Für den Umgang mit schweren Verletzungen bei Live-Übertragungen gibt es keine Regeln

Live geschockt

Nur durch Glück wurde während der Fußball-EM nicht der Tod eines Menschen live übertragen. Es mangelt an Regeln, wie auf medizinische Notfälle reagiert werden sollte.

Auch bei Sportereignissen gilt: Liveübertragungen im Fernsehen haben den großen Nachteil, dass nie sicher ist, was im nächsten Moment passieren wird. Auf aktuelle Situationen muss nicht nur schnell, sondern am besten von vornherein richtig reagiert werden.

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Die im ZDF – und weltweit auch von vielen anderen Fernsehstationen – am Samstag gezeigte Wiederbelebung des dänischen Fußballspielers Christian Eriksen war ein Fall, in dem erst einmal nicht reagiert wurde. Bilder vom Defibrillatoreinsatz, von der an Eriksen vorgenommenen Herzmassage, von verzweifelten Mannschaftskollegen und Gegenspielern sowie den Tränen seiner Lebensgefährtin wurden minutenlang gesendet.

Die englische Wikipedia zählt seit dem Jahr 2000 weltweit 120 Fälle auf, in denen Fußballer im Spiel oder beim Training verstarben. Fernsehsender und Verbände sind darauf erkennbar nicht vorbereitet.

In der Nachbetrachtung sprach sich das ZDF selbst ein kleines Lob dafür aus, wie man mit der Situation umgegangen war. Dass Wiederholungen von Eriksens Zusammenbruch erst gezeigt wurden, nachdem feststand, dass er überlebt, das mitfühlende Entsetzen des Reporters Béla Réthy, sein längeres Schweigen sowie die empathischen Worte der Experten im Studio wurden positiv bewertet. Schließlich käme so etwas völlig unerwartet, man könne sich nicht darauf vorbereiten. So jedenfalls lassen sich die Aussagen des ZDF-Sportredaktionsleiters Thomas Fuhrmann zusammenfassen. »Es hat uns an die Grenzen geführt, aber die Kollegen haben immer die richtige Tonlage gefunden«, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Für die Bilder sei man im Übrigen nicht verantwortlich, da diese von einem Fernsehdienstleister des europäischen Fußballverbands Uefa produziert werden. Sie zu zeigen rechtfertigte Fuhrmann so: »Wir mussten auch dem Informationsbedürfnis der Zuschauer gerecht werden.«

Die Frage, ob für das Informationsbedürfnis der Zuschauer nicht auch genügt hätte, aus dem Studio zu vermelden, dass Eriksen dem Anschein nach wiederbelebt werde, muss trotzdem gestellt werden. Denn dann wäre der Zuschauer auch ohne Bilder ausreichend informiert gewesen.

Mindestens genauso wichtig ist die Frage, ob wirklich niemand mit einem Herzstillstand auf dem Platz rechnen konnte oder ob man sich besser hätte vorbereiten können. Die englischsprachige Wikipedia zählt seit dem Jahr 2000 weltweit 120 Fälle auf, in denen Fußballer im Spiel oder beim Training verstarben. Am bekanntesten wurde der Tod des Kameruners Marc-Vivien Foé, der 2003 während des Halbfinales des Fifa-Konföderationenpokals kollabierte und kurz darauf im Krankenhaus für tot erklärt wurde. Natürlich sind nicht immer Fernsehteams bei medizinischen Notfällen vor Ort, aber aus­zuschließen ist es nicht, dass während einer Liveübertragung jemand sterben könnte.

Zudem sind solche Extremsituationen nicht die einzigen Fälle, in denen darüber entschieden werden muss, ob es ethisch vertretbar ist, mit der Kamera draufzuhalten und die Bilder live im Fernsehen auszustrahlen. Schwere Verletzungen wie Ewald Lienens aufklaffender Oberschenkel (1981) oder Ditmar Jakobs’ Sturz auf einen Tornetzanker (1989), der sich tief in seinen Körper bohrte, sind nur zwei Beispiele aus dem deutschen Fußball, die ausgiebig übertragen wurden. In anderen Ländern und Sportarten sind es Fälle wie offene Unterschenkelbrüche beim American-Football-Spieler Joe Theismann und beim Basketballspieler Kevin Ware, Armbrüche, die sich Pitcher beim Baseball während des Wurfs zuziehen oder gebrochene Wirbelsäulen beim Reiten, American Football, Ski- und Radfahren.

Wenn die Zeitlupe ein explodierendes Knie zeigt und der Reporter – interessanterweise meist erst kurz nach der Ausstrahlung – vor grausamen Aufnahmen warnt, wird im Anschluss durchaus darüber diskutiert, ob so etwas denn wirklich gezeigt werden müsse. Eine verbindliche Planung für zukünftige Fälle unterbleibt jedoch fast überall und fast in jeder Sportart. Allerdings gibt es Ausnahmen: In der Formel 1 wurde bereits vor einigen Jahren die Regel eingeführt, dass bei schweren Unfällen nicht nur der Fahrer schnellstmöglich medizinisch versorgt wird, sondern auch Sichtschutztücher aufgespannt werden müssen, die den Kameras die Sicht nehmen und damit vermeiden, dass medizinische Maßnahmen oder Bilder von Verletzungen live in die Welt übertragen werden. Im American Football wird zwar bei allem, was nach einer schwereren Verletzung aussieht, erst einmal in die Werbung geschaltet – später, wenn der Spieler auf dem Golfwagen abtransportiert wird, bei Bewusstsein ist und das Daumen-hoch-Zeichen gibt, kann das ­Publikum trotzdem meistens Zeitlupenaufnahmen verdrehter Gelenke und gebrochener Knochen sehen. Immerhin haben die Produktions­teams mehr als ein paar Sekunden Zeit, um zu entscheiden, ob eine ­bestimmte Einstellung wirklich in Zeitlupe oder eben nur in Echtzeit gesendet werden muss.

Auch im Fußball gibt es Regeln, nach denen bestimmte Vorkommnisse nicht gezeigt werden dürfen. Betritt ein Flitzer die Spielfläche, werden in den Übertragungen nur unverfängliche Rasenflächen, Zuschauende oder die Bank mit den Auswechselspielern oder Auswechselspielerinnen gezeigt, nicht jedoch die nackte und oft mit Werbebotschaften beschriftete Person selbst. Vermieden wird auch, leere Zuschauertribünen zu zeigen, zumindest, solange sie nicht Folge eines als Vereinsstrafe angesetzten sogenannten Geisterspiels oder der Pandemieschutzverordnungen sind. Auch Krawalle auf den Rängen werden nicht übertragen.

Hingegen hat die Regel, dass blutende Spieler, solche mit blutigen Trikots oder gar blutdurchtränkten Verbänden sofort das Spielfeld verlassen müssen, nichts mit der Vermeidung womöglich verstörender Bilder zu tun. Der Grund für diese Vorschrift ist, dass Ansteckungen mit durch Blut übertragenen Krankheiten wie HIV oder Hepatitis vermieden werden sollen. Für das Verbreiten von Bildern, die Verletzungen, medizinische Notfälle und Ähnliches zeigen, gibt es dagegen keine Vorgaben.

Christian Eriksen hatte nach allem, was bisher bekannt wurde, großes Glück. Was das Abfilmen der Wiederbelebungsmaßnahmen durch eine geistesgegenwärtig von seinen Mitspielern als Sichtschutz aufgebaute Menschenkette hindurch oder die Großaufnahme von Eriksens Lebensgefährtin, die um sein Leben fürchtet, mit Informationspflicht zu tun haben, bleibt unklar. Die Verantwortung für die Ausstrahlung liegt allerdings nicht bei den Produzenten der Bilder, sondern bei den jeweiligen Fernsehsendern. Bisher gibt es keine Anzeichen dafür, dass dort Vorbereitung getroffen werden, wie bei einem möglichen ähnlichen Vorfall in Zukunft reagiert werden soll.

Immerhin: Auch wenn die Live-Übertragung von den an Eriksen angewendeten lebensrettenden Maßnahmen falsch war, dürften mehr Leute als je zuvor darüber aufgeklärt worden sein, wie eine Herzdruckmassage ausgeführt werden muss und dass es Defibrillatoren zum ­Gebrauch durch Laien im öffentlichen Raum gibt, die in Notfällen angewendet werden können.