Bitte nicht füttern! - Coco und ich

Frei wie Kühe

Hundebesitzer proben den Aufstand.
Kolumne Von

Für Außenstehende kryptische Nachrichten erreichen mich zuweilen im Minutentakt auf dem Smartphone: »OA an der Kirche«, »jetzt mit E-Bikes«, »am Ufer, Richtung Baustelle«, »zwei OA abgebogen zum Sportplatz«. Ja, die Nachbarschaft ist wachsam, jedenfalls die Hundebesitzernachbarschaft. Sie unterhält eine Whatsapp-Gruppe, in der sich die Mitglieder gegenseitig vor dem Ordnungsamt (OA) warnen. Denn während es in Kanada mittlerweile verboten ist, Delfine in Becken zu halten, und hierzulande Zoogegner gegen Bären hinter Gittern demonstrieren, selbst McDonald’s nur noch Eier von Freilandhühnern verwendet und auch Kühe und Schwei­ne möglichst viel Auslauf haben sollen, ist man sich bei Hunden einig: nix Freilauf. Sie gehören an die Leine. Nur die Hundehalter – und selbstverständlich die Hunde – sehen das anders und organisieren sich dagegen. Also nicht die Hunde, nur ihre Menschen. Telefonnummern für das Warnsystem werden nebst verschwörerischen Blicken heimlich beim Gassigehen im Park ausgetauscht wie andernorts Geldscheine und Plastiktütchen. Geht das OA nach Norden, gehen Coco und ich nach Süden.

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Nun wohnen wir nicht an der Neuköllner Sonnen­allee und unter den Nachbarn sind wohl weder mafiöse Clan-Mitglieder noch autonome Kiezmilizen, sondern eher brave Bürger, die zwar die Grünen wählen, aber die FDP meinen. Doch selbst bei ihnen geht das Vertrauen in die Institutionen verloren. Ob Parteien, Kirchen, Medien, Gewerkschaften, Bezirksamt oder die Vereinten Nationen – die haben doch eh alle keine Ahnung, denkt sich der Bürger und hat manchmal sogar recht damit. Er selbst fühlt sich überfordert von der Globalisierung, den ganzen Apps, den neuen Geschlechtern, den Probemonatkündigungen, dem Mikroplastik überall und wartet nur noch auf das immer freitags von den Kindern verkündete Weltende oder hofft still, dass die Institutionen das noch irgendwie alles regeln werden. Bis ihn das mulmige Gefühl beschleicht, dass die Institutionen ebenfalls nicht auf der Höhe der Zeit, dass auch sie überfordert sind. Statt G5 zu bringen, das Klima zu retten, Schu­len zu bauen und den verdammten Drucker zu reparieren, schreiben sie Knöllchen für über die Wiese springende Hündchen.

Was liegt da näher, als Selbstjustiz zu üben? Autofahrer auf dem Radweg? Mal feste in die Tür treten. Manche nennen es Zivilcourage oder rufen den Notstand aus. Ich kann nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass die auch für mich völlig anonymen Hundebesitzernachbarn – ich kenne allenfalls die Namen der Hunde – nicht im Zweifelsfall über Whatsapp auch eine Bürgerwehr oder einen Lynchmob organisieren würden, gegen wen auch immer. Darum will ich unsere kleine klandestine Gruppe keinesfalls als Widerstandsbewegung verklären, aber ich kann sagen: Coco ist sehr dankbar. Sie möchte auch ein Freilandhuhn, ein Weiderind, ein Delfin sein.

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