Ein argentinisches Gericht untersucht, woher das Vermögen Alberto Nismans stammt

Rätselhafter Wohlstand

Auch sechs Jahre nach dem Tod des argentinischen Staatsanwalts Alberto Nisman bleibt die Angelegenheit ein Politikum. Ein Richter will nun klären, woher das ungewöhnlich große Vermögen Nismans kam.

Sechs Jahre sind seit dem Tod des argentinischen Staatsanwalts Alberto Nisman vergangen. Sechs Jahre, in denen der Fall zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen geworden ist, ohne dass die juristische Aufarbeitung zu einem Abschluss gekommen wäre. Ob es Mord war oder Selbstmord, ist ungeklärt, der Prozess wegen Mordes kommt nicht voran. In einem weiteren Verfahren wird wegen Geldwäsche ermittelt. In dieses ist kürzlich Bewegung gekommen: Der Richter Marcelo Mar­tínez De Giorgi hat im November vergangenen Jahres angeordnet, das Vermögen Nismans und seiner Familie zu beschlagnahmen. Das wurde wenige Tage vor dessen sechstem Todestag am 18. Januar bekannt.

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Alberto Nisman war seit 2004 der ermittelnde Staatsanwalt im Fall Amia gewesen. Die Asociación Mutual Israelita Argentina (Amia), die zentrale Organisation der jüdischen Gemeinden Argentiniens, war am 18. Juli 1994 Ziel eines Bombenanschlags geworden, bei dem 85 Menschen getötet und über 200 verletzt wurden. Stümperhafte Ermittlungen unmittelbar nach dem Anschlag und systematische Vertuschung verunmöglichten die Aufklärung des Attentats dauerhaft. Vieles spricht jedoch dafür, dass die Attentäter aus den Reihen der Hizbollah kamen und auf Anordnung der iranischen Regierung handelten.

Diese These vertrat auch Alberto Nisman. Anfang 2015 erhob er deswegen eine schwere Anschuldigung: Die damalige argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner soll gemeinsam mit ihrem Außenminister Héctor Timerman ein Abkommen mit dem Iran unterzeichnet haben, das die Verantwortlichen deckte. Das war gefundenes Fressen für die damalige konservative Opposition: Nisman wurde eingeladen, die Vorwürfe im Kongress vorzustellen.

Doch am 18. Januar 2015, einen Tag bevor Nisman dort den Vorwurf der Strafvereitelung im Amt hätte untermauern sollen, lag er erschossen in ­seinem Badezimmer in Buenos Aires. Der Fall war vom ersten Tag an ein ­Politikum. Bis heute glauben vor allem Konservative an einen Mord. Anhänger der Regierung Kirchners – die inzwischen Vizepräsidentin unter ihrem peronistischen Parteikollegen Alberto Fernández ist – sprechen dagegen von einem Suizid, dessen Gründe sie in Nismans Verwicklung in Geheimdienst­angelegenheiten oder gar in kriminelle Machenschaften vermuten. Der Staatsanwalt hatte eng mit dem berüchtigten Geheimdienstmitarbeiter Antonio ­Horacio Stiuso zusammengearbeitet und kurz vor seinem Tod mehrfach versucht, ihn zu erreichen. Wenige Wochen nach Nismans Tod wurde bekannt, dass er über Geld und Güter verfügte, die er vor dem argentinischen Staat nicht deklariert hatte.

Seitdem steht die Frage im Raum, woher das Vermögen des Mannes kam, der lediglich Beamter war. Da sind zum Beispiel mehr als 600 000 US-Dollar, die auf einem Konto der Bank Merrill Lynch in New York City liegen. Das Konto gehört offiziell Nismans Mutter Sara Garfunkel, seiner Schwester Sandra Nisman und Diego Lagomarsino. Letz­terer war ein enger Mitarbeiter und Vertrauter Nismans. In der Nacht vor dessen Tod hatte er ihm eine Schusswaffe nach Hause gebracht. Lagomarsinos sagte aus, Nisman habe ihn darum gebeten, da er um sein Leben gefürchtet habe. Er wird im Mordprozess als Verdächtiger geführt, denn es war dieselbe Waffe, mit der Nisman erschossen wurde. Nisman selbst war Bevollmächtigter des Kontos. Dieses hat die US-amerikanische Finanzaufsichtsbehörde FinCEN eingefroren, da Nisman bei der Bank nur angegeben hatte, »Anwalt« zu sein. Sein Amt als Staatsanwalt ­hatte er also unterschlagen. Als solcher wäre er nach US-Gesetzen als »politisch exponierte Person« verpflichtet gewesen, das Konto offenzulegen.

Des Weiteren will die Justiz herausfinden, wie Nisman an zwei Wohnungen in Palermo Hollywood kam, einem hippen und stetig teurer werdenden Stadtteil von Buenos Aires. Außerdem besaß er Grundstücke im Urlaubsort Punta del Este in Uruguay. Richter Martínez de Giorgi ordnete eine Untersuchung an, die auf Korruption und Geldwäsche spezialisierte Sachverständige vornehmen sollen. Dabei soll nicht nur die Entwicklung von Nismans Vermögen aufgeschlüsselt werden. Auch das Eigentum aller weiteren im Geldwäscheverfahren Verdächtigen will der Richter beschlagnahmen. Das sind Garfunkel, Sandra Nisman, Lagomarsino sowie der Unternehmer Claudio Picón, dem ein Fahrzeug gehörte, das Nisman benutzt hatte. Außerdem wurde die Fotokopie eines Schecks über 200 000 US-Dollar in Nismans Wohnung gefunden, der von Picón ausgestellt worden war.

Ob das Vorgehen des Richters Erfolg hat, steht nicht fest. Die Angehörigen Nismans haben bereits Einspruch gegen die Beschlagnahmung ihres Vermögens eingelegt. Unterdessen hat Martín Rocca, Co-Produzent der sechsteiligen Dokuserie »Nisman – Tod eines Staatsanwalts«, die vor einem Jahr erschien, in einem Radiointerview die Möglichkeit einer weiteren Staffel ins Spiel gebracht.