Selbst deutschen Behörden sind die Aktivitäten des verbotenen Netzwerks »Blood and Honour« nicht verborgen geblieben

Ian Stewart bleibt untot

Mit den jüngsten Razzien im Nazimilieu wollen deutsche Behörden den Wiederaufbau von »Blood and Honour« verhindern. International betätigt sich das rechtsextreme Netzwerk weiterhin äußerst rege.

Mindestens 165 Polizisten durchsuchten im Dezember 15 Objekte in fünf Bundesländern. Unter der Leitung der Bayerischen Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus, einer Abteilung der Generalstaatsanwaltschaft München, wollten die ­Behörden gezielt gegen den Wiederaufbau der seit September 2000 verbotenen Neonazivereinigung »Blood and Honour Division Deutschland« vor­gehen. Die Beamten verhafteten im Zuge der Razzien vier Personen, gegen die bereits ein Haftbefehl vorlag. Sie stellten zudem eine Hakenkreuzfahne, Ton­träger, Schlag- und Stichwaffen sowie umfangreiches Propagandamaterial ­sicher. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) verkündete stolz, dass die Ermittler den Neonazis »vor allem durch Erkenntnisse unseres Landesamts für Verfassungsschutz auf die Schliche gekommen« seien.

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Die Durchsuchungen kamen keineswegs überraschend. In den vergangenen drei Jahren waren immer wieder Informationen über Aktivitäten von »Blood and Honour« an die Öffentlichkeit gelangt, beispielsweise über die Auftritte einschlägiger Bands und Redner, die dem Netzwerk zugeordnet ­werden, auf rechtsextremen Großveranstaltungen im thüringischen Themar und im sächsischen Ostritz. Allzu offensichtlich ignorierte das Nazi­milieu das Verbot der Organisation. Die Razzien waren eine Reaktion darauf.

Bereits seit Ende 2016 war zum Beispiel dem Thüringer Landeskriminalamt bekannt, dass es auf Rechtsrockkonzerten immer wieder eine offensichtliche Bezugnahme auf »Blood and Honour« gegeben hatte, wie aus den Antworten auf parlamentarische Anfragen der Landtagsabgeordneten Katha­rina König-Preuss (»Die Linke«) im Jahr 2017 bekannt wurde. Im September 2017 hielt die Bundespolizei ein Dutzend deutscher Neonazis an der tschechischen Grenze an, die dem Netzwerk von »Blood and Honour« angehörten. Sie befanden sich auf dem Rückweg von einem Schießtraining. Die Dortmunder Band Oidoxie und ihr Sänger Marko Gottschalk sollen antifaschistischen Recherchen zufolge eine Schlüssel­position in der Organisation und deren militant-terroristischem Arm »Combat 18« einnehmen. Auf dem Festival »Schild und Schwert«, das bereits mehrfach in Ostritz stattgefunden hat, gehörte Oidoxie im vergangenen Jahr zu den Hauptbands. Organisator dieser Konzerte war der thüringische NPD-Landesvorsitzende Thorsten Heise, der Musik von Bands vertreibt, die dem Netzwerk von »Blood and Honour« nahestehen.

Mitglieder von »Blood and Honour« wohnten gemeinsam mit Vertretern des ungarischen Verteidigungs­ministeriums einer Einweihung von Soldatengräbern bei.

Ziel der bereits 1987 von Ian Stuart, dem Sänger der britischen Rechtsrock-Band Skrewdriver, gegründeten Organisation war und ist die weltweite ­Zusammenarbeit im rechtsextremen Musikgeschäft und die damit einher­gehende Koordination des gewaltbereiten Neonazimilieus. Schätzungen ­zufolge sind weltweit bis zu 10 000 Personen bei »Blood and Honour« organisiert. Einige konspirative Kreise dienen nicht nur der Organisation von Konzerten oder der Produktion von Musik, sondern auch dem Aufbau und der Unterstützung rechtsextremer Terrorzellen. In seinem Buch »The Way Forward« schreibt Erik Blücher, einer der Gründer der norwegischen Sektion von »Blood and Honour«: »Das Konzept der Waffen-SS enthält alle Prinzipien sowie den wahren Geist unserer Überzeugung in seiner reinsten Form, von der wir unsere Inspiration zur Organisierung einer neuen Legion arischer Gladiatoren beziehen müssen.« Im April 1999 verübte »Combat 18«, der bewaffnete Arm von »Blood and Honour«, Nagelbombenanschläge in vorwiegend von Zuwanderern und Homosexuellen bewohnten Gegenden Londons und ­tötete dabei drei Menschen. Mehr als 160 Menschen wurden verletzt, einige davon schwer. Die Anschläge dienten als Vorbild für das spätere Nagelbombenattentat des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) in der Kölner Keupstraße im Juni 2004. Das Kerntrio des NSU studierte nach derzeitigem Kenntnisstand die Strategiepapiere von »Combat 18« und wurde von Personen aus dem Netzwerk von »Blood and ­Honour« maßgeblich unterstützt. Nach Zeugenaussagen im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags sollen auf Konzerten von »Blood and Honour« auch Spenden für den NSU gesammelt worden sein. Bereits ein Jahr nach der Selbstenttarnung des NSU soll sich eine vom Netzwerk autorisierte Sektion »Combat 18 Deutschland« gegründet haben.

Wie aus der Pressemitteilung der Polizei zu den Durchsuchungen im Dezember 2018 hervorgeht, soll die nach dem Verbot von »Blood and Honour« entstandene Organisation »Teil eines internationalen Rechtsextremistennetzwerks« sein, das »sich in der Vergangenheit immer wieder als gewaltbereit ­erwiesen« habe. Tatsächlich ist das internationale Netzwerk umtriebig. Neben der Werbung für Gedenkkonzerte für Ian Stuart in Melbourne (Australien) und Verona (Italien), einem »White Christmas«-Konzert in London und ­Balladenkonzerten zur Erinnerung an gefallene Soldaten gibt es auf der ­Website des ungarischen Ablegers von »Blood and Honour« einen Bericht über die Einweihung von 13 restaurierten Soldatengräbern im ungarischen Nagytarcsa. Mitglieder von »Blood and Honour« wohnten eigenen Angaben zufolge im vergangenen Monat gemeinsam mit Vertretern des Militärinstituts des ungarischen Verteidigungsministeriums einer Zeremonie bei, bei der die Gräber auf einem Friedhof feierlich eingeweiht wurden.

Hingewiesen wird auf der Website zudem auf eine große Feier zum fünften Geburtstag von »Blood and Honour Hungary«, die am 20. April 2019 in Győr stattfinden soll. Auf der Website der »Veneto Fronte Skinheads«, eines italienischen Ablegers von »Blood and Honour«, sind Solidaritätsbekundungen mit rechtsextremen Hausprojekten in Bologna, die von Antifaschisten angegriffen wurden, und mit einem verurteilten Kameraden aus Bari zu finden. Auch die »Veneto Fronte Skinheads« bewerben ein großes Konzert am 20. April 2019. Dieses steht unter dem Motto »Defend Europe – Easter Fest«.

Über die Website der serbischen Sektion von »Blood and Honour« gelangt man unter anderem zu dem sächsischen Nazimusiklabel Front Records, bei dem neben einschlägiger Musik auch Sweatshirts von Skrewdriver im Design des Logos von »Blood and Honour« ­bestellt werden können. Front Records gehört zum Milieu organisierter Neonazis in der Region um Wurzen. Neben PC Records aus Chemnitz zählt das ­Label zu den bedeutendsten rechtsextremen Musikfirmen in der Bundes­republik. Als die deutsche Sektion von »Blood and Honour« im September 2000 verboten und das Netzwerk mit Razzien und Verhaftungen überzogen wurde, blieben die sächsischen Neo­nazis verschont. Der sächsische Ableger von »Blood and Honour« war bereits im Oktober 1998 aus der bundesweiten Organisation ausgetreten. Auch bei den jüngsten bundesweiten Hausdurchsuchungen traf es die sächsischen ­Kameraden nicht.