Annette Wieviorkas Buch über die Befreiung der NS-Lager ist auf Deutsch erschienen

Die zufällige Befreiung

In ihrem Buch »1945. La découverte« schildert die französische Historikerin Annette Wieviorka die Entdeckung der nationalsozialistischen Konzentrationslager durch die Alliierten im April und Mai 1945. Jetzt ist das Buch in deutscher Übersetzung erschienen.

Der US-amerikanische Journalist und Schriftsteller Meyer Levin und der französische Fotograf Éric Schwab hielten in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges die ­Befreiung der Konzentrationslager durch die alliierten Streitkräfte fest. Sie folgten im Jeep den Befreiern auf ihrem Weg durch Deutschland, Österreich und die Tschechoslowakei überall dorthin, wo alliierte Soldaten auf die Lager stießen. Deren Befreiung war kein offizielles Kriegsziel der Alliierten und folgte keinem Plan. Beim Vorrücken der Front wurden die Lager sozusagen im Vorbeimarsch entdeckt. Von der folgenreichen Reise der beiden Journalisten in das »dunkle Herz Deutschlands« erzählt die französische Historikerin Annette Wieviorka in ihrem 2014 erschienenen Buch »1945. La découverte«, das jetzt unter dem Titel »1945. Als die Amerikaner die Lager entdeckten« auf Deutsch vorliegt.

»Wir hatten es gewusst. Die Welt hatte davon gehört. Doch bis jetzt hatte es noch niemand von uns gesehen«, schreibt Levin über die Entdeckung der Lager.

Gemeinsam war den beiden jüdischen Reportern der dringende Wunsch, die Öffentlichkeit über die Gräuel der Konzentrationslager aufzuklären. Während der für die Jewish Telegraphic Agency tätige Levin es sich zu seiner Aufgabe machte, über die Überlebenden zu berichten und die Spuren des jüdischen Lebens in Europa festzuhalten, verband Schwab, der im Auftrag von Agence France-Presse fotografierte, die Reise auch mit der Suche nach seiner Mutter. Er war der Sohn eines Franzosen und einer Deutschen, die wegen ihrer ­jüdischen Herkunft verfolgt und 1943 ins Ghetto Theresienstadt deportiert worden war, wo er sie 1944 tatsächlich fand.

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»Wir hatten es gewusst. Die Welt hatte davon gehört. Doch bis jetzt hatte es noch niemand von uns gesehen«, schreibt Levin über die Ent­deckung der Lager. »Es war, als ob wir nun endlich in die tiefsten inneren Windungen im Herzen des Bösen vorgedrungen waren.« Er verfasste Hunderte Nachrichtenmeldungen für seine Auftraggeber. Aber seine ­Recherche endete nicht mit der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945. Gegen vielerlei Widerstände dokumentierte er die Geschichten der jüdischen Opfer zu einer Zeit, als das Spezifische der deutschen Judenvernichtung noch nicht erfasst worden war. Durch die Nachrichten aus Osteuropa, wo die Rote Armee auf die Vernichtungsstätten stieß, wurde ihm das Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen bewusst. Die Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs, so begriff Levin, waren die »Toten­glocke« für das Judentum in Europa.

Wieviorka beschreibt das Auf­einandertreffen der überlebenden, aber doch halbtoten Lagerinsassen mit ihren alliierten Befreiern sehr eindrücklich. Besondere Erwähnung verdient, dass zu den Befreiern auch einige aus Europa geflüchtete Juden gehörten, die in den US-amerikanischen Streitkräften ihren Dienst taten. Wieviorka kann Aspekte wie diesen nur oberflächlich streifen, aber es wird dennoch deutlich, welche besondere Rolle die jüdischen Soldaten und Rabbiner der US-Armee bei der Befreiung einnahmen. Sie waren maßgeblich an der Aufklärung über die Lager und Ghettos beteiligt; sie unterrichteten die jüdische Gemeinde in den USA über das Schicksal ­ihrer von den Deutschen verfolgten Glaubensgenossen. Wie Wieviorka zeigt, waren es auch die Soldaten und Rabbiner, die vielfältige Formen der Unterstützung für die Überlenden organisierten.

Auch Levin und Schwab halfen. Sie fuhren mit ihrem Jeep von einem Lager zum nächsten und versuchten, Kontakt zwischen den Überlebenden und ihren vermissten Angehörigen herzustellen. Um auf die Gesuchten aufmerksam zu machen, wurden deren Namen auf die Karosserie des Jeeps geschrieben.

Das erste Lager, das Levin und Schwab sahen, war das Zwangsarbeitslager Ohrdruf in Thüringen. Nachdem die in den USA prominenten Generäle George Smith Patton Jr. und Dwight D. Eisenhower den Ort besucht hatte, wurde es zum Symbol für das Lagersystem als Ganzem. Die ­Fotos des Besuchs erschienen groß in allen US-amerikanischen Zeitungen – Fotografien der Baracken, der Leichenberge, der ausgemergelten Häftlinge.

Bald wurden die Lager zu regelrechten Attraktionen; ein »Tourismus des Grauens« entwickelte sich. Journalisten und Schaulustige ließen sich von ehemaligen Häftlingen, meist Mitgliedern des Lagerwiderstands, durch die Baracken führen und ­fotografierten die immer gleichen Motive. Die Berichterstattung über Ohrdruf schuf journalistische Standards in der Berichterstattung – mit weitreichenden Folgen: Das Bild, das sich die Öffentlichkeit von den ­Lagern machte, war von Ohrdruf und den dort entstandenen Fotos geprägt. Die später befreiten Lager wurden visuell nach dem Vorbild Ohrdrufs dargestellt. Der Unterschied zwischen Arbeits-, Internierungs- und Vernichtungslager wurde verkannt, die Mordmaschinerie letztlich rela­tiviert, weil die Vernichtung um ihrer selbst willen als das deutsche Kriegsziel aus den Augen geriet.

Dieses Problem nahmen auch Levin und Schwab wahr. Sie versuchten daher, das Lagersystem in seiner perfiden Arbeitsteiligkeit darzustellen. Levin erkannte zudem, dass die Juden als die größte Opfergruppe der Nati­onalsozialisten in den alliierten Verlautbarungen nicht hervorgehoben wurden. Mehr noch, sie wurden gar nicht erwähnt. Dass die Lager wesentlicher Bestandteil der antisemitischen Vernichtungspolitik waren, kam in den Reden Eisenhowers nach der Befreiung nicht vor, in denen er die juristische Aufarbeitung und die Bestrafung der deutschen Verbrechen ankündigte. Auschwitz und die Mordstätten der »Aktion Reinhardt«, die von der Roten Armee befreit wurden, fanden ebenfalls keine Erwähnung. Bis Auschwitz zu einem Symbol der Shoah wurde, dominierten Buchenwald und Dachau als Lager für politische Gegner des Nationalsozialismus die Vorstellung von den deutschen Verbrechen.

Levin und Schwab erkannten früh, was die Deutschen in den Lagern ins Werk gesetzt hatten, und dass das Vorhaben der vollständigen Ermordung der europäischen Juden nur aufgehalten worden war, weil die ­Alliierten Deutschland militärisch besiegt hatten. Dass dabei die Be­freiung der Juden aus ihrem Leid nur ein Nebeneffekt war und nicht etwa eines der erklärten Kriegsziele, geht deutlich aus Wieviorkas Arbeit hervor.

Es sind vor allem die beiden Protagonisten sowie ihre Berichte und Fotos, die das Buch so spannend machen. Leider zitiert Wieviorka Levin nur sehr spärlich. An vielen Stellen wünscht man sich ausführlichere Schilderungen. Die Auszüge lassen allerdings darauf schließen, dass eine Lektüre von Levins Autobiographie »In Search« lohnend und be­wegend sein könnte. Tatsächlich soll auch dieses Buch demnächst in deutscher Übersetzung bei der Edition Tiamat erscheinen. »1945« bietet bereits einen Ausblick und kann als historische Kontextualisierung ge­lesen werden. Nicht unerwähnt bleiben sollen die Fotos von Éric Schwab, die ein erschütterndes Zeugnis ablegen vom Leid, dass die Deutschen über die europäischen Juden gebracht hatten.

Annette Wieviorka: 1945. Als die Amerikaner die Lager entdeckten. Aus dem Französischen von Alex Carstiuc, Jonas Empen und Janina Reichmann. Edition Tiamat, Berlin 2021, 244 Seiten, 24 Euro