Fast drei Viertel der Iraner sind der Meinung, die westlichen Länder sollten die regimekritischen Proteste unterstützen, indem sie Teheran ernsthaft unter Druck setzen.

 

Eine vom niederländischen Institut Gamaan zwischen 21. und 31. Dezember durchgeführte Meinungsumfrage unter mehr als 158.000 Teilnehmern im Iran ergab, dass mehr als 80 Prozent der Befragten die Islamische Republik ablehnen und eine demokratische Regierung bevorzugen. Die Umfrage umfasste auch eine Stichprobe von 42.000 in der Diaspora lebenden Iranern, die sehr ähnliche Einstellungen im In- und Ausland ergab.

Als Antwort auf die Frage »Islamische Republik: Ja oder Nein?« antworteten 81 Prozent der Befragten im Land mit »Nein« zur Islamischen Republik, 15 Prozent mit »Ja« und vier Prozent waren sich nicht sicher. Von den iranischen Befragten im Ausland antworteten 99 Prozent mit »Nein«, berichtete Gamaan.

In einer Folgefrage an jene, die mit »Nein« geantwortet hatten, wurde nach dem von ihnen bevorzugten demokratischen und säkularen politischen System gefragt. Davon bevorzugten 28 Prozent im Iran und 32 Prozent außerhalb des Irans eine Präsidialrepublik, zwölf Prozent im Iran und 29 Prozent außerhalb eine parlamentarische Republik und 22 Prozent im Iran bzw. 25 Prozent außerhalb eine konstitutionelle Monarchie.

Innovative Befragungsmethoden

In einer Pressemitteilung erklärte Gamaan, »die Umfrage sei »online über eine spezielle und sichere Plattform durchgeführt« worden. In Anbetracht der schwierigen Zugänglichkeit und der drohenden Repression habe Gamaan ein spezielles Online-Tool verwendet, um die Befragten im Iran zu erreichen und eine möglichst repräsentative Stichprobe zu erhalten. Gamaan erklärte, dass es »digitale Werkzeuge und verschiedene Methoden einsetzt, um die wirklichen Ansichten der Iraner zu sensiblen sozialen und politischen Themen zu ermitteln. Der Grund für den innovativen Ansatz von Gamaan ist die Tatsache, dass herkömmliche Erhebungsmethoden im bestehenden iranischen Kontext keine gültigen Ergebnisse liefern können.« Darüber hinaus seien Zuverlässigkeitsvergleiche mit verfügbaren Daten und anderen Umfragen durchgeführt worden.

Was die regierungsfeindlichen Proteste seit Mitte September betrifft, so unterstützen 80 Prozent der Bevölkerung die Bewegung; 67 Prozent glauben, dass die Proteste Erfolg haben werden, 14 Prozent nicht. Rund 15 Prozent der Bevölkerung im Inland sind gegen die Proteste. Die Befragten außerhalb des Landes unterstützen die Proteste mit noch größerer Mehrheit: 90 Prozent glauben an den Erfolg, neun Prozent nicht.

Die Antworten bestätigen insgesamt die von vielen Beobachtern geteilte allgemeine Ansicht, dass das klerikale Regime eine Unterstützung von zehn bis 15 Prozent im Land genießt. Während sich 60 Prozent der Befragten im Iran als Befürworter eines Regimewechsels als Vorbedingung für einen echten Wandel bezeichnen, unterstützen nur sechs Prozent schrittweise Reformen, während elf Prozent die Grundsätze der Islamischen Republik bejahen.

Die Proteste im Iran

Die Umfrage ergab, dass 85 Prozent der Befragten im Iran, die die Proteste unterstützen, mit der Bildung eines sogenannten Oppositionsrats einverstanden wären, der sich aus prominenten Aktivisten verschiedener politischer Richtungen zusammensetzt und die führende Rolle in der Kampagne gegen die Islamische Republik übernehmen soll. Fast 60 Prozent erwarten, dass ein solcher Rat eine provisorische Regierung bilden könnte. 

Die Befragten nannten rund zwanzig prominente Persönlichkeiten im Iran und im Ausland, die als Kandidaten für diesen Rat infrage kämen: Reza Pahlavi, Ali Daei, Ali Karimi, Hamed Esmaeilion, Hossein Ronaghi, Nazanin Boniadi, Fatemeh Sepehri, Masih Alinejad, Nasrin Sotoudeh, Toomaj Salehi, Narges Mohammadi, Molavi Abdolhamid, Golshifteh Farahani sind dabei die genannten Spitzenkandidaten

Bemerkenswert ist auch, dass 73 Prozent der Befragten innerhalb des Landes der Meinung sind, die westlichen Länder sollten die Rechte der Demonstranten verteidigen, indem sie Teheran ernsthaft unter Druck setzen. Von den iranischen Befragten außerhalb des Landes unterstützen sogar 96 Prozent diese Ansicht. Im Gegensatz dazu sind nur rund 19 Prozent der Befragten innerhalb des Landes der Meinung, dass westliche Mächte nicht eingreifen sollten, da die Proteste eine interne Angelegenheit seien.

Auch sei »eine Mehrheit von 70 Prozent damit einverstanden, dass westliche Regierungen das Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) als terroristische Organisation einstufen, die Botschafter der Islamischen Republik ausweisen, eine internationale ausländische Intervention zum Schutz der Demonstranten zulassen, Funktionäre, die bei der Unterdrückung der Proteste eine Rolle gespielt haben, mit Sanktionen belegen und das Eigentum und Vermögen des Irans beschlagnahmen, um der Regierung den Zugriff darauf zu verwehren«, schloss Gamaan seine Ausführungen.

 

Beitrag zuerst erschienen auf Mena-Watch