Der Berliner Pegida-Ableger feierte seinen 100. Aufmarsch

Gefährlicher Gemischtwarenladen

Am Samstag feierte der Berliner Pegida-Ableger Bärgida seinen 100. Auf­marsch. Viele Antifaschisten nehmen das Häuflein nicht ernst, doch das ist ein Fehler.

Nur etwa 150 Menschen waren am vergangenen Samstag dem Aufruf zum 100. Aufmarsch des Berliner Pegida-Ablegers Bärgida gefolgt. Bei diesigem Wetter und feuchter Kälte hatten sie sich vor dem Hauptbahnhof versammelt. Angemeldet worden waren 2 000, doch realistisch war das nicht. Ohne die Gäste aus Tschechien und der Slowakei, aus Brandenburg, Sachsen, Bayern und anderen Bundesländern wäre es wohl bei einer zweistelligen Teilnehmerzahl geblieben.
Für Außenstehende ist es schwer ­verständlich, warum sich Menschen so etwas antun. Politisch lässt es sich nur schwer erklären. Näher liegen da schon soziologische, vielleicht auch psychologische Erklärungen: Viele Teilnehmer begrüßen sich per Handschlag, manche umarmen sich sogar. Man scheint sich zu kennen. Das allwöchentliche Beisammensein ist für dieses kleine Häuflein offenbar ein wichtiger Ort sozialen Austauschs geworden – etwas, das ihrem ansonsten tristen Dasein wenigstens ein bisschen Sinn und Struktur gibt.
Politisch hingegen trennen die Demonstranten oft Welten. Einige sind klassische Neonazis, andere hängen kruden, meist antisemitischen Verschwörungstheorien an, wieder andere sind durchschnittliche Rassisten. Das ideologische Durcheinander findet seinen Ausdruck auch in den Fahnen und Bannern, die sie mitführen. Da flattert die Fahne des Deutschen Reichs friedlich neben der der Bundesrepublik, auf dem Fronttransparent sind Aufkleber von NPD, Pro Deutschland und Identitärer Bewegung in trauter Eintracht nebeneinander zu sehen: Hauptsache, irgendwie patriotisch und vor allem gegen alles vermeintlich ­Fremde.
Dass es der organisierten Linken schwerfällt, diesen rechten Gemischtwarenladen ernst zu nehmen, ist durchaus nachvollziehbar. Dennoch ist es ein Armutszeugnis, dass sich gerade einmal 300 Menschen auf die Straße begaben, um dagegen zu protestieren, dass eine extrem rechte, teils offen neonazistische Demonstration durch Berlin zieht – vor allem, wenn zur ­traditionellen Silvio-Meier-Demonstration in Friedrichshain ein paar Stunden später das Drei- bis Fünffache an Menschen aufläuft.
Sicher, die Menschen auf den Bärgida-Aufmärschen sind in ihrer ganz überwiegenden Zahl prekäre Existenzen, aber das heißt nicht, dass sie harmlos sind. Ganz im Gegenteil. Durch ihre Regelmäßigkeit geben die Aufmärsche den Teilnehmern Gelegenheit, sich in ihren Meinungen bestärkt zu fühlen und oft sogar weiter zu fanatisieren. Der Weg vom »besorgten Bürgertum« zum rassistischen Brandanschlag ist da oft kürzer, als angenommen wird.
Wenn mitten in Berlin ein Aufmarsch stattfindet, in dessen zweiter Reihe ein Neonazi mitläuft, der sich durch Codes auf seiner Mütze auf Combat 18 und auf den Bombenanschlag von ­Oklahoma City 1995 und damit gleich zweimal positiv auf tödlichen Nazi­terrorismus bezieht, dann ist das jedenfalls keine Lappalie. Und eine Antifa, die so etwas auch über fünf Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU einfach geschehen lässt, sollte sich überlegen, ob sie sich nicht besser einen anderen Namen sucht.

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