Der Bau des Bremer »Arisierungsmahnmals« steht immer noch aus

Schnell liefern, langsam gedenken

In Bremen soll ein Mahnmal zur Erinnerung an die Rolle des Logistik­unternehmens Kühne & Nagel in der nationalsozialistischen »Arisierung« entstehen. Das ist eine längst beschlossene Sache, doch die Verwirklichung des Vorhabens lässt auf sich warten.

Richtig zufrieden ist Henning Bleyl nicht mit dem geplanten Standort des »Arisierungsmahnmals«. Seiner Ansicht nach wäre zu prüfen, ob durch eine ­geringfügige Versetzungnicht noch mehr gewonnen werden könnte. »Hinter der Wilhelm-Kaisen-Brücke ist der für das ästhetische Funktionieren des Mahnmals erforderliche Geländeversatz bereits vorhanden, so dass keine aufwendigen Geländebewegungen ­erforderlich wären«, sagt der ehemalige Taz-Journalist im Gespräch mit der Jungle World. Die umfangreichen ­Recherchen des Mannes, der seit November 2016 Geschäftsführer der Heinrich-Böll-Stiftung Bremen ist, haben dazu geführt, dass der Bremer Logistikkonzern Kühne & Nagel im Jahr 2015 erstmals eine Beteiligung an den Verbrechen des NS-Regimes einräumte.

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Das Mahnmal, um das es geht, soll an die Rolle von Logistikunternehmen in der nationalsozialistischen »Arisierungspolitik« erinnern. Bleyl sagt, an dem von ihm bevorzugten Standort könnten die beiden Sichtschächte des Mahnmals durch die doppelt so große Höhe eine wesentlich intensivere ästhetische Wirkung entfalten. Das Zentrum des unter Beteiligung der Bremer Jüdischen Gemeinde ausgewählten Entwurfs ist ein in eine Wand eingelassener, 15 Kubikmeter großer Raum, der durch je ein Fenster von oben und von der Seite einsehbar sein soll. Der Raum ist leer, ­lediglich Schattenrisse verschwundener Möbel an den Wänden sollen auf die letzten Lebensspuren der Verfolgten hinweisen. Als besondere Qualität des Mahnmals hob Grigori Pantijelew, der stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde im Land Bremen, die Mischung aus Subtilität und Eindringlichkeit hervor. Der Entwurf füge sich sehr gut in den öffentlichen Raum ein, sei zugleich aber »provokativ genug, um zum Anhalten und zum Nachdenken anzuregen«, sagte er.

Einen konfrontativen Umgang mit dem Arisierungsgewinnler Kühne & Nagel lehnte die Bremer SPD ab. Inzwischen hat die Firma angekündigt, ihr Deutschland­geschäft in Bremen zu koordinieren.

Der offiziell vorgesehene Standort des Mahnmals liegt etwa 300 Meter flussabwärts vom Stammsitz von Kühne & Nagel am Weserufer. Ein Beschluss der von Landesparlament eingesetzten Deputation für Kultur vom September 2018 sieht vor, die Kosten in Höhe von 660 000 Euro zwischen der Stadt, der Logistikbranche und der Zivilgesellschaft aufzuteilen, da alle drei Bereiche aus dem Raub jüdischen Eigentums Profit geschlagen haben. Für die Errichtung des Mahnmals wurde eine Dauer von 22 Monaten veranschlagt. Aus Kostengründen wird derzeit diskutiert, ob der Bau des Mahnmals mit den mittelfristig anstehenden Hochwasserschutzmaßnahmen am Weserufer verbunden werden soll. Das könnte die Fertigstellung des Mahnmals an der Flanier­meile »Schlachte« jedoch weiter verzögern, möglicherweise bis ins Jahr 2021.

Für kurze Zeit hatten im Februar 2017 prägnante Zeilen den alten Stammsitz von Kühne & Nagel geziert: »500 Schiffe, 735 Züge, 1942–1944 mehr als nur Dienstleister – gegen das Vergessen«. Damit hatten Unbekannte auf die NS-Vergangenheit des Logistikkonzerns Kühne & Nagel hingewiesen. Der über mehrere Etagen mit rotem Klebeband an den Fenstern der Bauruine angebrachte Schriftzug war gut sichtbar für alle, die die Wilhelm-Kaisen-Brücke in Richtung der Innenstadt passierten, etwa um vom Flughafen zum Hauptbahnhof oder von der studentisch geprägten Neustadt zur Universität zu ­gelangen.

Kurz nach der Protestaktion wurde der alte Stammsitz der Firma abgerissen, um Platz für einen markanten Neubau zu schaffen , der voraussichtlich in diesem Jahr fertiggestellt wird. Dieser werde nicht nur einen Beitrag »zum attraktiven Stadtbild von Bremen« leisten, sagte der Hauptanteilseigner Klaus-Michael Kühne, der auch im Verwaltungsrat des Unternehmens sitzt, bei der Grundsteinlegung im Oktober 2017.

Mit seinem 44 Meter hohen Turm markiere das August-Kühne-Haus künftig sogar den »Eingang zur Bremer Innenstadt«, so der Firmenerbe. Der Bremer Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) bezeichnete den weltweit drittgrößten Logistikkonzern bei dieser Gelegenheit als »Leuchtturmunternehmen der Branche mit einer langen Tradition«.

Das Wohlwollen ist angesichts der Firmengeschichte fehl am Platz. Kühne & Nagel spielte eine Schlüsselrolle bei der »Arisierung«, also bei der Organisation und Ausführung des systema­tischen Raubs jüdischen Eigentums aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg ab 1942. Jahrzehntelang hatte der Konzern seine aktive Verwicklung in die Shoah geleugnet und behauptet, der eigenen Rolle in der ­NS-Zeit mangele es an Relevanz.

Erst Henning Bleyls Recherchen rangen Kühne & Nagel das Eingeständnis ab, an den Verbrechen des NS-Regimes beteiligt gewesen zu sein. Allerdings nutzte der Konzern dies zugleich dazu, sich selbst zu entlasten. Man habe »Versorgungslieferungen für die Armee« übernommen und sei auch »mit den Transporten von beschlagnahmten Gütern politisch und rassisch Verfolgter befasst« gewesen, hieß es in einer Erklärung. Die Tätigkeit sei »zum Teil im Auftrag des Naziregimes während der Zeit des Dritten Reiches« erfolgt, um die Existenz des Unternehmens zu sichern. Während der Grundsteinlegung sagte Kühne einem Filmteam der Bremer Regionalsendung »Buten un binnen«: »Wir sind der Meinung, dass wir nicht die einzigen Betroffenen waren, sondern dass es viele andere gab, dass das die allgemeinen Verhältnisse waren während des Dritten Reichs, und dass man uns da nicht einseitig mit identifizieren sollte.«

Der Entwurf für das Mahnmal sei das Gegenteil eines vorwurfsvoll ausgestreckten Zeigefingers, sagte Bleyl vor zwei Jahren zu Kühnes Vorwurf der »einseitigen Identifizierung«. Es handele sich keineswegs um einen Pranger, »an den Kühne & Nagel angeblich einseitig gestellt werden sollte«. Bleyl hat auch die zivilgesellschaftliche Initiative für das Mahnmal in der Nähe des Neubaus gegründet.

Lange Zeit war der Standort des Mahnmals der größte Streitpunkt. Wie viele andere Beteiligte favorisierte Bleyl eigentlich eine »konsequente Täteradressierung« in Form eines Mahnmals in unmittelbarer Nähe des Neubaus des Firma. Er begründete dies mit dem weitaus höheren Profit von Kühne & Nagel im Westeuropageschäft im Vergleich zu den Gewinnen anderer Bremer Speditionen, die lediglich lokal ­tätig gewesen waren. Doch die Bremer SPD lehnt einen konfrontativen Umgang mit dem Arisierungsgewinnler ab und konnte sich in der rot-grünen ­Koalition durchsetzen.

Bei der Grundsteinlegung für das August-Kühne-Haus hatten sich Bürgermeister Sieling und Christian Weber, der damalige Präsident der Bremer Bürgerschaft, erst auf Nachfrage zum Mahnmal geäußert. Er habe die Erwähnung des Mahnmals »schlicht und ergreifend vergessen«, sagte Weber »Buten un binnen«. Sieling betonte: »Das Mahnmal wird gebaut.« Das war allerdings keine Neuigkeit: Der Bau war ein knappes Jahr zuvor fraktionsübergreifend in der Bürgerschaft beschlossen worden.

Unabhängig davon, wann und wo das Mahnmal gebaut wird: Ein blinder Fleck bleibt bei Kühne & Nagel die Geschichte des jüdischen Firmenmitinhabers Adolf Maass. Der zeitweise größte Einzelanteilseigner verließ das Transportunternehmen im April 1933 – ohne Abfindung, kurz bevor Werner Kühne in die NSDAP eintrat. In der aktuellen Firmenchronik wird die Trennung von Maass als »freundschaftliche Abstimmung« charakterisiert, treffender wäre der Vorgang als Herausdrängen des ­jüdischen Geschäftspartners zu bezeichnen. 1942 wurde Maass zusammen mit seiner Ehefrau Käthe nach Theresienstadt deportiert und 1945 in Auschwitz ermordet.