerung im Industriesektor tätig, sank dieser Anteil kontinuierlich auf heute 27 Prozent, der Anteil der in der Landwirtschaft Tätigen von zwölf auf ein Prozent. Der Anteil der im Dienstleistungssektor Beschäftigten dagegen stieg von knapp über 40 Prozent (1970) auf über 70 Prozent heute. In den USA sind es derzeit sogar über 80 Prozent.

Aus der Entfremdungskritik der Alternativbewegungen ist der Imperativ geworden, in der Arbeit aufzugehen, sie als sinnstiftende Selbstverwirklichung zu begreifen.

Die in den nuller Jahren formulierte Arbeitskritik wertkritischer und antideutscher Provenienz war eine Reaktion auf die mediale Kampagne gegen Arbeitslose und die Politik der rot-grünen Bundesregierung (1998–2005) unter Gerhard Schröder, die in den Hartz-Gesetzen mündete. Im Bündnis miteinander propagierten DGB-Gewerkschaften, Öffentlichkeit und Bundesregierung damals ein rigides Arbeits- und Leistungsverständnis. Die Lösung aller Probleme wurde darin ge­sehen, die Arbeitslosen mittels Umschulungen und anderen Maßnahmen an die neue Arbeitswelt an­zupassen oder in Minijobs zu zwingen.

Nicht die Krise des Produktionssektors wurde als gesellschaftliches Problem angegangen, sondern ihr Effekt, die Arbeitslosigkeit, als individuelles Motiva­tionsproblem. Damals wiesen antideutsche Kritiker auf den Antisemitismus hin, der in diesem deutschen Arbeitsethos angelegt war. Im Namen pro­duktiver Arbeit wurde einerseits gegen vermeintliche leistungsunwillige So­zialschmarotzer und andererseits gegen das als unproduktiv geltende inter­nationale Finanzkapital Stimmung gemacht. Gegen diese Arbeitsideologie wendeten sich auch die Wertkritiker der Gruppe Krisis 1999, als sie ihr »Manifest gegen die Arbeit« veröffentlichten. Dort war zu lesen, dass die Lohnarbeit längst nicht mehr zur Mehrung des stofflichen Reichtums, sondern nur noch zur Kapitalakkumulation bei­trage und ein Großteil der gesellschaftlichen Arbeit längst überflüssig sei.

Damals war es noch im besten Sinne kritisch, auf die ökonomischen Bedingungen dieses Überflüssigwerdens menschlicher Arbeitskraft hinzuweisen, weil das daran erinnerte, dass die Krise der Produktionssphäre auch zu mehr Freizeit für alle führen könnte. Längst gehört diese Auffassung in den Digitali­sierungsunternehmen der New Economy zum guten Ton, allerdings nur um die neue Freizeit als Zeit zur Optimierung der eigenen Person in Dienst zu ­nehmen.

Gut 20 Jahre nach dem »Manifest« muss man konstatieren, dass das alte Arbeitsethos, das noch Wohlstand durch Arbeit und Leistung versprach, von den mittlerweile tonangebenden Aufsteigern einer »neuen Mittelklasse« gar nicht mehr vertreten wird. Diese Bezeichnung prägte der Soziologe An­dreas Reckwitz für jenes wachsende Segment der Gesellschaft, das urban lebende, akademisch aus­gebildete und meist junge Menschen umfasst. Diese »neue Mittelklasse« hat die Kritik am Arbeitsverständnis früherer Tage längst in ihren Lifestyle integriert. Da der Anteil der Studierenden eines Geburtsjahrgangs von knapp über 30 Prozent im Jahr 2000 auf über 55 Prozent 2021 angestiegen ist, ist abzusehen, dass diese Klasse auch künftig an politischem Einfluss gewinnen wird.

Die Arbeits- und Leistungsideologie der Schröder-Ära ist diesen Leuten fremd. Das Wort Prokrastination muss nicht mehr im Duden nachgeschlagen werden, sondern ist längst in die Alltagssprache der unter 40jährigen eingegangen. Das bedingungslose Grundeinkommen befürworten nicht nur die ideologischen Claqueure und ökonomische Wegbereiter der New Economy wie Richard David Precht und Elon Musk, sondern mittlerweile etwa 50 Prozent der Deutschen.

Die ideologische Vorstellung, Aufstieg sei durch Leistung, Arbeit und Sparsamkeit zu erringen, worauf man bei Lohnforderungen immerhin noch verweisen konnte, ist längst nicht mehr die dominierende Legitimation sozialer Ungleichheit. Den Aufstieg versprechen vielmehr das richtige Networking, ein glückliches Händchen für geschäftliche Gelegenheiten oder das richtige skill- und mindset. Qualitäten also, die gerade nicht zum Repertoire der traditionellen protestantischen oder der deutschen Arbeitsethik gehören und die das verlogene Aufstiegsversprechen für alle Willigen durch ein begründungsloses »the winner takes it all« ersetzt haben. Entsprechend sind formale Abschlüsse nicht mehr aus­reichend, um seine soziale Position zu sichern und Quereinsteiger werden ­beliebter.

Aus der Entfremdungskritik der Alternativbewegungen ist der Imperativ geworden, in der Arbeit aufzugehen, sie als sinnstiftende Selbstverwirklichung zu begreifen und die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit immer weiter aufzulösen – also Arbeit als ­Leben, statt als notwendiges Übel zu verstehen. Wer dies nicht tut und sie als bloßes Mittel zum Gelderwerb sieht, gilt als unbelehrbarer Nörgler, der das positive Denken nicht verinnerlicht hat oder aufgrund seines »falschen mindset« zu Recht ins soziale Abseits der prekären Beschäftigung gehört und dem ein entsprechend kleinerer Anteil des gesellschaftlich produzierten Reichtums zustehe.

Angesichts all dessen ist von den alten Arbeitsidealen, auf die sich die l­inke Arbeitskritik negativ bezieht, nicht viel übriggeblieben. Sie droht, wie schon der vom jugendkulturellen Aufbegehren der Sechziger und Siebziger übriggebliebene Gestus von Abenteuer und Experiment, zur Begleitmusik für den Sprung von der Dienstleistungsgesellschaft in die New Economy zu werden, mit der sich jene neue Mittelklasse identifiziert und die sich in den Par­teien der Regierungskoalition wiederfindet.

Zugegeben, ganz verschwunden ist das alte Arbeitsethos nicht, verbliebene Industriearbeitern und auch neuen prekären Dienstleistungsangestellten ist es noch anzutreffen. Bei jenen also, die wissen, dass sie von der Arbeitseinstellung der Gutverdienenden oder der mit ihrer Selbstprekarisierung zufriedenen Hobby-zum-Beruf-Macher und Homeoffice-Enthusiasten mit flexibler Arbeitszeit wenig zu erwarten haben und die sich gerade deshalb in die Vorstellung der ehrlichen und produktiven Arbeit flüchten. Worin einer der Gründe besteht, warum die AfD und der Wagenknecht-Flügel der Linkspartei dort Anklang finden.

Umgekehrt ist bei den neuen Aufsteigern aus dem Hass auf die Monotonie und Langeweile, die Industriearbeit und auch einfache Dienstleistungen nach wie vor mit sich bringen, längst die soziale Verachtung der Industriearbeiter und einfachen Dienstleister geworden. In der neuen Mittelklasse wird die Kritik am traditionellen Arbeitsethos genutzt, um wahlweise die Prekarität der befristeten Halbtagsstelle als Preis für die Selbstverwirk­lichung in der Arbeit zu verkaufen oder bei den finanziell Aufgestiegenen beherzt und mit Verweis auf die eigenen Kreativität und Flexibilität zu legitimieren, warum man ein größeres Stück vom Kuchen abbekommen sollte.

So verkommt die Arbeitskritik zur individualistischen Begründung, sich aus der Drecksarbeit herauszuhalten, das schöne Leben eben nicht für alle zu fordern, sondern nur für sich selbst zu behaupten. Eine vernünftige Position wäre hier, die Verbindungen zwischen politischer Ökonomie und Ideologie wieder aufzuzeigen und die gesellschaftliche Totalität damit kenntlich zu machen, statt sich im Kulturkampf zwischen altem und neuen Arbeitsbegriff als Vertreter des Letzteren zu positionieren. Eine linksradikale Gesellschaftskritik hat sich in einer solchen Situation weder auf die eine noch die andere Seite zu schlagen, sondern den Gesamtzusammenhang zu denunzieren, in dem traditionelles Arbeitsethos und new work-Einstellung zwei Seiten derselben Medaille sind.