Ein Gespräch mit dem ungarischen Schriftsteller Gábor Zoltán über die Pfeilkreuzler-Diktatur und die mangelnde Aufarbeitung

»Ihre Namen bleiben für immer mit ihren Taten verbunden«

In Teilen Ungarns errichteten die Pfeilkreuzler mit Unterstützung der Nationalsozialisten von Oktober 1944 bis März 1945 eine Kollaborationsregierung und Diktatur. Der ungarische Schriftsteller Gábor Zoltán schreibt über die Ergebnisse der Geschichtsforschung und seiner eigenen Recherche zu den Gräueltaten der faschistischen Partei in seinem Wohnbezirk in Budapest.
Interview Von

Als Regisseur haben Sie viele Jahre lang für den ungarischen Rundfunk gearbeitet. Wann haben Sie angefangen, Bücher zu schreiben?

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Meine erste Sammlung von Kurzgeschichten wurde 1997 veröffentlicht, damals noch neben meiner Arbeit für den ungarischen Rundfunk. Im Jahr 2010 wurde Viktor Orbán Ministerpräsident. Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Schaffung eines neuen Mediengesetzes. Seine Partei Fidesz ­erhielt damit die totale Kontrolle über das öffentliche Fernsehen und den Rundfunk, und alle wurden entlassen, die nicht mit dem neuen System vereinbar waren. So ist es mir ergangen, obwohl ich nicht an politischen Rundfunkprogrammen beteiligt war. Ich konnte nirgendwo anders hin, also ­hatte ich keine andere Wahl, als zu schreiben.

»Jeden Tag bekennen sich mehr und mehr Ungarn öffentlich dazu, dass sie mit den Tätern und nicht mit den Opfern fühlen.«

In »Orgie« beschreiben Sie, was in den Monaten der Herrschaft der Pfeilkreuzler im 12. Budapester Bezirk geschah, in »Nachbar«, was ­vorher und nachher mit den Pfeilkreuzlern geschehen ist. Warum ­haben Sie dieses Thema gewählt, abgesehen davon, dass Sie in diesem Bezirk leben?

In Ungarn ist in den vier Jahrzehnten des Kommunismus fast nichts von dem aufgearbeitet worden, was während des Zweiten Weltkriegs geschehen ist. So wurde die Vernichtung von mehr als einer halben Million ungarischer Bürger jüdischer Herkunft, an der die Behörden und die Bürger Ungarns beteiligt waren, erst während der acht­ziger Jahre richtig geklärt. Im kommunistischen System geschah Unrecht, fast jeder wurde unterdrückt. Als die Freiheit kam, wurde man auch frei, ein Nationalist zu sein, sogar ein Nazi. Jahr für Jahr wurden die Hassreden lauter und lauter.

Die Fidesz, die ursprünglich den Anspruch hatte, eine liberale Partei zu sein, wurde in der Anfangszeit als unpatriotisch, prowestlich und projüdisch kritisiert. Seitdem hat sie einen langen Weg zurückgelegt und ist nun eindeutig nationalistisch und antiwestlich. Für mich war 2010 die Nazi-Rhe­torik schwer zu ertragen, die typisch für Orbáns Lieblingspublizisten ist, aber auch stark an die Nazi-Texte der dreißiger und vierziger Jahre erinnert. Da in dem Viertel, in dem ich aufgewachsen bin und heute noch lebe, während des Zweiten Weltkriegs die ungarische Nazi-Partei, die Pfeilkreuzler, besonders stark war, dachte ich, ich müsse mich in dieses unangenehme Thema ver­tiefen.

Über welche Quellen verfügten Sie und wie lange hat die Recherche gedauert?

Ich habe historische Werke gelesen, die Presse der dreißiger und vierziger Jahre, und dann habe ich angefangen, in Archiven zu recherchieren. In dieser Hinsicht hatte ich Glück: Ich konnte re­gelmäßig ganze Arbeitstage mit der Recherche verbringen. Ich habe vier Jahre bis zur Fertigstellung von »Orgie« benötigt.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie erfuhren, was in der Nähe Ihres Hauses geschehen war?

Es war so überwältigend, dass ich lange Zeit versucht habe, es zu verdrängen – bis mir klar wurde, dass ich nicht nur das aufnehmen sollte, was ich schon wusste, sondern so viel wie möglich zu diesem Wissen beitragen musste.

Nach der kommunistischen Geschichtsauffassung waren diejenigen Pfeilkreuzler, die diese schrecklichen Verbrechen begangen haben, minderjährige Kriminelle. Tatsächlich aber waren die meisten von ihnen Stadtbewohner der ersten Generation, Facharbeiter, Gewerbetreibende, Einzelhändler und Intellektuelle. Gibt es dafür irgendeine Entschuldigung?

Die Pfeilkreuzler sind für ihre Taten – für ihre Verbrechen – verantwortlich und keine »Opfer der Umstände«. Ihre Namen bleiben für immer mit ihren Taten verbunden. Deshalb habe ich ihre Namen genannt. Hingegen habe ich die Namen der Opfer geändert, weil sie von den Tätern systematisch gedemütigt wurden und ich dies nicht wiederholen wollte. Einige von den Häusern der Pfeilkreuzler werden heute von Personen bewohnt, die wie sie denken und sprechen. Jeden Tag bekennen sich mehr und mehr Ungarn öffentlich dazu, dass sie mit den Tätern und nicht mit den Opfern fühlen.

Sie schreiben über die Rolle der Franziskaner als Unterstützer der Pfeilkreuzler. Wie kann man die ­erklären?

In Ungarn hat der Franziskanerorden immer einen anderen Weg eingeschlagen als die Benediktiner oder die Je­suiten. Sie waren viel weniger intellektuell, dafür aber näher am Volk, an den Armen, den mittellosen Menschen auf dem Lande. Bereits im 16. Jahrhundert waren die Franziskaner die Initiatoren blutiger Aufstände gegen die Oberschicht. Und im 20. Jahrhundert sympathisierten einige Mitglieder des Ordens mit den Pfeilkreuzlern. Man kann nicht sagen, dass die Franziskaner alle Nazis waren, aber Tatsache ist, dass viele von ihnen es waren, während die Jesuiten und die Benediktiner versuchten, so vielen Juden wie möglich zu helfen.

In meinem Buch geht es auch um einen berüchtigten ehemaligen Franziskanerpater, András Kun, der eine führende Rolle bei der Gefangennahme, Folterung und Ermordung vieler Menschen spielte. Er war zwar kein seelisch gesunder Mensch, aber er war ein gebildeter Mann, der an der Ordensakademie in Rom studiert hatte. Er wurde von Mussolini beeinflusst, las »Mein Kampf« im Original und wurde von italienischen Franziskanern inspiriert, die Faschisten waren. Zu allem Überfluss spielte dieser Mönch auch noch Musik. Er präsentierte sich den Pfeilkreuzlern als gebildeter geistiger Führer.

Warum sind Ihre Bücher in Ungarn zu Bestsellern geworden?

Sie sind keine Bestseller, bestenfalls verkaufen sie sich gut im Vergleich zum Durchschnitt der zeitgenössischen ungarischen Literatur. Das gilt vor allem für den 2016 erschienenen Roman »Orgie«, der bisher fünf Auflagen erlebt hat. Auf jeden Fall wird viel über diese Bücher gesprochen, allerdings nur in den verbliebenen letzten kleinen Inseln der Unabhängigkeit und Freiheit. In den öffentlichen Medien und in der von Fidesz kontrollierten Presse wird nicht darüber berichtet.

Kann man die Verbrechen der Pfeilkreuzler mit dem vergleichen, was die Besatzer der Ukraine heute tun? Ich habe das Gefühl, dass solche Gräueltaten auch anderswo passieren könnten, und dass die Regierung Orbán die Interessen Putins in der EU vertritt.

So sehe ich das auch. Wenn Viktor Orbán sich für Patriarch Kyrill (Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche in Moskau, Anm. d. Red.) einsetzt – es ist vielleicht bekannt, dass Ungarn ein Veto gegen die EU-Sanktionen gegen das russische geistliche Oberhaupt eingelegt hat –, dann verteidigt er nicht die Religionsfreiheit, sondern stellt sich auf die Seite der antiwestlichen Nationalisten von heute und ihrer Vorgänger im 20. Jahrhundert. Was die konkreten Morde, Folterungen und Verge­waltigungen anbelangt, so sind sie trotz der unterschiedlichen Orte und Zeiten ähnlich: Hassideologie bringt solche Taten hervor.

 

Gábor Zoltán

Gábor Zoltán wurde 1960 in Budapest geboren und lebt seitdem dort. Der Regisseur, Redakteur und Schriftsteller erforscht seit Jahren die Geschichte in seinem Wohn­bezirk während der Zeit der Pfeilkreuzler, einer von 1935 bis 1945 bestehenden faschistischen Partei in Ungarn. Mit Unterstützung des »Dritten Reiches« errichteten sie von Oktober 1944 bis März 1945 in Teilen Ungarns eine Kollaborationsregierung und Diktatur und ermordeten 50 000 ungarische Juden. In den Romanen »Orgia« (Orgie, 2016) und »Szomszéd« (Nachbar – Vor und nach der Orgie, 2018) verarbeitet Zoltán Ergebnisse der Geschichtsforschung und der eigenen Recherche literarisch.