Sexuelle Gewalt gegen Jungen und Männer in arabischen Gesellschaften

Stigma und Tabu

Sexuelle Gewalt richtet sich in arabischen Gesellschaften in hohem Maße gegen Jungen und Männer – womöglich sogar häufiger als gegen Mädchen und Frauen. Inzwischen brechen einige das Schweigen.

»Eines Abends im Dezember, am Ende des Unterrichts, folgte er mir zu den Herrentoiletten und schlug mich zusammen, damit ich tat, was er wollte«, berichtet der 19jährige Othello Jelifi über seine Vergewaltigung auf der tunesischen Facebook-Seite EnaZeda (»Me Too« in tunesischem Arabisch). Bereits seit dem Beginn der #EnaZeda-Kam­pagne im Oktober 2019 teilen auch Männer ihre Missbrauchserfahrungen – die meisten allerdings anonym.

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»Wenn das Leben einfacher wäre, würde ich meine Geschichten offen teilen und die Menschen darauf aufmerksam machen, dass Jungen jeden Alters sexuellen Missbrauch erleiden können. Das ist leider nicht der Fall. Ich habe sogar Angst, anonym darüber zu sprechen«, schreibt jemand auf der EnaZeda-Seite. »Diese Schande tötet«, sagte Othello Jelifi der niederländischen Zeitung NRC Handelsblad. »Die sexuelle Dominanz eines anderen Mannes fühlt sich wie eine Demütigung an. Als etwas, das die Männlichkeit beeinträchtigt.« Jelifi ist Mitglied der LGBT-Organisation Mawjoudin (Wir existieren) und hat sich entschlossen, offen über seine Erfahrungen zu sprechen.

Erwachsene Opfer müssen auch die Justiz fürchten. Der 22jährige Anas wurde in Tunesien zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, nachdem er eine Vergewaltigung angezeigt hatte.

Feministische Organisationen beschäftigen sich seit Jahren mit sexueller Gewalt gegen Frauen. Aber sexuelle Gewalt gegen Männer war bisher kaum Thema. Denn die Opfer schweigen. »Sexueller Missbrauch eines Sohnes wird oft als Schande angesehen, die die gesamte männliche Linie betrifft. Einige Eltern versuchen, das Ereignis zu vergessen und ihren Sohn sowie sich selbst vor weiteren Schäden zu bewahren«, erläuterte die Traumapsychologin Aida Nafetti im NRC Handelsblad.

Neben dem gesellschaftlichen Stigma müssen erwachsene Opfer auch juristische Konsequenzen fürchten. Im Februar wurde der 22jährige Anas in Tunesien zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, nachdem er eine Vergewaltigung angezeigt hatte. Sein Vergehen: homosexueller Geschlechtsverkehr. Die Täter erhielten Gefängnisstrafen in derselben Höhe.

Amnesty International veröffentlichte im Mai einen Bericht über sexuelle Gewalt und diskriminierende Gesetze in Tunesien: »Ein schwuler Mann, der angegriffen wird, wird viel häufiger strafrechtlich verfolgt als sein Angreifer.« Die Menschenrechtsorganisation berichtet, dass Opfer und Täter zuweilen in eine Zelle gesperrt würden. Erst seit 2017 gibt es in Tunesien überhaupt den Tatbestand der Vergewaltigung von Männern.

Die erste Diskussion über sexuelle Gewalt gegen Männer entfachte der Bericht des ehemaligen politischen Gefangenen Sami Brahim im November 2016, als er vor der Wahrheitskommission zur Aufklärung von Verbrechen während der Diktatur unter Präsident Zine al-Abidine Ben Ali aussagte: »Alle Gefangenen wurden ausgezogen, die Jungen und die Alten. Eine ganze Woche lang wurden alle nackt gehalten.« Der Abschlussbericht der Kommission hält fest, dass sexueller Missbrauch gegen Männer unter der Diktatur als »regelmäßige Folter« angewandt wurde.

Das ist auch das Ergebnis einer Untersuchung von Human Rights Watch zur Diktatur Bashar al-Assads in Syrien. Der im Sommer erschienene Bericht konzentriert sich vor allem auf schwule, bi- und transsexuelle Opfer, denn sie sind besonders häufig sexu­eller Gewalt ausgesetzt. Zwar werde sexuelle Gewalt als Folter gegen Männer jeder sexuellen Identität eingesetzt, aber die Brutalität und Häufigkeit seien ungleich höher bei als homosexuell wahrgenommenen Gefangenen, ­schreiben die Autoren.

Einige der Befragten berichteten, dass sie zudem gezielt sexueller Gewalt durch Mitgefangene ausgesetzt wurden. Naila, eine Transfrau, wurde dem Bericht zufolge 2013 von 25 Männern in einer Zelle in einem Gefängnis in Homs vergewaltigt, während sie nach der Wache schrie. Am anderen Tag hörte sie, wie der Gefängnisleiter eine Wache aufforderte, sie in Raum 9 zu bringen, »weil Raum 14 bekommen hat, was sie wollten«.

Sexuelle Gewalt als staatliche Praxis ist in Syrien wie in anderen Ländern der Region auch außerhalb von Gefängnissen verbreitet. Viele Schwule und Transsexuelle fliehen vor dem Militärdienst, weil bekannt ist, dass dort diejenigen, die nicht den gängigen Vorstellungen von Männlichkeit entsprechen, regelmäßig vergewaltigt werden. An Checkpoints der Armee erleben feminin aussehende Männer ständige Übergriffe.

Oft haben die Opfer niemanden, an den sie sich wenden können. Die Studie von Human Rights Watch zitiert eine Sozialarbeiterin: »Viele Fallbearbeiter sagen, dass Jungen sich oft entmutigt fühlen, über sexuellen Missbrauch zu sprechen. Wenn sie missbraucht werden, sagen die Eltern: Du bist ein Mann. Vergiss es.« Wenn die Eltern gar vermuten, dass ihr Sohn schwul sei, könne das lebensgefährlich werden. Der 22jährige Farhed erzählt demnach: »Mein Stiefvater wollte die Shabiha (regimenahe Miliz, Anm. d. Autorin) schicken, um mich festzunehmen und zu töten. Er hat meinen ­Namen an allen Checkpoints eintragen lassen.«

Die Interviews kamen im Libanon mit Unterstützung der Beiruter LGBT-Organisation Helem zustande. Heterosexuelle Betroffene zu finden und für Aussagen zu gewinnen, sei deutlich schwieriger, erklärte ein in der Bekaa-Ebene tätiger Fallmanager den Forschern: »Obwohl wir wissen, dass viele der Männer sexueller Gewalt ausgesetzt waren, hören wir darüber nur von ihren Frauen. Männer beschweren sich nicht.«

Die wenigen quantitativen Stu­dien zu sexuellem Missbrauch, die Mädchen wie Jungen gleichermaßen berücksichtigen, deuten darauf hin, dass Jungen und junge Männer sogar häu­figer betroffen sein könnten. So stellte eine Studie aus dem Libanon zu ­sexuellem Missbrauch an Kindern in Kriegs- und Friedenszeiten fest, dass genauso viele Jungen wie Mädchen sexuelle Gewalt erlebt haben, die Angriffe auf Jungen aber in Kriegszeiten zunehmen.

Zum Vergleich: In Deutschland geht man davon aus, dass Mädchen dreimal so häufig von sexueller Gewalt betroffen sind wie Jungen. Strafverfahren wegen sexuellen Kindesmissbrauchs betreffen in 75 Prozent Fälle, in denen Mädchen Opfer sind. Allerdings haben auch hierzulande männliche Opfer sexueller Gewalt mit größeren Tabus zu kämpfen. Forschungsarbeiten zum Thema sexuelle Gewalt beschäftigen sich meist mit Frauen.

Eine Befragung von 12 000 Schülerinnern und Schülern in Israel kam 2016 zu dem Ergebnis, dass Jungen genauso häufig sexuellen Missbrauch erlebten wie Mädchen – so das Ergebnis an jüdischen Schulen. Aufhorchen lassen die Ergebnisse derselben Befragung an arabischen Schulen. Dort gaben mehr Jungen als Mädchen an, sexuelle Gewalt erlebt zu haben: 28,4 Prozent der Jungen im Gegensatz zu 18,7 Prozent der Mädchen.

Der hohe Anteil bei Jungen überraschte auch die Forscher: »Dies könnte eine Verschiebung von traditionellen Sichtweisen auf Männlichkeit (…) zu einer zeitgemäßeren Sichtweise zeigen. In Übereinstimmung mit solchen Einstellungen fühlen sich Männer möglicherweise freier, ihre Erfahrungen als Vergewaltigung zu bezeichnen.« Das mag erklären, warum unter den jüdischen Kindern genauso viele Jungen wie Mädchen angaben, Missbrauch erlebt zu haben. Es erklärt aber nicht die höhere Gewalterfahrung der arabischen Jungen.

Ein Grund dafür dürfte im Konzept von Ehre liegen, das mit der Sexualität von Frauen verbunden wird: Die Intaktheit ihres Jungfernhäutchens muss bis zur Heirat garantiert werden. Der Psychologe Mohammed Mansour, der mit Opfern sexueller Gewalt in Gaza ­arbeitet, erläuterte in der israelischen Tageszeitung Haaretz, warum Jungen häufig Opfer von Gewalt durch andere Jungen werden: »Weil es sozial einfacher ist. Wenn ein Junge ein Mädchen vergewaltigt und sie es jemandem ­erzählt, wird er getötet. Die Nachbarschaft rechnet mit ihm ab.«