Die Kommunistische Partei Italiens – die Geschichte eines Niedergangs

Avantgarde und Volkspartei

Der Partito Comunista Italiano war lange die größte kommunistische Partei Westeuropas. In vielerlei Hinsicht hat die italienische Entwicklung die Krise linker Parteien vorweggenommen.

»Das Land, in dem es keine Linke mehr gibt« – die erste italienische Ausgabe des US-amerikanischen Magazins Jacobin, die im November erschienen ist, liefert eine treffende Beschreibung der derzeitigen politischen Verhältnisse in Italien. Während die am weitesten rechts stehende Koalition der republikanischen Geschichte regiert, ist eine relevante politische und gesellschaftliche Opposition, die sich als links versteht, inexistent. Wie konnte es so weit kommen?

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Der italienische Fall gehört zur Krise der europäischen Linken und ist gleichzeitig ein besonderer, denn Italien hat diese Krise – die nicht nur eine linker Parteien, sondern des Parteiensystems an sich war – bereits in den neunziger Jahren vorweggenommen. Der Korruptionsskandal, der damals den gesamten Staatsapparat umfasste und bei den Parlamentswahlen 1994 zum Sieg von Silvio Berlusconi führte, leitete jene Krise der politischen Repräsentation ein, mit der viele Phänomene der heutigen Politik – vom »Brexit« über Donald Trumps Wahlsieg bis hin zu den »Gelben Westen« – erklärt werden.

Im katholisch-konservativ regierten Italien beeinflussten linke Intellektuelle das gesellschaftliche und kulturelle Klima stark. Bekannte Schriftsteller, Philosophen waren damals Mitglieder des PCI. Europäische Intellektuelle hielten sich gerne in Italien auf – unter anderem Jean-Paul Sartre und Bertolt Brecht.

Die italienische Besonderheit hat mit der Geschichte der einst mit über zwei Millionen Mitgliedern größten kommunistischen Partei Westeuropas zu tun – dem Partito Comunista Italiano (PCI).

Es ist zweifellos die Geschichte eines Niederganges, wie Rossana Rossanda, eine der prominentesten Figuren dieser Partei und gleichzeitig eine ihrer erbittertsten Kritikerinnen, in ihrer Autobiographie schreibt: »Die Sache des Kommunismus und der Kommunisten im 20. Jahrhundert hat so kläglich geendet, dass man sich unbedingt damit auseinandersetzen muss. Was bedeutete es, in Italien ab 1943 Kommunist zu sein? (…) Ich beginne, indem ich mich selbst befrage.« In »Die Tochter des 20. Jahrhunderts« (2007) beschreibt die heute 94jährige diese Geschichte aus der Sicht von jemandem, der 1969 aus der eigenen Partei ausgeschlossen wurde. Es lohnt sich, die Geschichte des PCI anhand dieser politischen und persönlichen Selbstbefragung zurückzuverfolgen, die gleichzeitig von den tiefgehenden Konflikten in der italienischen Nachkriegsgesellschaft erzählt. Rossanda konzentriert ihre Erzählung auf die erste Hälfte ihres Lebens als Kommunistin in Italien: die Befreiung vom Faschismus, die Rückkehr des PCI in die Legalität und die Organisation ­einer Partei, die in den fünfziger und sechziger Jahren immer mehr politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Einfluss gewann. Das alles in einem konservativ regierten Land, in dem die faschistische Vergangenheit nicht nur nicht beseitigt worden war, sondern im »tiefen Staat« weiterlebte.

Rossanda war als Leiterin der Mailänder Casa della Cultura in den fünfziger Jahren eine Protagonistin jener Vermengung von Politik, Kunst und Kultur, die Antonio Gramscis Theorie der »kulturellen Hegemonie« entsprach.

Im katholisch-konservativ regierten Italien beeinflussten linke Intellektuelle das gesellschaftliche und kulturelle Klima stark. Bekannte Schriftsteller, Philosophen und Filmemacher der Nachkriegszeit wie etwa Elio Vittorini, Pier Paolo Pasolini, Italo Calvino und Luchino Visconti waren damals Mitglieder des PCI. Europäische Intellektuelle hielten sich gerne in Italien auf, viele kamen nach Mailand ins von Rossanda geleitete Haus der Kultur – unter anderem Jean-Paul Sartre und Bertolt Brecht.

Doch der PCI war nie nur intellektuelle Avantgarde, sondern immer auch Arbeiter- und »Volkspartei«, die durch eine militante Organisation in den ­Fabriken und  konsequente Gemeindepolitik eine starke Verankerung in der Bevölkerung besaß, insbesondere in Mittel- und Norditalien. Bis weit in die achtziger Jahre war die identitäts- und kulturstiftende Funktion des PCI durchaus vergleichbar mit der der Christdemokraten, so dass man den Kommunismus sogar als eine Art »zweite Kirche« neben der katholischen angesehen hat.

Schon in den fünfziger Jahren war jedoch die autoritäre und repressive Seite des real existierenden Sozialismus unübersehbar. Lange vor 1968 begannen einige Intellektuelle, auf Distanz zu gehen. Als die Parteiführung es nicht wagte, die sowjetische Niederschlagung des Prager Frühlings zu verurteilen, eskalierten die Konflikte zwischen den Linientreuen und den Kritikern. Als Rossanda 1969 ­gemeinsam mit Luigi Pintor, Luciana Castellina und Aldo Natoli die Gruppe »Il Manifesto« gründeten – die der bis heute bestehenden »kommunistischen ­Tageszeitung« aus Rom ihren Namen gab –, wurden alle aus der Partei aus­geschlossen.

In diesem Jahr begann ein neues Kapitel in der Geschichte der italienischen Linken – die bis dahin den PCI immer als Referenzpunkt betrachtet hatte. Ab 1968 wurde die Geschichte der Partei eine der permanenten Auseinandersetzung mit einer immer größer werdenden außerparlamentarischen Opposition. Die Achtundsechziger-Revolte traf auf eine Partei, die zwar weniger stalinistisch als die anderer Länder, aber in ihrem Konzept und ihren Formen überholt war. Im folgenden Jahrzehnt standen Millionen von Menschen aus den verschiedensten Schichten in radikaler Opposition sowohl zum bürgerlichen Staat als auch zum PCI und den Gewerkschaften.

Der Kosmos der außerparlamentarischen Linken setzte sich aus einer Vielzahl von Gruppen und Grüppchen zusammen, deren vielleicht einzige Gemeinsamkeit war, dass sie die politische Militanz nicht mit der Machtfrage, sondern mit radikal-alternativen ­Lebensentwürfen verbanden.

Mit dem Jahr 1969 beendet Rossanda ihre Erzählung. Ihr Buch kam mitten in der Berlusconi-Ära heraus, die jetzt auch schon Geschichte ist.
Im Land ohne Linke proklamieren die Herrschenden, dass die Kategorien von rechts und links überholt seien. Dem haben die Erben des PCI nichts entgegenzusetzen.