Ohne geistigen Diebstahl gibt es ­keinen zivilisatorischen Fortschritt

Stehlen will gelernt sein

Was kümmert mich der Dax Von

Die Geistesgeschichte der Menschheit ist eine Geschichte des geistigen Diebstahls. Bereits in der Antike beklauten Propheten ihre Vorgänger, fast jeder mittelalterliche Autor bediente sich bei Vergil und der Schlawiner Goethe bekannte sogar offen, er habe »weiter nichts zu tun als zuzugreifen und das zu ernten, was andere für mich gesät hatten«. Die Geschichte beweist, wie notwendig das ist. Wird zu wenig gestohlen, wie im Mittelalter, stagniert das Geistesleben. Wird hingegen alles geklaut, was man finden kann, wie in der Renaissance, geht es voran mit der Zivilisation.

Anzeige

Der Absatz, den Sie eben gelesen haben, ist ein Plagiat. Ich habe etwas mehr umgeschrieben als Annalena Baerbocks Ghostwriter bei ihren wissenschaftlichen Versuchen, denn die Plagiatsjagd sollte schließlich eine Herausforderung sein. Wenn Sie die Quelle aufspüren, stoßen Sie auf einen der originellsten und geistreichsten reaktionären Schriftsteller der Neuzeit. Bei ihm finden Sie noch einige weitere interessante Gedanken zum Thema Plagiat, aber alles wusste der Mann auch nicht. Nun also zu der für eine linke Zeitung notwendigen Ergänzung: Das Urheberrecht und die Fiktion des »geistigen Eigentums« sind kapitalistische Erfindungen. Sie machen es möglich, von geistiger Arbeit zu leben, deshalb sind sie vorläufig unentbehrlich. Aber sie sollten nicht ideologisch überhöht werden, und dies nicht nur, weil der – zum Glück vorläufig gescheiterte – Versuch einer Firma, das Zischgeräusch beim Öffnen einer Dose mit einem kohlensäurehaltigen Getränk patentieren zu lassen, deutlich zeigt, was man heutzutage unter geistigem Eigentum versteht. Nach mehr als 5000 Jahren Zivilisationsgeschichte ist es nicht so einfach, etwas völlig Neues zu erdenken, zwangsläufig und häufig ohne es zu wissen oder zu wollen ernten wir, was andere für uns gesät haben.

Aber Ernten will gelernt sein. Anders als beim Diebstahl von Gegenständen benötigt man beim Diebstahl von geistigem Eigentum ein Verständnis für das, was man sich aneignet. Wenn etwa »Querdenker«-Machos auf einem öffentlichen Platz grimmig guckend herumhampeln und behaupten, dies sei der Maori-Kriegstanz, ist das keine kulturelle Aneignung, weil den Dieben das dafür nötige Niveau fehlt. Das Problem des zeitgenössischen Kultur- und Geisteslebens ist, dass es stagniert, obwohl viel gestohlen wird und es mehr denn je zu Stehlen gibt. Das hat etwas mit dem Kapitalismus zu tun, mit einer Kulturindustrie, die Risiken scheut, einem Wissenschaftsbetrieb, der quantitativ evaluiert, einem Konkurrenz- und Statusdenken, das die Veröffentlichung eines Buches notwen-dig erscheinen lässt, auch wenn man gar nichts zu sagen hat und anderem mehr. Eine zufriedenstellende Erklärung ist das jedoch nicht, schon Dostojewskis Werk wäre ja weit schmaler ausgefallen, wenn er nicht gegen seine Spielschulden hätte anschreiben müssen. Aber es ist beruhigend, dass es noch solche Rätsel gibt, deren Lösung man nicht abschreiben kann.