Was Marx zu Trump und AfD zu sagen hat – und was nicht

Die rechte Basis

Als Erklärung der gegenwärtigen Krise der liberalen Demokratie ist Marx’ Theorie des Bonapartismus mit Vorsicht zu genießen.

Rechte und autoritäre Formen politischer Herrschaft haben Konjunktur – ob in den USA mit Donald Trump, in Russland unter Wladimir Putin, der Türkei unter Recep Tayyip Erdoğan oder in zahlreichen EU-Staaten, wo ­Parteien einer populistisch auftretenden Rechten die Regierung führen oder ihr angehören. Der rechte Aufstieg führt immer wieder zu der Frage, welche gemeinsamen Gründe jenseits länderspezifischer Besonderheiten dafür verantwortlich sind. Auffällig sind dabei die verbalen Abgrenzungen dieser Rechten zum politischen und ­kulturellen Establishment, die Einbindung größerer Teile der Arbeiterschaft, der teils auf Charisma gegründete Erfolg politischer Führer und eine Wirtschaftspolitik, die sich vermeintlich gegen Kapitalinteressen stellt, wie beispielsweise der EU-Austritt oder die Ablehnung des Frei­handels.

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Im Rahmen einer zumindest temporären Renaissance marxscher Begrifflichkeiten verweisen Linke häufig auf die Theorie des Bonapartismus, die Karl Marx in seiner Schrift »Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte« entwickelte, um die Geschehnisse in Frankreich zwischen der bürgerlichen Revolution 1848 und dem Staatsstreich Louis Bonapartes im Dezember 1851 zu erklären. Micha Brumlik hat in einem Artikel in der Zeit vom 16. März 2017 auf die Bonapartismustheorie als möglichen Erklärungsansatz des ­rechten Aufstiegs verwiesen und eine aktuelle Publikation des Dietz-Verlags will mit dieser Theorie den Aufstieg von Trump und anderen erklären.

Den Staatsstreich Louis Bonapartes versteht Marx als Ausdruck einer ­besonderen Situation im Klassenkampf der französischen Gesellschaft. Er ­beschreibt in dieser Gesellschaft eine Art Gleichgewicht der beiden Klassen Bourgeoisie und Proletariat. Dieses Patt im Klassenkampf führt dazu, dass die Exekutive in Person Bonapartes die Macht ergreift. Um ihre soziale Macht – die Verfügungsgewalt über das Kapital – zu bewahren, tritt die herrschende Bourgeoisie ihre politische Macht ab und unterliegt damit politisch in gleicher Weise wie ihr Klassengegner, das Proletariat, der Staatsgewalt. In den Worten von Marx heißt es bezüglich der Bourgeoisie, »dass ihre Klasse neben den andern Klassen zu gleicher politischer Nichtigkeit verdammt werde, um ihren Beutel zu retten«.

Die Adaption dieser Analyse zur Erklärung des gegenwärtigen Aufstiegs der Rechten hat ihren Vorgänger in der Anwendung der Bonapartismustheorie auf den historischen Faschismus und Nationalsozalismus. Entgegen der offiziellen parteikommunistischen Sichtweise vom Faschismus als wenig eigenständigem »Agenten« des Kapitals nutzten marxistisch orientierte Theoretiker wie August Thalheimer, Otto Bauer und Leo Trotzki Elemente des »Achtzehnten Brumaire«, um den Aufstieg des Faschismus, seinen zwiespältigen Klassencharakter und seine heterogene soziale Basis zu analysieren. Gleichgewicht der Klassen, eigenständige Klassenbasis und Verselbständigung der Exekutive waren die entscheidenden Stichworte, mit denen der ­Faschismus und der Nationalsozialismus beschrieben wurden.

Auch heute lohnt ein Blick in den »Brumaire«, um einen Rahmen für ­Widersprüchliches zu erhalten, das sich bei der Analyse der gegenwärtigen Rechten zeigt. Die Gegenüberstellung von »Volk« und »Elite« in der Rhetorik, die Selbstverortung jenseits der klassischen politischen Semantik von rechts und links, die teils auf Charisma ­gegründete politische Führungslegi­timation und eine demonstrativ behaup­tete Distanz zu den »ökonomischen Eliten« finden sich bei der ­heutigen Rechten, beim historischen ­Faschismus und Nationalsozialismus sowie auch im von Marx analysierten Bonapartismus.

Im »Brumaire« entwirft Marx einen komplexen Analyserahmen, der davor bewahren sollte, voreilig von oberflächlichen Ähnlichkeiten auf das Wesen der Sache zu schließen. Bereits als Hannah Arendt den Nationalsozialismus als »Bündnis von Mob und Elite« bezeichnete, war das bestenfalls eine ­polemische Paraphrase des im »Brumaire« beschriebenen Bündnisses zwischen charismatischer Führung und jenen deklassierten Massen, die Marx als »Lumpenproletariat« bezeichnete. Aber das von Marx analysierte Klassengleichgewicht zwischen Bourgeoisie und Proletariat ist eine entscheidende Voraussetzung für den Bonapartismus.

Für den historischen Faschismus lässt sich ein solches Gleichgewicht höchstens noch in Ansätzen begründen, gegenwärtig kann davon mit Sicherheit keine Rede sein. Die Massenbasis der heutigen Rechten ist wesentlich hete­rogener. Trotz der Beliebtheit der AfD bei Teilen der arbeitenden Bevölkerung bildet dieses Segment nur einen geringen Anteil der Anhängerschaft der Partei. Von einer eigenständigen Klassenbasis der Rechten lässt sich heutzutage nicht sprechen.

Diese Differenzen zwischen Marx’ historischer Analyse des Bonapartismus und den gegenwärtigen Krisenerscheinungen liberaler Demokratien müssen klar benannt werden. Zugleich ermöglichen die Ähnlichkeiten auf der Erscheinungsebene und die Unterschiede in der genaueren Betrachtung neue, zeitgemäße Analysen, die sich die marxsche Gesellschaftskritik aneignen, ohne in Analogieschlüssen zu verharren.

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