Philipp Amthor, Nachwuchshoffnung der CDU, ist bereits mit 28 Jahren ein Relikt

Skandalträchtige Karriere

Philipp Amthor gilt als Nachwuchshoffnung der CDU. Dabei ist er bereits mit 28 Jahren ein Relikt.
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Die CDU ist nicht down mit den Kids. Bei der Bundestagswahl 2017 zeigte sich, dass die Wählerschaft der Partei immer mehr vergreist, Jungwählerinnen lieber links, grün oder sonstig wählen und auf die Stammwählerschaft Ü70 nicht mehr ewig Verlass sein wird. So findige wie offensichtlich überforderte Agenturmenschen schufen deshalb ein Format, mit dem die Parteinachwuchsorganisation bei einer jüngeren Zielgruppe Anklang finden soll. Die Junge Union Gaming Night droht bereits im Ankündigungstext: »Im lockeren Rahmen wollen wir mit dir zusammen die Vielseitigkeit des Online-Gamings entdecken und hier mit dir und der gesamten Community ins Gespräch kommen.«

Auf Clubhouse stimmte Philipp Amthor im Januar das bei Revan­chisten beliebte Pommernlied an und empfahl sich also weniger der Jugend als den alternden Heimattümlern.

Sichtlich deplatziert sitzen Philipp Amthor (28) und der Vorsitzende der Jungen Union, Tilman Kuban (34, beide CDU), im neonbeleuchteten Streaming-Studio, zocken das familienfreundliche Partyspiel »Fall Guys« und stellen sich Publikumsfragen. Nur verhalten sich die jungen Leute im Twitch-Stream nicht wie gewünscht, sondern wollen die beiden Noobs mit Korruptionsaffären und Fotos mit Neonazis konfrontieren. Der Moderator filtert jede kritische Nachfrage heraus und lässt nur Belanglosigkeiten über etwaige Urlaubs­pläne zu.

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Das Video dokumentiert eine weitere blamable Bemühung der CDU, sich einer politisierten Jugend anheischig zu machen, auf deren berechtigte Fragen sie keine Antworten hat. Amthor, Nachwuchshoffnung des Konservatismus, ist für den Zweck auch ein denkbar ungeeigneter Kandidat: Der Bundestagsabgeordnete aus Mecklenburg-Vorpommern spricht regelmäßig von der jungen Generation, als gehörte er ihr nicht an, und lässt sich mit dem Gewehr in der Hand im Wald ablichten, lauernd, um auf argloses Wild zu ballern.

Aber selbst im Frieden mit sich und dem deutschen Wald ist Amthor nicht vor den Wirrungen seiner skurrilen Karriere sicher. Das Jäger-Infoportal Natürlich Jagd schrieb mit sonderbaren Waidmannsvergleichen: »Nun hat sich also einer, der es kraft Jägerprüfung besser wissen könnte, selber ins Knie geschossen. Nicht mit seinem Blaser-Repetierer im Kaliber .300 Winchester Magnum, sondern durch nicht ganz gewöhnliche Freundschaftsdienste.« Amthor hatte nämlich Lobbyarbeit für das US-amerikanische Start-up-Unternehmen Augustus Intelligence (AI) gemacht.

Unter anderem versuchte er in einem Schreiben, das Unternehmen dem Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) als »spannendes und politisch vielversprechendes Investitionsunternehmen« zu verkaufen. Servil bot Amthor 2018 an, ein Treffen zwischen dem Minister und dem CEO von AI zu organisieren, da »die Projektidee durchaus eine hohe Priorität« für ihn habe. Der Öffentlichkeit zunächst vorenthalten wollte Amthor, dass er selbst Aktienoptionen des Unternehmens hielt, die einem Bericht des Handelsblatts zufolge einen Wert von 250 000 US-Dollar hätten erreichen können.

Von der Kandidatur für den Landesvorsitz der CDU Mecklenburg-Vorpommerns – er war der einzige Bewerber – trat Amthor deshalb zurück, für die anstehende Bundestagswahl hat ihn der Landesverband allerdings auf den ersten Listenplatz gehievt. Von da aus schimpft er gegen rot-rot-grüne »Umerziehung« und den SPD-Konkurrenten in seinem Direktwahlkreis, der es mit »permanenten Niveaulosigkeiten« und »populistischen Schmutzkampagnen« doch tatsächlich wagt, Amthor Korruption vorzuwerfen. Dabei gibt er sich alle Mühe, den Vorwürfen gerecht zu werden: Ermuntert von Amthor hat die Videoplattform Tiktok, die vor allem dafür kritisiert wird, Daten für China zu sammeln, ein Festival in seinem Wahlkreis mit 2 500 Euro unterstützt. Der Verdacht liegt nahe, dass Tiktok über den Einfluss auf Politiker wie Am­thor sein Image aufbessern will.

Sorgen sollte sich Amthor aber wohl über sein eigenes Image machen. Im Juli kursierte im Netz ein Foto, das ihn mit zwei Neonazis zeigt. Einer der beiden trägt ein T-Shirt mit einer Solidaritätsbekundung für die mehrfach verurteilte Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck. Amthor redete sich mit Ahnungslosigkeit heraus: »Die beiden Bürger und ihren Hintergrund kannte und kenne ich nicht.«

Dass Amthor, immerhin ein Mitglied des Innenausschusses des Bundestags, nicht in der Lage oder nicht willens ist, offenkundige Neonazis als solche zu identifizieren, verwundert nicht, wenn man um seine sonstigen Interessen weiß. Er ist gerngesehener Gast bei der Landsmannschaft Ostpreußen und stellvertretender Vorsitzender der »Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten« in der Unionsbundestagsfraktion. Auf Clubhouse stimmte er im Januar das bei Revanchisten beliebte Pommernlied an und empfahl sich also weniger der Jugend als den alternden Heimattümlern.

Amthor ist bereits mit 28 Jahren ein Relikt. Er personifiziert den reaktionären Kern des bürgerlichen Konservatismus. Amthor wirbt mit seinem Katholizismus, hält das Werbeverbot für Abtreibungen für eine gute Sache, hat gegen gleichgeschlechtliche Ehen »ver­fassungsrechtliche Bedenken«, verteidigte Hans-Georg Maaßen (der übrigens auch in die AI-Affäre verwickelt ist) und wollte, dass die Universität Greifswald weiter nach dem Antisemiten Ernst Moritz Arndt benannt bleibt. Rhetorisch können die älteren Parteireaktionäre noch von ihm lernen: Amthor steckt sowohl vernichtende Kritik als auch tatsächliche Gemeinheiten wegen seines Erscheinungsbildes mal grinsend, mal betroffen weg. So hat er es vollbracht, seine eigentlich nach allen Regeln der Kunst verpfuschte Karriere von Krise zu Krise zu retten. Es steht zu befürchten, dass das, ähnlich wie bei Friedrich Merz, noch beliebig lange so weitergehen kann.