Der Youtuber Rainer Winkler war jahrelang Opfer von Online-Mobbing

So sehen Sieger aus

Der Youtuber Rainer Winkler wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt. Die Netzgemeinde, die ihn jahrelang mobbte, hat längst neue Opfer gefunden.

Das Urteil fiel überraschend hart aus: Am 28. Oktober verurteilte das Amts­gericht Neustadt an der Aisch den unter dem Namen »Drachenlord« bekannten 32jährigen Youtuber Rainer Winkler wegen Körperverletzung zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung. Unter anderem hatte er einen Mann vor seinem Haus mit einer Taschenlampe ­geschlagen und an der Stirn verletzt. Bereits 2019 war Winkler zu sieben ­Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Nun muss er ins Gefängnis. Es ist das vorläufige Ende des jahrelangen Kampfs eines vereinsamten Mannes gegen einen Online-Mob, der sich obsessiv an ihm abarbeitete und bald sein erklärtes Ziel erreicht haben könnte, Winkler aus dem Internet zu vertreiben.

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Rainer Winkler aus Altschauerberg in der nordbayerischen Provinz macht seit ungefähr 2011 Youtube-Videos. In diesen spielt er Videospiele, redet über Metal, sein Leben, seine Interessen. So weit, so gewöhnlich. Jedoch ist Winkler dick, spricht breitesten fränkischen Dialekt und vermittelt ziemlich genau das Gefühl, das einige mit dem Jugendwort des Jahres 2021 bezeichnen würden: »cringe«. Die meisten seiner Zuschauer und Zuschauerinnen verfolgen seine Videos seit Jahren, um sich über ihn lustig zu machen, ihn zu ver­äppeln, zu verhöhnen und sich an seinen wütenden Reaktionen zu ergötzen.

Die Akribie, mit der Winklers Ver­folger das Leben und Wirken ihres Hassobjekts dokumentierten, kann nur als obsessiv bezeichnet werden.

Nachdem Winklers »Haider«, wie sie sich in Anlehnung an die fränkische Aussprache von »Hater« selbst nennen, seine Schwester beleidigt hatten, verlangte dieser in einem seiner Videos, sie sollten das mit ihm persönlich klären, und gab seinen Wohnort preis. Seitdem kamen seine Verächter vor seine Haustür. Akribisch dokumentierten sie im Internet ihre Pilgerfahrten zur »Drachenschanze«, dem Wohnhaus Winklers in einem fränkischen Dorf. Während andere Menschen ihre Wochenenden damit verbringen, ins ­Museum oder in den Club zu gehen, gab es für Winklers Feinde jahrelang keine schönere Freizeitbeschäftigung, als über das Internet Mitfahrgelegenheiten zu organisieren, um gemeinsam den »Drachenlord« so lange zu provozieren, bis er ihnen das gab, wonach es sie dürs­tete: zornige Reaktionen, über die sie sich lustig machen konnten.

Die Akribie, mit der Winklers Verfolger das Leben und Wirken ihres Hassobjekts dokumentierten, kann nur als obsessiv bezeichnet werden. Es gibt Blogs, Youtube-Kanäle, Podcasts, ein Forum und Telegram-Kanäle, in ­denen jedes Wort Winklers seziert wird. Sein Videospielverhalten und sein Pornokonsum werden dokumentiert und kommentiert. Es gibt Online-Games mit Winkler als Antagonisten, Lieder über ihn und Merchandise. Der junge Mann wurde als ein einziger großer Online-Witz dargestellt, seine Existenz zur Unterhaltung Tausender Menschen ausgeschlachtet. Die Angriffe gegen Winkler gipfelten bereits im Sommer 2018 im sogenannten Schanzenfest: Hunderte reisten gemeinsam nach Altschauerberg, um vor seinem Haus eine gegen ihn gerichtete Demonstration abzuhalten.

Funktionieren konnte dieses als »Drachengame« bezeichnete Mobbing nur, indem Winkler beständig abgewertet und dehumanisiert wurde. Die Bereitschaft dazu bildet die Grundlage der »Haider«-Gemeinde, denn seine Gegner und Gegnerinnen müssen verdrängen, dass es ein echter Mensch ist, den sie seit Jahren in die psychische Krankheit quälen. Winkler sei doch irgendwie selbst daran schuld, was sie ihm antun, rechtfertigen viele ihre Taten. Nicht nur, weil er, dessen Einkommen offenbar von seiner Youtube-Tätigkeit abhing, sie auch mit einem gewissen Exhibitionismus über die Jahre hinweg mit stets neuem Material belieferte. Auch problematische Äußerungen und sonstiges Fehlverhalten Winklers dienten dazu, die Angriffe auf ihn zu rechtfertigen.

Tatsächlich war Winkler mehreren Frauen gegenüber sexuell übergriffig und äußerte sich in einigen Videos rassistisch und antisemitisch, wenngleich er sich an anderer Stelle von rechter Ideologie distanzierte. Ein Blick in das inzwischen geschlossene »Drachen­schanze«-Forum, die Twitter-Accounts oder Telegram-Gruppen der »Haider« entlarvt den gelegentlich geäußerten Anspruch, man übe nur Kritik an Winkler oder wolle ihn gar resozialisieren, jedoch als bloße Ausrede oder als Projektion: Frauenverachtung, Antisemitismus, Rassismus und Queerfeindlichkeit sind in diesen Foren allgegenwärtig.

Einer der prominentesten »Haider« gab sich selbst den klangvollen Namen »Dorian der Übermensch« und kokettierte über Jahre hinweg mit NS-Rhetorik. Auch die in den sozialen Medien organisierten Hassaktionen sprechen für sich. Eine unter dem Namen »Siff­twitter« bekannte Blase war beispielsweise maßgeblich an einem Online-Angriff auf die schwarze Autorin Jasmina Kuhnke beteiligt, deren Privat­adresse in einem unter dem Titel »Massakriert Jasmina Kuhnke« veröffentlichten rassistischen Video veröffentlicht wurde, woraufhin sie ihren Wohnort wechseln musste.

Auch dass der Prozess gegen Winkler auf Twitter mit dem Hashtag »Nürnberger Prozesse« versehen wurde – die Verhandlung war aus Sicherheitsgründen nach Nürnberg verlegt worden –, zeigt, dass Kritik an dessen Aussagen zur Shoah lediglich als Vorwand diente, um sich an ihm abzuarbeiten. Den am häufigsten genutzten Vorwand, Winkler herabzusetzen, bietet aber dessen Gewicht: Kaum ein Text oder Video über ihn kommt ohne dickenfeindliche Aussagen und Kommentare aus, seine Figur ist Anlass für unzählige Beleidigungen.

Gegen das Urteil will Winkler Berufung einlegen, auch die Staatsanwaltschaft ging in Revision. Die ihm drohende Gefängnisstrafe wurde innerhalb der »Drachenschanze«-Community, aus der einige Vertreter dem Gerichtsprozess beiwohnten, bereits frenetisch bejubelt. Allerdings wird Winkler, sollte er die Haft antreten müssen, der Netzgemeinde, die den Hass auf ihn zu ­ihrem Lebensinhalt gemacht hat, bald kein neues Material mehr liefern ­können.

Noch reichen die User des »Drachen­schanze«-Telegram-Kanals alte Videos von Winkler herum, aber das dürfte schnell an Reiz verlieren. Andere sogenannte lolcows, also Menschen, die man für das eigene Amüsement im Internet angreifen und verhöhnen kann, gibt es jedoch genug, Winkler ist nur der in Deutschland wohl bekannteste. Oft entsprechen diese Menschen, wie beim Mobbing in der analogen Welt, bereits gesellschaftlich verbreiteten Feindbildern: Es sind Frauen oder transgeschlechtliche Personen, Dicke, psychisch Kranke oder von Rassismus Betroffene – nach unten tritt es sich einfacher.

Das Mobbing eines dicken und durch die konstanten Angriffe augenscheinlich psychisch kranken Mannes, der in einem heruntergekommenen Haus in einem fränkischen Dorf lebt und dessen einzige Einnahmequelle Streams und Videos darstellen, ist zweifellos von Sozialchauvinismus geprägt. Indem die Mobbenden permanent darauf verweisen, was für ein Versager Winkler sei, können sie sich selbst narzisstisch überhöhen. So erlaubt das Mobbing, sich das Elend des eigenen Lebens ein bisschen erträglicher zu ­gestalten: Die eigene Ohnmacht wird dadurch kompensiert, gewalttätig auf das Leben eines anderen Menschen einzuwirken, die Herabsetzung eines noch schwächeren »Opfers« lässt die ­eigene Schwäche in den Hintergrund treten.

Auch anderen Hassobjekten der Verfolger Winklers wird zugeschrieben, dass sie irgendwie »selbst schuld« an ihrem Opferstatus seien: entweder aufgrund ihres Kontakts zu Winkler, ihrer Produktion von »cringe«, der Spott nun mal herausfordere, oder durch missliebige politische Positionen. So wird das eigene menschenverachtende Handeln gerechtfertigt. Viele der »Haider« geben jedoch auch offen zu, dass das obsessive Angreifen bestimmter Personen einfach ein Hobby ist und für sie vor allem Unterhaltung darstellt.

Inzwischen frisst das »Game« die eigenen Kinder: Neues Hassobjekt der Blase ist ein ehemals selbst besonders aktiver »Haider«, ein Mann, der sich den Namen »Roxau der Zerschmed­derä« gegeben hat. Ehemalige Kameraden im Kampf gegen Winkler werfen nun auch ihm vor, rechtsextrem und Sexualstraftäter zu sein. Vor einigen Monaten war das noch kein Grund, sich von dem Mann zu distanzieren, nun aber arbeitet man sich im Vigilantenstil an »Roxau« ab, ähnlich wie zuvor an Winkler. Es scheint, als sei es den »Haidern« unmöglich, das zu tun, was sie Winkler immer höhnisch geraten haben: einfach den Rechner auszuschalten und das »Game« zu verlassen.