Vor 100 Jahren wurde in München die Bayerische Räterepublik ausgerufen und wenig später blutig zerschlagen

Freiheit unerwünscht

Im Misslingen der Bayerischen Räterepublik manifestiert sich ein grundlegendes Dilemma des sozialistischen Partei­wesens: die Angst vor der eigenen Utopie.

Wer das Scheitern der Weimarer Republik und den rasanten Aufstieg des ­Nationalsozialismus verstehen will, der kommt nicht darum herum, sich näher mit dem Verlauf der Revolution von 1918/1919 zu beschäftigen, insbesondere mit deren Höhe- und zugleich Endpunkt: der Bayerischen Räterepublik. Kein einfaches Unterfangen, denn über den konkreten historischen Ereignissen in Bayern liegt ein dichter Schleier falscher Zuschreibungen und parteipolitisch motivierter Umdeutungen. Da ist zum Beispiel die unter bürgerlich-konservativen und sozialdemokratischen Historikern beliebte Verniedlichung zur »Dichterrepublik«, mit dem suggeriert wird, hier hätten weltfremde »Träumer« ein bizarres Kunstprojekt inszeniert. Oder auch der weitverbreitete Fehler, die komplette bayerische Revolutionszeit unter dem Signet »Räterepublik« abzuhandeln und somit kontrafaktisch dem ersten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner zuzurechnen.

Was ohne sozialdemokratische und parteikommunistische Gegenwehr aus der Idee einer sozialistischen Räterepublik, wie sie Mühsam vorschwebte, geworden wäre, lässt sich naturgemäß nicht sagen. Die Geschichte kennt keinen Konjunktiv.

Tatsächlich kommt es, als die Revolution am 7. November 1918 München ­erreicht, dort erst mal, genau wie zwei Tage später in Berlin, zur zweifachen Ausrufung einer wie auch immer gearteten Republik. Doch während in der Reichshauptstadt die gemäßigten Kräfte durch den Mehrheitssozialdemokraten Philipp Scheidemann vertreten werden, übernimmt dessen Part in München der Unabhängige Sozialdemokrat Kurt Eisner.
Dem Spartakisten Karl Liebknecht entspricht in München der Anarchist Erich Mühsam. Somit steht in Bayern die Revolution von Beginn an weiter links. Eisner, der sich noch in der Nacht zum Ministerpräsidenten des neuen Freistaats wählen lässt, zielt zwar auf eine repräsentative Republik, will den revolutionären Räten aber zumindest eine beratende Funktion zubilligen. Sein Kontrahent Mühsam, lebenslanger Verächter von Parlamentarismus und Parteiwesen, sieht in den Räten die ­Basis für einen Sozialismus ohne Staat, in dem alle Entscheidungswege von unten nach oben verlaufen: »Man hat mich in den Arbeiterrat gewählt, wo ich bemüht bin, radikalisierend einzuwirken, was nicht ganz vergeblich zu sein scheint. Eisner mache ich vorläufig keine zu starke Opposition, weil er in mancher Hinsicht sehr tüchtig ist (…) und der Berliner Regierung Schwierigkeiten macht, zu deren Auswirkung man ihm Zeit geben muss.«

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Dass Mühsam, der wichtigste Gegenspieler Eisners, in manchen Publikationen zur Novemberrevolution gar nicht, in anderen nur als kauzige, randständige Figur erwähnt wird, liegt nicht nur an seinem – ehrlich verdienten – Ruf als allen leiblichen Freuden zugeneigter Bohemien, sondern auch an der jahrzehntelangen Diffamierung konkurrierender sozialistischer Ideen durch die SPD. Als parlamentarische Vertretung der marxistischen Sozialisten praktizierte diese im scheinbar festgefügten und gänzlich revolutionsfernen Kaiserreich eine »Realpolitik«, die Schwüre auf Kaiser und Vaterland ebenso einschloss wie schließlich 1914 die Bewilligung der Kriegskredite. Und weil dabei jedes noch so fragwürdige Manöver mit dem Wissenschaftsanspruch des Marxismus religiös ummantelt wurde, mussten diejenigen, die dagegen opponierten, zwangsläufig Träumer oder Spinner sein. Mühsams treffender Spott­begriff für diese Haltung: »Bismarxismus«.

Damit ist nicht nur die SPD gemeint, sondern auch die USPD, die sich während des Krieges abspaltet, und ebenso die KPD, die im Dezember 1918 aus dem bis dato zur USPD zählenden Spartakusbund entsteht. Bei letzterer allerdings sieht Mühsam zeitweilig revolutionäre Potentiale in seinem Sinne. In Bayern anfangs nur eine Splittergruppe, gewinnt die KPD in Aktionsgemeinschaft mit Mühsams »Vereinigung Revolutionärer Internationalisten« (VRI) schnell an Bedeutung. Und während im Rest des Reiches Friedrich Eberts MSPD die Revolutionäre schon von rechtsextremen Freikorps zusammenschießen lässt, um ihre vertrauten Reichstagssitze nicht für sozialistische Experimente aufs Spiel zu setzen, gelingt es Mühsam und Max Levien, dem KPD-Vorsitzenden in Bayern, Ministerpräsident Eisner vorerst an der Leine der Räte zu halten.

Als Eisner am 12. Januar wählen lässt, rufen Mühsam und Levien zu einem Wahlboykott auf, dem sich auch viele Mitglieder der USPD anschließen. Die Wahl geht für Eisner verloren. Als er am 21. Februar seinen Rücktritt verkünden will, wird er von einem völkischen Attentäter erschossen, und der MSPD-­geführte Landtag löst sich verschreckt auf. Mühsam: »Er rettete mit seinem Tode die Revolution vor dem Versumpfen. Sein Untergang war seine letzte und größte revolutionäre Tat.«

Bayern wird nun de facto von den Räten regiert, in denen aber die Sozialdemokraten weiterhin die Mehrheit stellen. Dennoch drängen Mühsam und Levien verstärkt auf Ausrufung der Räterepublik. Im Sinne der gemeinsamen Ziele gewöhnt sich der Anarchist sogar die Verwendung marxistischer Termini an, ohne damit aber seine ­Positionen aufzugeben: »Nur ist mir die Überbetonung des Proletariats nicht recht angenehm. Am Ende soll doch das Proletariat überwunden werden, sich selbst überwinden, denn mit einem Siege, mit dem Sozialismus hört es doch tatsächlich auf. Proletariat setzt Ausbeutung voraus, mit der Abschaffung der Ausbeutung ist die Welt entproletarisiert.« Diese Utopie sieht Mühsam in ­einer Räterepublik, in der alle politischen Entscheidungen direkt von der Bevölkerung ausgehen, verwirklicht. Die Vertretung durch eine Partei oder gar eine Parteidiktatur wäre damit obsolet. Die inzwischen stark von Moskau beeinflusste KPD-Führung hat aber selbstredend kein Interesse daran, obsolet zu werden, und entsendet mit Eugen Leviné einen linientreuen Statthalter von Berlin nach München.

Als es am 7. April tatsächlich zur Ausrufung der Räterepublik kommt, verweigert die neu geführte KPD nicht nur ihre Teilnahme, sondern betreibt ­Opposition mit allen Mitteln. Mühsam stellt erschüttert fest, dass er bei Ansprachen vor Arbeitern plötzlich sogar antisemitisch attackiert wird. Diese Uneinigkeit der revolutionären Kräfte gibt der MSPD Auftrieb, die in Bamberg eine Nebenregierung gebildet hat und Freikorps-Truppen zusammenzieht, um auch die bayerische Revolution mit Gewalt zu beenden. Erstes Opfer ist Erich Mühsam, der am 13. April ­gemeinsam mit einigen Genossen von rechten Putschisten festgesetzt und nach Franken abtransportiert wird. Damit ist die Räterepublik eigentlich schon am Ende. Die KPD erklärt den Zentralrat für abgesetzt und setzt ­einen vierköpfigen »Vollzugsrat« um Leviné und Levien an seine Stelle.
Am 1. Mai 1919 marschieren rechtsextreme Freikorpsverbände, von ­denen manche bereits das Hakenkreuz am Helm tragen, auf Befehl der MSPD-Führung in München ein und veranstalten ein Blutbad unter den Revolutionären. Die Überlebenden werden in ­bizarren Standgerichtsprozessen ver­urteilt. Eugen Leviné wird hingerichtet, Mühsam erhält mit 15 Jahren die höchste Festungshaftstrafe.

So endet nicht nur die Bayerische Räte­republik, sondern mit ihr auch die Revolution von 1918/1919. Zugleich ist damit der erste Schritt zum Nationalsozialismus getan. Was ohne sozialdemokratische und parteikommunistische Gegenwehr aus der Idee einer sozialistischen Räterepublik, wie sie Mühsam vorschwebte, geworden wäre, lässt sich naturgemäß nicht sagen. Die Geschichte kennt keinen Konjunktiv. Doch was aus der auf den Leichen Tausender Revolutionäre errichteten Weimarer Republik werden würde, konnte man seinerzeit durchaus ahnen. Mühsam jedenfalls prognostizierte bereits am Tag der Zerschlagung der Räterepublik, dass nun sicher bald »die reaktionären Mächte das Äußerste wagen, um die Gewalt an sich zu reißen. Die Sozialdemokraten haben dann ihre Pflicht erfüllt und eine neue Ära Ludendorff mit monarchistisch-despotischer Tendenz blüht auf, die (…) ein Blutregiment über Deutschland aufrichten wird, das seinesgleichen noch nicht gesehn hat, und dessen Ende ich für meine Person bestimmt nicht erleben werde.« Damit sollte er ebenso Recht behalten wie mit seiner grundlegenden Kritik am Staatssozialismus: »Wo Staat ist, kann keine Freiheit sein und keine werden.«