Die »Querdenker»-Akademie am Starnberger See vor

Die Querfront-Uni

Ein Unternehmerpärchen aus Bayern hat ein »Querdenker«-Institut gegründet. Hier sollen geschäftstüchtige Verschwörungsvermarkter lehren, die auch einem bürgerlichen Publikum vermittelbar sind.

Ein Geschichtskurs darüber, dass »9/11« ein inside job gewesen sei; Wirtschaftsvorlesungen bei renommierten Verschwörungstheoretikern und Crash-Propheten; und im Fach Meeresbiologie lernt man nicht nur etwas über Flora und Fauna, sondern auch Wunderliches über Chemtrails und den Klimawandel. Was sich anhört wie der Plot einer schrulligen Serie, könnte dem Veranstaltungsplan entsprechen, den ein Verein aus Bayern nun anbietet: Ein Lehrangebot für Verschwörungsgläubige und alle, die es werden wollen. Der Verein im bayerischen Starnberg hat sich dafür den anmaßenden Namen »Hannah-Arendt-Akademie der Denker« gegeben. Eine staatlich anerkannte Bildungseinrichtung ist der Verein allerdings nicht.

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Die Dozentenliste liest sich wie ein Who’s Who der verschwörungstheoretischen Szene. Da wäre zum Beispiel Daniele Ganser, ein promovierter Historiker aus Basel, der sich als »Friedensforscher« vermarktet. Er streut in Büchern und Vorträgen Zweifel an der offiziellen Darstellung der Terroranschläge vom 11. September 2001; an der sogenannten Hannah-Arendt-Akademie soll er Geschichte lehren. Auch Ralf Otterpohl, Professor aus Hamburg, Klimawandelleugner und Chemtrail-Gläubiger, soll am Institut unterrichten, ebenso der Impfgegner und Aids-Leugner Stefan Lanka und der Vermögensverwalter Max Otte, der bei einer »Querdenker«-­Demonstration schon mal erzählte, dass Corona und Bargeldabschaffung »zwei Seiten einer Medaille« seien. Es handele sich um »Geschäftsmodelle. (…) Da stehen finanzstarke Lobbys dahinter.«

2019 war Daniele Ganser beim Neuen Hambacher Fest, einem von Max Otte organisierten neurechten Vernetzungstreffen.

Bis auf den gemeinsamen Hang zu Verschwörungsmythen wirken die Dozenten auf den ersten Blick politisch durchaus unterschiedlich. Max Otte zum Beispiel ist Vorsitzender der erzkonservativen Werteunion, steht der AfD nahe und bemüht sich seit Jahren, zwischen der CDU und der Neuen Rechten Verbindungen zu schaffen. Im Vorstand des Vereins sitzt dagegen unter anderem Matthias Burchardt, Autor bei der verschwörungstheoretischen Website Rubikon, die sich selbst wohl als eher links versteht. Dort veröffentlicht auch Daniele Ganser, der sich auf Basis eines verschwörungsraunenden Antiimperialismus an den USA abarbeitet.

Doch es ist nicht das erste Mal, dass so unterschiedliche Verschwörungstheoretiker wie Otte und Ganser zusammentreffen. Ganser hat schon 2019 ­einen Vortrag beim sogenannten Neuen Hambacher Fest gehalten, einem von Otte organisierten neurechten Vernetzungstreffen. Die beiden eint außerdem, dass sie nicht nur Verschwörungsmythen verbreiten, sondern auch passende Produkte wie Bücher, teure Vortragsabende und – im Fall von Otte – sogar auf Verschwörungsgeschichten vom »Weltsytemcrash« abgestimmte Kapitalanlagen. Auch die Gründer der Akademie sind bislang eher als Geschäftemacher in Erscheinung getreten. Neben dem Rubikon-Autor Burchardt sitzt das Unternehmer-Ehepaar Christian Klammer und Jana-Maria Lehnhardt im Vorstand des Vereins.

Klammer und Lehnhardt haben schon einige erfolglose geschäftliche Anläufe hinter sich. 2020 mussten sie ihr gemeinsames Schuhgeschäft in Starnberg schließen, wie die Münchner Zeitung Merkur berichtet hat. Schon 2009 hatten sie eine Werbefirma gegründet. Die Geschäftsidee: Sie haben Umzugskartons mit Werbung bedruckt. Erfolgreich war das Konzept nicht: 2015 wurde die Firma wegen Vermögenslosigkeit aus dem Handelsregister gelöscht. Zur Zeit läuft auf dieselbe Adresse wie das Institut ebenfalls ein Unternehmen von Klammer und Lehnhardt: die Dr. Lehnhardt Consulting GmbH, bei der Jana-Maria Lehnhardt seit 2006 als Geschäftsführerin fungiert.

Die illustre Dozentenschar eint neben ihrer Geschäftsorientierung, dass sie wohl auch einem bürgerlichen Publikum zu vermitteln ist. Otte ist CDU-Mitglied, mit seinen Büchern erreicht er zahlreiche bürgerliche Leserinnen und Leser, viele kennen ihn noch als Experten aus dem Börsenfernsehen. Auch Daniele Ganser schafft es nach wie vor, mit seinen Vorträgen Hallen mit Tausenden Zuhörern zu füllen. Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter von Baden-Württemberg, vermutet dahinter eine Strategie. Die Akademie wolle »Verschwörungsmythen salonfähig machen«, sagte er der Jungle World. Das bedeute jedoch nicht, dass sie als gemäßigt einzustufen seien: »Ich erinnere daran, dass der Finanzhändler Otte ­allen Ernstes verkündet hat, Covid-19 und Bargeldabschaffung seien zwei Seiten einer Medaille«, sagt Blume.

Dass ausgerechnet der Name der bedeutenden jüdischen Intellektuellen Hannah Arendt instrumentalisiert wird, ist kein Zufall. Zitate von Arendt, wie beispielsweise »Niemand hat das Recht zu gehorchen«, werden im »Quer­denker«-Milieu häufig missbraucht. Nils Baratella ist wissenschaftlicher Mit­arbeiter an der Forschungsstelle Hannah-Arendt-Zentrum an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg. Er glaubt, dass Arendt aus drei Gründen besonders gern von Verschwörungsideologen instrumentalisiert wird »Erstens ist sie politisch schwer einzuordnen«, sagte Baratella der Jungle World. »Zweitens gibt es sehr eingängige Zitate von ihr, die, aus dem Zusammenhang gerissen, recht beliebig verwendet werden können. Drittens eignet sie sich als Frau und Jüdin gut, um sich ideologisch reinzuwaschen.«

Arendt hat sich unter anderem mit dem politischen Begriff der Freiheit auseinandergesetzt. Zumindest das Wort Freiheit spielt im »Querdenken«-Milieu eine zentrale Rolle, auf fast jeder Demonstration wird es skandiert. Mit dem Freiheitsbegriff von Arendt habe das aber nichts zu tun, so Baratella. »Die Querdenker hängen einem totalen Freiheitsbegriff an, nach dem Motto: Ich lass’ mir gar nichts sagen.« Bei Arendt hingegen sei Freiheit ein politischer Begriff und stets verknüpft mit der Verantwortung für andere. »Querdenken ist streng genommen eine neoliberale Reduktion politischer Verhältnisse – das wäre mit Hannah Arendt nicht vereinbar«, so Baratella. »Der ­Antisemitismus eint die Querdenker mit den Rechtsradikalen – aber im Kern ist es eine neoliberale Bewegung, die zugunsten individueller Freiheit die Verantwortung für andere aufgeben will.«

So verwundert es nicht, dass sich die angebliche Akademie letztlich als Projekt eines Unternehmerpärchens darstellt. Verschwörungsmythen sind, so auch bei der »Akademie für Denker«, ein Produkt, mit dem sich Geld ver­dienen lässt wie mit Schuhwerk und Werbung. Gut möglich, dass auch dieses Geschäftsmodell floppen wird. Nachdem das Kollektiv Anonymous die Website des Vereins gehackt hatte, wurde diese vom Netz genommen.