In Istanbul wird Landraub betrieben

Istanbul ist eine Großbaustelle

Der rasante Wandel des Stadtbilds stößt bei vielen Istanbulern auf Skepsis. Einige Künstler engagieren sich gegen den Umbau.

Dem größten Flughafen der Welt wurde ein Waldgebiet im Norden Istanbuls geopfert, die größte Moschee der Erde entstand auf dem ehemals begrünten Çamlica-Hügel. Überall auf der Welt wandeln sich die Metropolen mit großer Geschwindigkeit, dennoch ist die Umgestaltung Istanbuls im Hinblick auf die damit verbundenen politischen Absichten der Regierung ein Sonderfall. Etwa 20 Millionen Menschen leben in einer noch von ihrer historischen ­Anlage geprägten Stadt, die immer mehr von ausufernden Hochhaussiedlungen und Einkaufszentren dominiert wird. Der neue Flughafen wurde am Tag der Republik, dem 29. Oktober 2018, eröffnet, fertiggestellt ist er aber noch lange nicht. Er liegt weit im Norden der Stadt. Der Flughafenbus benötigt von der Innenstadt eine Stunde bis dorthin – wenn es gut läuft. In Anbetracht der beiden bereits existierenden Flughäfen im westlichen und im östlichen Teil Istanbuls ist der Bau eines dritten Flughafens aus Sicht vieler Kritiker eine Manifestation von Verschwendungssucht und ökologischer Zerstörungswut.

Viele Künstler dokumentieren in ihren Arbeiten Bauvorhaben, die in der Öffentlichkeit noch gar nicht bekannt sind.

Riesige Hallen mit Kuppeldecken aus Glas, Stahl und Beton werden auf mehreren Ebenen durch riesige Rampen miteinander verbunden. Logistisch unpraktisch und architektonisch scheußlich, wie so vieles in dieser einst atemberaubend schönen Stadt, glauben viele. »Die Folgen für die Ökologie sind unermesslich«, betont der Fotokünstler Murat Germen. 7 000 Hektar Wald- und Grünfläche mussten dem Flughafen weichen. Der sogenannte »Nordwald« war die grüne Lunge Istanbuls, sein Verschwinden habe Folgen: »Seit zwei Jahren erleben wir plötzlich Tornados in Istanbul, das gab es vorher nicht«, sagt Germen.

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Der Künstler nimmt an einer Gruppenausstellung mit dem Titel »Spekulative Orte« in der Galerie Kare Sanat im Stadtteil Maçka teil. Germen dokumentiert einschneidende urbane Transformationsprozesse und analysiert sie in seinen Montagen. Mittels Drohnen und Spezialobjektiven entstehen apokalyp­tische Dystopien, die auf großformatigen Fotodrucken gezeigt werden. Auf sensibel konstruierten Collagen wird der Effekt der schnellen Urba­nisierung auf die Bewohner gezeigt. Germen legt Bilder verschiedener Bauphasen  übereinander und setzt die Bewohner ins Bild ein.

Der Künstler Seydi Murat Koç nutzt Motive der Flugzeugattacken auf das World Trade Center am 11. September 2001 in New York und kombiniert diese mit Beispielen heftiger Eingriffe in die Stadtlandschaft von Istanbul. Das Atatürk-Kulturzentrum (AKM) war eine architektonisches Wahrzeichen der modernistischen kemalistischen Republik. Das Gebäude wurde vergangenes Jahr komplett abgerissen. Auf Koç’ ironischem Bild stürzen sich zwei Kampfflugzeuge auf das Gebäude als eines der zentralen Symbole des modernen Lebens in der Stadt. Die Kuratorin der Gruppenausstellung, İpek Yeğinsü, betont, dass künstlerische Interventionen zu öffentlichen Diskussionen anregen, die im politischen Bereich nicht mehr stattfinden. »Im Moment ist offene Kritik wegen der angespannten politischen Situation riskant. Kritik kann ganz unterschiedliche Folgen haben. Die Sprache der Kunst ist subtiler, weil sie mit Bildern und Metaphern arbeitet. Sie ist eine Möglichkeit, unsere Positionen in der sicheren Umgebung eines Kunstraums auszudrücken.«

Viele Künstler dokumentieren in ihren Arbeiten Bauvorhaben, die in der Öffentlichkeit noch gar nicht bekannt sind. Germen studierte Architektur und Stadtplanung, bevor er sich auf den Bereich der Kunst und Fotografie verlegte. Gegenwärtig verfügt der Fotograf über das umfangreichste Archiv zur Umgestaltung der Stadt. Als Professor an der Sabancı-Universität erforscht er den Umbau der Stadt im internationalen Vergleich. »Shanghai – Istanbul: Das Ausradieren von Erinnerungen« lautet der Titel eines Projekts. »Für mich«, sagt er, »ist es von zentraler Bedeutung, die Entwicklung einer Stadt zu dokumentieren und zu analysieren. Aus welchen Tradi­tionen kommt sie und in welche Richtung bewegt sie sich?«

Seit Jahren dokumentiert Germen die Veränderung des Istanbuler Stadtteils Fikirtepe, der von einem grünen Bezirk zu einer unwirtlichen Stadtlandschaft umgebaut wird. ­Fikirtepe befindet sich in der Nähe des Bezirks Kadıköy auf der asiatischen Seite. 2005 machte die Stadtverwaltung Sanierungsbedarf geltend. Sie argumentierte mit der Gefahr von Erdbeben, denen die alte Bausubstanz nicht standhalten könne. Es sollten große, moderne, erd­bebensichere Wohnblöcke gebaut werden. 1999 waren in Istanbul die schweren Erdbeben noch spürbar, die die 100 Kilometer entfernte Stadt İzmit erschütterten. »Damals hat unser Haus keinen einzigen Riss abbekommen«, betont Engin Akgüzel, einer der vom Abriss betroffenen Hausbesitzer. Wie er wollten viele Leute keine anonymen. Als die Regierung drohte, ihr Eigentum im Interesse der All­gemeinheit zu verstaat­lichen, stimmten sie dem Abriss schließlich zu. Ein Vertrag wurde mit einem Unternehmen unterzeichnet, das für seine guten Beziehungen zur Regierung bekannt ist. »Sie kamen zusammen mit dem ehemaligen Premiermi­nister Yıldırım Akbulut hierher«, sagt Akgüzel, »und versprachen, unsere Lebensbedingungen zu verbessern«. Als ihre Häuser 2016 abgerissen wurden, waren die ehemaligen Hausbesitzer unglücklich, hofften jedoch auf einen komfortablen Platz in ­einem neuen Haus. Seitdem wurde nur eine riesige Baugrube ausgebaggert, jedoch ­keine einzige Wohnung gebaut.

»Landraub« ist ein Begriff für die teilweise illegitime oder illegale ­Aneignung von Land durch wirtschaftlich oder politisch durchsetzungsstarke Kräfte. Noch vor der Einführung des Präsidialsystems hatte die regierende AKP Gesetze erlassen, die die Verstaatlichung von Stadtvierteln erlaubten, wenn dies im öffentlichen Interesse sei. Selbst die Istanbuler Ingenieur- und Architektenkammer ist davon  betroffen. »Sie haben unser Gebäude im Stadtteil Yıldız beschlagnahmt. Wir haben dagegen geklagt«, berichtet Ali Hacıalioğlu, der Generalsekretär der Kammer. Aber auch der Rechtsweg ist mittlerweile unberechenbar. Während den Architekten zunächst das Nutzungsrecht per Gerichtsentscheidung eingeräumt wurde, hat das nächsthöhere Gericht die Entscheidung im Sinne der Beklagten revidiert. Die Kammer musste das Gebäude räumen. »Wir richten jetzt eine Website ein, auf der alle Kämpfe um den urbanen Raum in Istanbul dokumentiert sind«, betont Hacıalioğlu. »Ihre Mission besteht darin, die baulichen Verbrechen, die unter dem Vorwand öffentlicher Interessen an der Stadt Istanbul begangen werden, zu dokumentieren. Der Kampf gegen die Zerstörung natürlicher, kultureller und historischer Ressourcen kann hier verfolgt werden.«

Die Seite geht in den nächsten Wochen online. Bereits jetzt ist eine Liste mit den Namen der Orte sichtbar, die der Bauwut geopfert wurden. So musste eines der ältesten Kinos der Welt, das über 100 Jahre alte Lichtspielhaus »Emek Sinema«, einem Einkaufszentrum weichen.

»Galataport« im Hafengebiet der malerischen Altstadt von Karaköy ist ein weiteres Prestigeprojekt. Glasfassaden und künstliche Rekonstruktionen historischer Fassaden werden das Erscheinungsbild der Gegend völlig verändern. Der mittlerweile verstorbene Cartoonist Semih Balcıoğlu wählte für sein Buch über den Bauboom in Istanbul in den neunziger Jahren den treffenden Titel »Lebe wohl, Istanbul«. Heutzu­tage würde er die Stadt kaum noch wiedererkennen.