Der latente Rassismus in deutschen Stadien zeigt sich wieder offener

Der koloniale Blick im Stadion

Ein rassistischer Vorfall im DFB-Pokalspiel zwischen dem FC Schalke 04 und Hertha BSC wurde jüngst deutlich verurteilt und scharf sanktioniert. Doch der unterschwellige Rassismus im Profifußball wird nicht immer derart entschieden bekämpft.

Dass ein 22jähriger Profifußballer und deutscher U-Nationalspieler am 4. Februar in einer der größten deutschen Fußballarenen aus dem Publikum heraus mit Affenlauten rassistisch angepöbelt wurde, hat die Fußballwelt schockiert. Nicht nur, weil die Bilder aus der Arena auf Schalke überall zu sehen waren, auf denen Jordan Torunarigha, ein Spieler von Hertha BSC, weint, während seine Mitspieler und auch Spieler des Gegners versuchen, ihn zu trösten und davon abzuhalten, das Spielfeld zu verlassen; sondern auch, weil sich so etwas nicht nur in Gelsenkirchen, sondern auch in Hamburg, Dortmund, Leipzig oder in Berlin ereignen könnte, überall in einem Land, in dem viele Leute immer weniger Scham dabei verspüren, öffentlich ihre Verachtung für »Schwarze« zu äußern, etwa in Fußballstadien. Es kehrt ein offener, plumper Rassismus in die großen Arenen zurück, der einst mit dem rechten Hooligan-­Milieu der frühen neunziger Jahre verbunden war und von dem man glaubte, ihn aus den Stadien verbannt zu haben.

Erst vor einem halben Jahr waren die Reaktionen beim DFB und im Verein auf rassistische Äußerungen des Schalker Spitzenfunktionärs Clemens Tönnies sehr viel milder und widersprüchlicher ausgefallen als jüngst auf die Affenlaute im Stadion.

Entsprechend heftig reagierten die offiziellen Stellen. Der DFB brumm­te dem FC Schalke 04 eine Geldstrafe von 50 000 Euro auf, der Vorstand des Vereins entschuldigte sich samt Trainern und Spielern sofort nach dem Spiel öffentlich für den Vorfall, alle wichtigen Gremien von der Deutschen Fußballliga bis zu den Vereinsspitzen bekundeten unter dem Hashtag #NoToRacism ihre Solidarität mit Torunarigha. Die rege Schalker »Faninitiative gegen Rassismus« verwies auf das Vereinsleitbild, das Rassismus und Fremdenfeindlichkeit deutlich verurteilt.
Dass allerdings erst vor einem halben Jahr die Reaktionen beim DFB und im Verein auf rassistische Äußerungen des Schalker Aufsichtsrat­vorsitzenden Clemens Tönnies sehr viel milder und widersprüchlicher ausgefallen waren als die klare Reaktion auf die jüngsten Affenlaute, war auffällig. Gerald Asamoah, ein ehemaliger Schalker Spieler, hatte Tönnies’ rassistische Äußerungen damals scharf verurteilt: »Er beleidigt mich und alle anderen Betroffenen.« Hans Sarpei, ebenfalls ein ehemaliger Publikumsliebling bei Schalke, hatte damals auf Facebook geschrieben, Tönnies’ Aussagen zeigten »ein Weltbild, das an die Kolonialzeit erinnert«. Viele Kritiker sprachen von latentem Rassismus. Clemens Tönnies hatte als Inhaber des größten deutschen Schweineschlachtbetriebs, der »Tönnies Holding«, beim »Tag des Handwerks« in Paderborn eine Festrede gehalten und sich dabei zum Thema Klimawandel geäußert: Um diesen aufzuhalten, sollten lieber neue Kraftwerke in Afrika gebaut werden, anstatt hierzulande die CO2-Steuern zu erhöhen. »Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.«

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Einigkeit bestand in der Öffentlichkeit schnell darüber, dass diese Aussage weder schlau noch angemessen gewesen sei. Aber es entstand eine heftige Diskussion darüber, ob sie denn auch wirklich rassistisch gewesen sei. Die Meinungen dazu gehen weiterhin im Verein und bei den Fans sowie im DFB und in der Sportpolitik auseinander. Tönnies durfte am Ende mit dem Segen des Ehrenrats von Schalke 04 (»Vorwurf des Ras­sismus unbegründet«) und der Ethikkommission des DFB (»Tönnies ist kein Rassist«) nach drei Monaten Pause auf seinen Posten im Verein zurückkehren.

Das Publikum in Paderborn hatte seine Äußerungen mit großem Applaus gewürdigt, die Schalker Vereinsorgane hatten mehrheitlich keinen Rassismus in der Aussage erkennen können. Verständnis hatte Tönnies zudem in einem Kommentar der »Tageschau« gefunden – mit einer verqueren Begründung. Der damalige Erste Chefredakteur von »ARD-aktuell«, Kai Gniffke, hatte die Sätze so kommentiert: »Was für ein Blödsinn, was für eine Zumutung. Aber ist Tönnies deshalb ein Rassist? Nein.« Wenn alles in die »Schublade Rassismus« einsortiert werde, was man für »gedankenlos, gestrig und Altherrengewäsch« halte, dann erkläre man sehr viele Menschen zu Rassisten. Doch die koloniale Sicht, die Hans Sarpei in Tönnies Rede erkannte, prägt weiterhin den europäischen Umgang mit dem afrikanischen Fußball. Zunächst war der Sport in Afrika nur ein Instrument des Kolonialismus. Für Missionare, Kolonialbeamte und Unternehmer war Fußball ein pädagogisches Mittel, um die Afrikaner zu disziplinieren. Durch Fußball sollten »die Schwarzen« lernen, sich an Regeln zu halten, Autoritäten zu akzeptieren und vor allen Dingen auch mit Ungerechtigkeiten zu leben und diese hinzunehmen. Beherrschend war die kolonialistische Zuschreibung, afrikanische Fußballer seien robuste und kräftige, aber letztlich undisziplinierte Läufernaturen.

Doch mit der Zeit bestimmte der Kampf der Afrikaner für die Aneignung und Umdeutung des Spiels die Geschichte des afrikanischen Fußballs. Im Zuge der Herausbildung post­kolonialer Nationalstaaten entwickelte sich der Fußball auf dem afrikanischen Kontinent zu einem wich­tigen Bereich, in dem sich – männliches – Selbstbewusstseins entwickeln konnte. Wie kein anderer Aspekt der kolonialen Kultur hat der Fußball Aufnahme bei der afrikanischen Bevölkerung gefunden. Spätestens in den sechziger Jahren bildete sich in Europa ein Ideal des afrikanischen Fußballs, das Spiel­intelligenz, tech­nische Finessen und Eleganz betonte. Ein berühmter Name, der damit assoziiert wurde, war Eusébio von Benfica Lissabon. Eine wichtige Facette des neokolonialen Blicks auf den afrikanischen Fußball war dessen Idea­lisierung. Im Zuge der Kommerzialisierung und Globalisierung des europäischen Fußballs in den Neunzigern wurde ein als natürlich und intuitiv angesehener afrikanischer Fußball zum Gegenmodell des domestizierten, rationalen Fußballs europäischer Prägung. In einem Anflug von romantischer Nostalgie erhoffte man sich vom afrikanischen Straßenfußball eine »Reinigung« des von Taktik und Disziplin geprägten modernen Spiels.

Diese neue Bewunderung für den als ungezwungen und bisweilen als magisch wahrgenommenen Fußball in Afrika blieb allerdings immer mit alten, negativen Zuschreibungen verbunden, wie sie im Diskurs über ­afrikanische Körperlichkeit und Athletizismus seit dem 19. Jahrhundert vorherrschen. So wurde einer der Stars des FC Barcelona, Samuel Eto’o Fils aus Kamerun, einer der besten Fußballer der Welt in den nuller Jahren, bei spanischen Ligaspielen wiederholt als »wildes Tier« bezeichnet. Die Figur des Tiers lebt in transformierter Weise im postkolonialen Zeitalter fort, hier liegen die Verbindungen zu Tönnies’ Rede. Für europäische Clubs sind Afrikaner gute wilde Handelsobjekte, die gezähmt werden müssen, unterstützt durch ein völlig idealisiertes Bild von Europa, das in Afrika vorherrscht: Europa als das Land, wo Milch und Honig fließen. Für die wenigen Fußballer, die dann auf Weltklasseniveau bezahlt werden, mag das zutreffen, für die Masse aber kaum.

Christian Ewers hat ein Buch über den afrikanischen Fußballs geschrieben: »Ich werde rennen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer: Die Tragödie des afrikanischen Fußballs«. Er erzählt darin eine kleine Geschichte: »Ich habe mit einem Spielerberater gesprochen, der auch brasilianische Spieler vermittelt. Es sei wesentlich leichter, einen Brasilianer zu vermitteln als einen Afrikaner. Wenn ein Brasilianer kommt und Hacke-Spitze-eins-zwei-drei spielt, dann heißt es: ›Der sprüht ja, der hat Energie, der hat Ideen.‹ Wenn es ein Afrikaner macht, dann heißt es: ›Naja, ob wir den ein­gefangen kriegen.‹ Das ist eher Circus Krone.« Diese seit Beginn der europäischen Expansion typische Reduktion des afrikanischen Mannes auf wilde Körperlichkeit verbindet sich im Fußball mit dem Geschäft: Es kommen europäische Trainer in afrikanische Länder, tragen über Fußballschulen und Talentschmieden den europäischen Fußballstil nach ­Afrika und produzieren so vor allem Nachschub für europäische Clubs.