Lebewesen, die auf Listen stehen

Zu viel der Ehre

Laborbericht.
Kolumne Von

Es entbehrt nicht einer ­bösen Ironie, dass mit dem Jahr 2020 die von der Unesco ausgerufene »De­kade der biologischen ­Artenvielfalt« angebrochen ist, während die Menschheit gerade in Echtzeit zuschauen kann, wie in Australien vermutlich ganze Spezies, die nur in kleinen, nunmehr zerstörten Resthabitaten vorkommen (beziehungsweise vorkamen), den verheerenden Bränden zum Opfer fallen (Jungle World 2/2020).

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Aber auch sonst ist es üblicherweise keine gute Nachricht für eine Tier- oder Pflanzenart, auf einer der zahlreichen »XY des Jahres«-Listen aufzu­tauchen. Schließlich wollen die diversen Organisationen, die die Auswahl vornehmen, damit auf die zumeist prekäre Lage der Benannten aufmerksam machen. Der Vogel des Jahres 2020 etwa, die Turteltaube, leidet unter leergeräumten ­Agrarlandschaften, in denen es ihr an strukturreichen Feld- und Waldrändern zum Brüten mangelt. Dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) zufolge ist der Bestand der grazilen Vögel seit 1980 um 90 Prozent zurückgegangen, was nicht nur am schwindenden Lebensraum liegt, sondern auch daran, dass ein paar Gramm Fleisch an einem Haufen spitzer Knöchelchen – sprich: Zug­vögel – in Süd­europa vielerorts noch immer als Delikatesse gelten.
Menschliche Fressfeinde hat das Insekt des Jahres 2020, der Schwarzblaue Ölkäfer, kaum zu fürchten. Zwar wurde das Krabbeltier, das eng mit der sogenannten Spanischen Fliege verwandt ist und wie diese das Reizgift Cantharidin absondert, schon im Altertum zu medizinischen und potenzsteigernden Zwecken verwendet. Allerdings enthält schon ein einzelner Käfer genug Gift, um einen erwachsenen Menschen umzubringen, und überhaupt gibt es heutzutage ja unbedenklichere pharmazeutische Erektionshilfen. Dennoch steht der Schwarzblaue Ölkäfer als gefährdet auf der »Roten Liste« gefähr­deter Arten, was auch in diesem Fall vor allem am Verlust geeigneter Habitate liegt.

Hier alle Arten aufzulisten, die etwa als Baum (die Robinie), Blume (der ­Fieberklee) oder Pilz (die Stinkmorchel) des Jahres 2020 stellvertretend für die bedrohte Artenvielfalt stehen, würde den Rahmen sprengen. Nicht unterschlagen werden soll jedoch das Gemüse des Jahres 2019/1920: die Gurke.

Und schließlich ist da noch der Boden des Jahres, den viele vermutlich aus dem Urlaub kennen: der Wattboden. Die ökologische Bedeutung des weltweit einzigartigen Halbtagsmeeresgrunds ist allgemein bekannt und wird durch allerhand Schutzmaßnahmen auch offiziell gewürdigt; gegen den Schadstoffeintrag aus Landwirtschaft und Schifffahrt hilft das allerdings nur wenig. Unklar ist, welche Auswirkungen der steigende Meeresspiegel haben wird, denn der Schwemmboden hat die Tendenz, gewissermaßen mitzuwachsen. Vielleicht existiert das Wattenmeer also auch noch in einigen Jahrhunderten – dann allerdings vermutlich zwischen dem Weserbergland und der Insel Gehrdener Berg.