Der Film »House of Gucci« erzählt von den Intrigen im italienischen Modehaus

House of Gagaismus

Hinreißend spielt Lady Gaga die Rolle der Patrizia Reggiani in »House of Gucci«, Ridley Scotts Epos über das Modehaus. Der Film, in dem sich vieles um Original und Fälschung dreht, kupfert selbst ab, und zwar bei »The Godfather«.

In einer Gesellschaft, die verlernt hat, historisch zu denken, entwickelt sich Mode zu einer bisweilen komischen Erinnerung an das Fortschreiten der Geschichte. Betrachtet man auf alten Fotos die Outfits, Moden und Stile, die man einmal getragen hat, fällt plötzlich auf, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. Manch einer wünscht sich vielleicht insgeheim ausladende Schulterpolster zurück, ein anderer kann darüber lachen, wie sie sich im Kontrast zur Gegenwart ausnehmen. Das Phänomen der Retro-Mode wiederum erinnert daran, dass Geschichte bekanntlich sich immer zweimal ereignet, als Tragödie und als Farce.

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Mode erzählt aber auch von den Wünschen der sozialen Gruppen, die sie tragen. Darauf, dass die modischen Trends der oberen Klassen gerne nachgeahmt und billiger reproduziert von den unteren Klassen übernommen werden, wies der französische Soziologe Gabriel Tarde schon Ende des 19. Jahrhunderts hin. Mode als Farce zu wiederholen, das bedeutet für die unteren Klassen die Aneignung dessen, was ihnen gesellschaftlich verwehrt wird und was sie gerne besäßen. Für die oberen Klassen ­bedeutet es, zähneknirschend teilen oder aufgeben zu müssen, was ehemals exklusiv war.

Wer mit der Künstlerinnenpersona von Lady Gaga und Pacinos späteren Rollen etwas vertraut ist, kann sich vorstellen, welche Elementargewalten in »House of Gucci« aufeinandertreffen.

Dass Kino und Fernsehen seit ein paar Jahren die Modewelt wieder verstärkt als Erzählstoff für sich entdecken, dürfte kein Zufall sein. Im Gewand biographisch-fiktionaler Aufstiegs- und Fallgeschichten, von Yves Saint Laurent über Roy Halston Frowick bis nun zu Maurizio Gucci, lässt sich offen über etwas sprechen, das heutzutage als gesellschaftliches Thema oft völlig aus der Mode geraten scheint: die Verteilung von ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital.

Ein so effizient arbeitender Filmemacher wie Ridley Scott scheint da durchaus die richtige Wahl für den Regieposten von »House of Gucci« zu sein, auch wenn vor 20 Jahren schon einmal Martin Scorsese für den Stoff im Gespräch war. Nach »The Last Duel« ist »House of Gucci« sogar schon Scotts zweiter Kinofilm in diesem Jahr, gut zweieinhalb Stunden lang und eindrucksvoll besetzt. Da ist natürlich zu allererst Lady Gaga als die aus armen Verhältnissen stammende Patrizia Reggiani, die den ­lethargischen Gucci-Erben Maurizio (Adam Driver) heiratet und ihn nach der Scheidung umbringen lässt. Dazu gesellen sich ein bestens aufgelegter, jovialer Al Pacino als Familienpatriarch Aldo Gucci sowie ein unter dem Film-Make-up gänzlich unkenntlicher Jared Leto als eher talentloser Spross Paolo Gucci.

Der Film basiert auf realen Begebenheiten. 1970 lernte Patrizia Reggiani Maurizio Gucci auf einer Party kennen, das Paar heiratete 1972 und zog nach New York City, wo Reggiani zur High-Society-Lady aufstieg. 1985 zerbrach die Ehe, wurde aber erst 1994 geschieden. Ein Jahr später tötete ein Auftragsmörder Maurizio, 1997 wurde Reggiani zu einer 29jährigen Haftstrafe verurteilt – sie hatte den Mörder engagiert. Nach 18 Jahren Haft wurde sie 2016 frühzeitig entlassen.

Gaga und Pacino fungieren als linke und rechte Herzkammer von »House of Gucci«, während Driver im Gegensatz zu Leto, vermutlich beabsichtigt, eher unscheinbar bleibt. Letzteren verwandelt seine üppig aufgetragenen Maske in eine Manifestation des Overacting. Letos manieriertes Spiel unterstreicht Paolos Rolle im Hause Gucci, der als ehemaliger Chefdesigner, wenn auch an maßloser Selbstüberschätzung leidend, als einziger so etwas wie künstlerische Ambitionen für das Modelabel zu verfolgen scheint.

Dass Leto als ein mit dem Rest der Besetzung schier unvereinbarer Fremdkörper inszeniert wird, entspricht der Perspektive des Films auf das Modehaus. Was eigentlich die ästhetische Bedeutung der Marke Gucci begründet, ist kein Thema. Der Titel ist hier Programm: Gucci ist ein Haus, eine Dynastie, für welche die feinen Unterschiede noch etwas zählen – bis der blaue Himmel über dem Italien der Siebziger aufreißt und ein Kugelblitz in Form von Lady Gagas Patrizia auf die Guccis herniederschießt.

Gaga spielt ihren Part als zu allem entschlossener Parvenü absolut hinreißend. Ihr Gegengewicht ist Al Pacinos Aldo, der zwar für old money steht, aber an Patrizias Esprit sichtlich Gefallen findet, da sein Sohn und sein Neffe nichts dergleichen besitzen. Wer mit der Künstlerinnenper­sona von Lady Gaga und Pacinos späteren Rollen etwas vertraut ist, kann sich vorstellen, welche Elementargewalten hier aufeinandertreffen: »House of Gucci« wechselt permanent zwischen Ultra-Camp und ­seriösem Drama.

Diese Mischung entwickelt sich völlig unverhohlen in den Akzenten fort, die im Film gesprochen werden. Bis auf Lady Gaga und Al Pacino hat hier niemand auch nur entfernten Bezug zum Italienischen. Der dennoch von den Darstellern zum Teil stark gesprochene italienische Akzent wirkt dann auch hochgradig artifiziell. Ein Italodadaismus, oder viel besser noch: ein Gagaismus.

Diese offensiv betriebenen Sprachfälschungen und Neuschöpfungen von Akzenten im Film korrespondieren mit dem plötzlich aufkommenden Thema der Modefälschung. Etwa in der Mitte des Films entdeckt Patrizia in New York, dass sich ein florierendes Fälschungsgeschäft mit Gucci-Artikeln etabliert hat, die in den ­ärmeren Bezirken an Straßenecken feilgeboten werden. Sie schleppt eine ganze Wagenladung dieser Fälschungen zur Begutachtung in ­Aldos Büro. Ziemlich überzeugend, muss er gestehen und räsoniert, wenn diese Artikel einer Arbeiterfrau aus Long Island den Wunsch nach ­einer Gucci-Tasche erfüllen können, dann sei das schon richtig so. Als es später um das Modehaus schon bedenklich schlecht bestellt ist, besiegelt bezeichnenderweise ein berühmtes Gucci-Unikat als Verhandlungspfand den Verkauf des Unternehmens an familienfremde Investoren. Den Fetischcharakter der Luxusmarke verbindet Scott hier unausweichlich mit ihrer Fälschbarkeit, Reproduzierbarkeit und damit auch mit ihrer massenkulturellen Bedeutung.

Was »House of Gucci« als Epos über ein angesehenes Familienunternehmen erzählen will, ist bei genauem Hinsehen ebenfalls eine Imitation – im besten Sinne. Weniger als den vor 20 Jahren optionierten Martin Scorsese ahmt Ridley Scott in Tempo, Tonart und Figurenkonstellation Francis Ford Coppola und dessen Film »The Godfather« (»Der Pate«) von 1972 nach. Al Pacino darf an die Stelle ­seiner damals von Marlon Brando gespielten Vaterfigur Vito Corleone ­rücken, während Lady Gaga Pacinos Figur Michael Corleone entspricht. Mario Puzos Buchvorlage war ihrerseits ein Stück Camp-Literatur erster Güte, das Coppola in eine politische Allegorie auf die siebziger Jahre verwandelte. Der Mythos der amerikanischen Einwanderernation verkehrt sich bei Coppola zum gewalttätigen Bandenkrieg kapitalistischer Rackets.

Patrizia Reggiani, in den Medien nach dem Attentat auf ihren Ex-Ehemann stereotyp zur »schwarzen Witwe« erklärt, wird von Lady Gaga als unbewusste Meisterfälscherin und dann als Saboteurin eines traditionsreichen Modeimperiums gespielt, dessen Produkte sich letztlich nicht mehr eindeutig von den Fälschungen unterscheiden lassen. Eine solche Leistung kann man nur an­erkennen. Was für eine Tragödie, was für eine Farce.

House of Gucci. Buch: Becky Johnston, Roberto Bentivegna. Regie: Ridley Scott. Darsteller: Lady Gaga, Adam Driver, Jared Leto, Jeremy Irons, Salma Hayek, Al Pacino. Filmstart: 2. Dezember