Ein neuer Band über britische Punk-Fanzines von 1977 bis 1983

Nur für Fans

Als die Fanzines aus dem Boden schossen: Eine neue Anthologie gibt einen Überblick über die selbstgemachten Hefte der Punks in Großbritannien in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren.

Es war ein ganz besonderer Geist, der Ende der Siebziger in London herrschte. Ein Aufbruchsgeist, ein Experimentiergeist, ein Machergeist. »Punk was this amazing thing that’s gone now. The time. The place. The fanzines. The fashion and everything«, wird Mark Perry in dem Buch »Punkzines« zitiert. Perry gab in den Jahren 1976 und 1977 Sniffin’ Glue heraus, eines der ersten britischen Punk-Fanzines. Benannt wurde es nach dem Ramones-Song »Now I Wanna Sniff Some Glue«.

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Zwei Konzerte rüttelten damals die Jugend eines ganzen Landes auf. Der erste Auftritt, der Punk in Großbritannien ins Rollen brachte, war der der Sex Pistols am 4. Juni 1976 in Manchester. Und dann traten am 4. Juli eben die Ramones im Londoner Roundhouse auf; unter den Besuchern war auch Mark Perry. Wenige Wochen später erschien die erste, geheftete und zum Teil handgeschriebene Ausgabe von Sniffin’ Glue. Mit der ersten Punkwelle wurde auch ein Medium relevant, das in den dreißiger Jahren in der Szene der Science-Fiction-Liebhaber entstanden war, nun aber neu erfunden wurde: Fanzines, also selbstgemachte, meist in Heimarbeit erstellte Hefte, mit der Schnipseln-und einkleben-Methode zusammengebastelt. Von Fans für Fans.

Kopierapparate wurden in Großbritannien Mitte der siebziger Jahre für die breite Masse zugänglich. Diese Entwicklung sorgte mit dafür, dass die zusammengetackerten Hefte im Punk das Medium schlechthin wurden.

Die nun von dem DJ und Labelbetreiber Eddie Piller und Graphikdesigner Steve Rowland veröffentlichte Chronik »Punkzines. British Fanzine Culture from the Punk Scene 1976–1983« fängt diese Atmosphäre und die eigene Ästhetik, die die Fanzines mit sich brachten, insgesamt hervorragend ein. Sie vermittelt auch einen Eindruck von der unglaublichen Produktivität, die Punk seinerzeit freisetzte. Unzählige Publikationen wie Ripped & Torn, London’s Outrage (von Jon Savage), Bondage, Kingdom Come, Sideburns, Strangled, Chainsaw, Allied Propaganda, Blackpool Rox und viele weitere entstanden. Der Bedarf war aber auch einfach da: Die damaligen britischen Musikzeitschriften Melody Maker, New Musical Express und Sounds betrachteten Punk zunächst mit Misstrauen und Geringschätzung und berichteten unverhältnismäßig wenig über die Jugendbewegung, so die Autoren.

Visuell gibt dieses Buch extrem viel her: Man kann nachvollziehen, wie sich Musik, Mode, Performance und Publikationskultur gegenseitig beeinflussten. Toll ist zum Beispiel der Ausschnitt aus Sideburns, in dem das Grundmotto von Punk graphisch dargestellt (beziehungsweise aufgemalt) ist. Drei Akkorde sind aufgezeichnet, daneben steht: »This is a chord. This is another. This is a third. Now form a band.«

Umwerfend sind auch die handschriftlich erstellten Cover des Sniffin’ Glue, bei dem man die Heftklammern sehen kann und bei dem die erste Ausgabe noch mit einem Matrizendrucker hektographiert zu sein scheint. Es wird wild collagiert, mit dicken Stiften gepinselt, die (Konzert-)Fotos werden einfach ungerastert kopiert. So entsteht ein Schnipsel-Layout, das noch sehr lange das Erscheinungsbild der Fanzines in der Punk- und Hardcoreszene prägen sollte – bis zum Aufkommen des Internet galt das uneingeschränkt, doch auch bis heute wirkt die Schnip­sel-Optik fort. Der Herausgeber ­Eddie Piller beschreibt im Buch sehr gut, welch vertrautes Gefühl das ­Erscheinungsbild der Zines bei manchen bis heute erweckt: »Letraset, PMT machines, typewriters, Pritt Stick and cut and paste methods are long gone and never to return but my love of the ramshackle world of homemade magazines that I used to inhabit has never left me.«

Die Vorgeschichte geben Piller und Rowland etwas zu knapp wieder: Die Underground-Magazine OZ und International Times werden da zuvorderst als Vorläufer genannt – wichtige Magazine, die aber einen völlig anderen Hintergrund hatten. Da wäre ein umfassenderer und genauerer Rückblick wünschenswert gewesen. Die US-Counterculture wird ausgespart, obwohl von dort sicher auch entscheidende Inspiration kam. Dass anfangs überdies die Entstehung des britischen Punk noch einmal referiert wird – im Wesentlichen durch die altbekannte Geschichte der Sex Pistols –, erscheint dagegen in der Ausführlichkeit überflüssig.

Darüber hinaus aber erzählt »Punkzines« auf erhellende Art und Weise Zeitgeschichte. So ist die Geschichte der Fanzines auch Technikgeschichte. Kopierapparate wurden in Großbritannien Mitte der sieb­ziger Jahre für die breite Masse zugänglich; diese Entwicklung sorgte mit dafür, dass die zusammenge­tackerten Hefte im Punk das Medium schlechthin wurden. Auch Doppelkassettendecks, die das Überspielen vereinfachten, wurden erschwinglich. In der Szene entstand so eine ganz andere Kultur des Austauschs. In England ändert sich mit der Technik auch das Design: die Firma Better Badges, die eigentlich Buttons produzierte, stellte Ende der Dekade mit einer Multilith-1250-­Offsetdruckmaschine eine Reihe Fanzines her. Publikationen wie Chainsaw, Kill Your Pet Puppy und Rising Free wurden nun auch in ­Farbe gedruckt.

Erstaunlich ist, wie gut die unabhängige Infrastruktur funktionierte. So lieferten Rough Trade und Small Wonder Records, die Label und Vertrieb in einem waren, auch kleinste Fanzines aus. Daneben nutzten die Macher den Handverkauf bei Konzerten und den Verkauf in Plattenläden. Üblich sind zu dieser Zeit wohl Auflagen zwischen 200 bis 500 Exemplaren, aber Hefte wie Jamming oder Toxic Graffiti erreichten Anfang der Achtziger auch Auflagen von 5 000. Auffällig ist, dass Fanzines seinerzeit fast nur von Männern gemacht wurden, was vielleicht doch überrascht, weil Frauen – man denke an Bands und Personen wie X-Ray Spex, The Slits und Vivien Goldman – im Londoner Punk sehr präsent waren.

Der enorme Output an Zines war kurzlebig, Anfang der Achtziger ging die Zahl der Publikationen deutlich zurück. Viele Autoren begannen, für die etablierteren Musikmagazine zu schreiben, darunter Jon Savage. Dieser betont im Interview mit den ­Herausgebern, dass bei weitem nicht alle Zines originär waren: »What happened by the end of ’77 in the UK was that fanzines become standardised and a lot of them were reproducing a music press format that I thought was very dull.«

Einige im Buch zu Wort kommende Protagonisten – siehe das Eingangszitat von Mark Perry – begreifen Punk tatsächlich als vorübergehendes Phänomen jener Zeit, das kaum oder wenig in die Gegenwart hineinragt. Eher möchte man da schon dem DJ, Labelbetreiber und Szeneveteranen Don Letts zustimmen. Er glaubt, die Ideen und die Haltung der Subkultur lebten bis heute fort: »The DIY ethos is one of punk’s greatest gifts, hell, it made me who I am today!« Die Absage an Perfektion präge ihn bis heute, sagt er: »I’m still using what I got to get what I need, I’m still turning problems into assets, and I still believe a good idea attempted is better than a bad idea perfected.«

Es ist auch deshalb erfreulich, dass diese Chronik nun vorliegt, weil die Dokumentation dieses Mediums im Netz selbstredend unbefriedigend ist und sich meist auf Tumblr-Blogs beschränkt. Wie die Jugend jener Zeit lebte, fühlte und dachte, all das wird erst durch die vielen großen Abbildungen in diesem Buch greifbar.

Eddie Piller/Steve Rowland: Punkzines. ­British Fanzine Culture from the Punk Scene 1976–1983. Omnibus Press, London 2021, 176 Seiten, 16,99 Pfund