Unter Pilgern in Bethlehem

Wo alles anfing

In Bethlehem, Jesus’ im heutigen Westjordanland gelegenem angeblichem Geburtsort, finden zu Weihnachten stets große Feierlichkeiten statt. Der alljährliche Pilgertourismus erscheint oft sehr profan.
Reportage Von

Kaum zehn Kilometer südlich von Jerusalem, hinter der zum Teil noch nicht fertiggestellten israelischen Sperranlage, liegt die Stadt Bethlehem. Beworben werden Tagestouren mit Slogans wie: »Come celebrate Christmas where it all began!« Aus historischer Perspektive sind Zweifel angebracht, aber Christen weltweit betrachten die Stadt als den Geburtsort des von ihnen als Messias verehrten Jesus von Nazareth, den es nach gegenwärtigem Forschungsstand wahrscheinlich tatsächlich gab. Nach biblischer Überlieferung handelt es sich um den Geburtsort König Davids, weshalb Jesus’ Geburt dort und nicht in Nazareth hatte stattfinden müssen, um den Anforderungen der Bibel ­gerecht zu werden. Seit 2005 befindet sich der Ort unter Kontrolle der paläs­tinensischen Autonomiebehörde. Einem Gesetz zufolge muss der Bürgermeister entweder griechisch-orthodoxer oder römisch-katholischer Konfession sein. Vor einem Jahr sagte ein Christ aus Bethlehem der Jungle World, er könne dies zwar nicht offen aussprechen, doch Anfeindungen gegen einheimische Christinnen und Christen gebe es entgegen offizieller Behauptungen immer wieder. Anton Salman, Bürgermeister der Stadt, machte hingegen Anfang 2018 die israelische Besatzung für den Rückgang des christlichen Bevölkerungsanteils verantwortlich.

Die israelische Tageszeitung Haaretz schreibt kurz nach den Weihnachts­feierlichkeiten, dass sich auch bei Jüdinnen und Juden das Weihnachtsfest immer größerer Beliebtheit erfreue. Doch ein völlig friedlicher Ort ist die Stadt eben nicht. Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu terroristischen Anschlägen. Wegen der Sicherheitslage ist Bethlehem für israelische Staatsbürger seit Inkrafttreten des Osloer Friedensvertrags faktisch ­gesprerrt.

Um an dem in Deutschland als »Heiligabend« begangenen 24. Dezember in die Stadt zu kommen, muss man zwei Checkpoints passieren, einen an der ­israelischen Sperranlage und einen weiteren von Polizisten der palästinen­sischen Autonomiebehörde. An einem brandneu aussehenden Land Rover steht eine mit Kalaschnikows bewaffnete Gruppe von Männern in blauen Fleck­tarnanzügen vor der Einfahrt in die Stadt.

Anzeige

Schon am frühen Morgen drängen sich unzählige Besucher durch die ­engen Gassen der verwinkelten Altstadt. Zahlreiche Tourismusunternehmen bieten Tagestouren an. Vor dem Bethlehem Peace Center ist ein Areal abgesperrt. Ein etwa zehn Meter hoher, mit Lichtern und Kugeln geschmückter Weihnachtsbaum steht auf dem Platz vor der Geburtskirche. Letztere hat ­einen orthodoxen und katholischen Teil. Ein mobiles Fernsehstudio hat Stellung bezogen. Gegenüber der Kirche steht eine Moschee mit Minarett.

Früh am Vormittag beginnen Paraden, bei denen eine große Zahl palästinensischer Pfadfinder unterschiedlichsten Alters durch die Gassen der Stadt, auf den Platz vor der Geburtskirche und die Hauptstraße entlang marschieren. Die Kinder und jungen Erwachsenen tragen verschiedenste Uniformen, zum Marsch spielen die Dudelsäcke unter anderem auch das italienische Partisanenlied »Bella Ciao«. Immer wieder vollführen die Taktgeber der Gruppen Kunst­stücke mit ihren Taktstöcken. Wer wohl die Dudelsäcke eingeführt hat? Immerhin war das Land vom Ende des Osmanischen Reichs bis zur israelischen Staatsgründung offiziell ein britisches Protektorat.

Am Rand der Parade hält ein Mann ein Schild, auf dem »Free Palestine« steht. Eine Gruppe von Personen mit sichtbar angebrachten Presseakkre­ditierungen posiert für ein Selfie. Mit den Zuschauern ins Gespräch über die Situation zu kommen, ist nicht leicht. Viele hier reden nur ungern mit Journalisten. Eine Frau, die mit dem Handy Fotos von den palästinensischen Pfadfindern macht, sagt: »Wenn man all die Leute hier sieht – Muslime, Christen, Leute aus dem ganzen Land: Da fühlt man Frieden.«

Die Feierlichkeiten in der Stadt werden nicht ausschließlich von Christen begangen. Auch Frauen im Niqab, der von sehr konservativen Musliminnen getragenen Vollverschleierung, drängen sich durch die Menge. Die Musik der Blaskapellen verstummt für einige Minuten, als der Ruf des Muezzins über der Stadt mit ihren 30 000 Einwohnern ertönt.

Die israelische Tageszeitung Haaretz schreibt kurz nach den Weihnachts­feierlichkeiten, dass sich auch bei Jüdinnen und Juden das Weihnachtsfest immer größerer Beliebtheit erfreue. Doch ein völlig friedlicher Ort ist die Stadt eben nicht. Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu terroristischen Anschlägen. Wegen der Sicherheitslage ist Bethlehem für israelische Staatsbürger seit Inkrafttreten des Osloer Friedensvertrags faktisch ­gesprerrt.

Ausschreitungen und Angriffe gibt es an diesem Tag aber keine. Ein großes Aufgebot bewaffneter palästinensischer Sicherheitskräfte zeigt ständig seine Präsenz. Regelmäßig kann man ­beobachten, wie Polizisten Fotografen herumschubsen und mit Einheimischen diskutieren. Am Nachmittag kommt auch der amtierende Präsident der Palästinensischen Autonomie­behörde, Mahmud Abbas, in die Stadt. Nachts gibt es noch eine gemeinschaftliche Messe, für die man sich frühzeitig ein Ticket hatte beschaffen müssen.

Hunderte katholische Geistliche empfangen nach dem Auftritt der Pfadfindergruppen Erzbischof Pierbattista Pizzaballa. Er ist Apostolischer Administrator des letzten existierenden Patriarchats der römisch-katholischen Kirche in Jerusalem. In der Region ist er das Oberhaupt der katholischen Kirche. Sein Amt stammt noch aus der Zeit der Kreuzzüge. Umschwärmt von Offiziellen der Palästinensischen Autonomiebehörde am Boden und von drei Kameradrohnen aus der Luft drängt er sich durch die Menge zum Gottesdienst. Fotografen scharen sich um ihn wie um ­einen Filmstar auf dem Weg zur Premiere. Vor der Geburtskirche heißen zwei orthodoxe Geistliche Pizzaballa willkommen. Ihre Gesichter wirken grimmig und verschlossen. Immer wieder geht ihr Blick auf den Boden. Derweil stehen im orthodoxen Teil der Kirche, die sich über der sogenannten »Geburtsgrotte« befindet, Tausende Touristinnen und Touristen Schlange. Lautes Stimmengewirr füllt den hohen, eher kargen Raum. Zwei junge Frauen mit Kopftuch machen staunend Fotos von den erst jüngst restaurierten goldenen Mosaiken nahe der Decke.

Als Wartezeit für einen Besuch der Geburtsgrotte muss man am Vormittag des 24. Dezember mindestens zwei Stunden einrechnen. Touristenführer leiten mit Fähnchen ihre Gruppen, um sie nicht im Gedränge der Besucherinnen und Besucher zu verlieren. Immer wieder versuchen Leute, sich vorzudrängeln, gerade die letzten Meter sind besonders umkämpft. So manchen scheint kurz vor dem Ziel die Geduld auszugehen.

In der Grotte unterhalb des Altars der Kirche ist ein goldener Stern um ein Loch im Boden eingelassen. Gläubige knien nieder und küssen den Stern. Ein Mann fordert die Besuchenden regelmäßig auf, sich jeweils zu zweit auf einmal zum Stern zu begeben und dann den Nachdrängenden Platz zu machen – ganz als ginge es nur darum, ein Foto für die sozialen Netzwerke oder das Familienalbum zu knipsen.

Doch einer Gruppe mutmaßlich afrikanischer Ordensleute geht es offenbar nicht um das schnelle Selfie. Ihr Auftritt signalisiert Ehrfurcht vor einem für sie offenbar sehr bedeutsamen Ort. Sie knien immer wieder auf dem Boden und beten andächtig. Inmitten der ­vielen Menschen zündet ein Mann von der Decke hängende Kerzen an. Seine Körpersprache signalisiert im Gegensatz zu den Ordensbrüdern Missmut, der angesichts des ihn umgebenden und wenig respektvollen Gedränges nachvollziehbar ist.

Am Busbahnhof, von dem aus viele ihre Heimreise ­antreten, wirbt Coca Cola mit großflächigen roten Plakatwänden, auf denen der amerikanische Weihnachtsmann Santa Claus abgebildet ist. Die Kommerzialisierung des Festes ist in Bethlehem dieser Tage ­genauso omnipräsent wie in einer Shopping Mall in einem beliebigen christlichen Land: ob bei der Touristentour zu allen Sehenswürdigkeiten und den zahllosen Fotogelegenheiten, der Taxifahrt, die ohne Verhandlungsgeschick das Fünffache ihres offiziellen Preises kosten dürfte, oder beim Weihnachtsshopping an ­einem der vielen Souvenirstände. Der Kontrast zwischen strenggläubig wirkenden Pilgern und Touristen, die alles als eine Attraktion ver­stehen, fällt ­zuweilen harsch aus.