Kritik am von Wolfgang Benz herausgegebene Buch »Streitfall Antisemitismus«

Lamentierende Antisemitismusexperten

Mit einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Merkel hat sich der Historiker Wolfgang Benz wieder zu Wort gemeldet. Darin kritisierten er und Dutzende andere eine »missbräuchliche Verwendung des Antisemitismusvorwurfs«. Ein Sammelband, der erst vor kurzem von Benz veröffentlicht wurde, schlägt in dieselbe Kerbe.

Der von Wolfgang Benz, dem langjährigen Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, herausgegebene Sammelband »Streifall Antisemitismus« sei jedem empfohlen, der sich über das Elend deutscher Antisemitismus­debatten informieren will. Ein alter Platzhirsch verteidigt dort wütend sein verlorenes Revier: Es geht um Deutungsmacht, darum, was Anti­semitismus überhaupt ist (laut dem Buch vor allem nichts, was mit Kritik an Israel zusammenhängen könnte), und stellt die Frage, ob man nicht stattdessen lieber gleich über »Islamfeindschaft« sprechen sollte. Das Buch ist eines ganz sicher nicht: ein »Wegweiser aus einem verminten Gelände«, wie es der Deutschlandfunk beworben hat. Im Gegenteil: Wenn man bei der zweifelhaften Metapher bleiben will, trampeln die Autoren des Buchs trotzig durch die Minenfelder. Vor allem sorgt man sich um das Wohlergehen der BDS-Bewegung und vermutet finstere Winkelzüge der israelischen Regierung, die zusammen mit ungenannten, aber immer wieder angeführten »Aktivisten« durch ständige Antisemitismusvorwürfe die Meinungsfreiheit bedrohe. Micha Brumlik will sogar einen neuen »McCarthyismus« ausgemacht haben: Verfolgt wird, wer es wagt, Israel zu kritisieren. Für angebliche Antisemitismusexperten ist das bemerkenswert.

Zur hitzigen Debatte über angebliche Parallelen zwischen Judenhass und Islamfeindschaft tragen Vertreter des politischen Islam von den Muslim­brüdern bis hin zu Jihadisten und Kalifatskämpfern bei, die eben im Gegensatz zu den »Weisen von Zion« keine Imagination sind.

Im Grunde beschäftigen sich die meisten Beiträge in dem Band gar nicht im engeren Sinn mit Antisemitismus, stattdessen geht es immer wieder um dieselben Ereignisse, auf die die in dem Buch schreibenden Personen meist mit denselben Zitaten verwiesen und durch die sie sich ­offenbar empfindlich getroffen fühlen. Konkret geht es um die Diskus­sion über das Berliner Jüdische Museum und den Rücktritt seines Direktors Peter Schäfer 2019, dem vorgeworfen worden war, dezidiert israelfeindlichen Positionen und der Präsen­tation von »Islamophobie« zu viel Raum eingeräumt zu haben. Auch die Kritik an Yasemin Shooman, der ehemaligen Akademieprogramm­direktorin des Museums, die bei Benz promovierte, ärgert die Autoren des Bandes. Der öffentliche Streit über den postkolonialen Theoretiker Achille Mbembe und dessen Äußerungen zu Israel ist ebenfalls Thema. Schließlich erregen die von der EU genutzte Antisemitismusdefinition mit ihrer klaren Einbeziehung von »israelbezogenem Antisemitismus« sowie der »3D-Test« (Dämonisierung, double standards, Delegitimierung) den Unwillen fast aller Autorinnen und Autoren. Für die größte Entrüstung sorgt allerdings der parteiübergreifende Beschuss des deutschen Bundestags vom Sommer 2019, die BDS-Bewegung als antisemitisch einzuordnen und die staatliche Finanzierung von Auftritten ihrer Vertreter und Sympathisanten möglichst zu unterbinden.

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Wie sehr das Buch Teil einer politischen Auseinandersetzung ist, bei der es um die Verteidigung von Macht geht, zeigt der offene Brief vom 24. Juli, der die Veröffentlichung begleitete und in dem Benz und einige andere Autoren des Buchs sowie ­einige prominente internationale Unterstützer sich an die Bundeskanzlerin wenden. Seine Botschaft: Die inflationäre Verwendung des ­Antisemitismusbegriffs gefährde die Meinungsfreiheit und mache Menschen mundtot. Es geht wohl vor allem darum, Felix Klein, den Anti­semitismusbeauftragten der Bundesregierung, loszuwerden. Insbesondere ihm lastet man den BDS-Beschluss und die Debatte über Mbembe an.

In der akademischen Disziplin Postcolonial Studies gehört es international zum guten Ton, irgendwann auch etwas Dummes über Israel zu sagen, das die Worte »Rassismus«, »Apartheid« oder »Siedlungskolonialismus« enthält. Nun möchten die entsprechenden deutschen Kreise aber auch diesbezüglich internatio­nalen Standard erreichen, müssen sich aber dauernd mit dem Vorwurf des Antisemitismus herumplagen. In »Streifall Antisemitismus« schlägt sich das in stetig wiederkehrenden Verweisen darauf nieder, wie lächerlich man sich in Deutschland damit international mache. Es ist wohl eher ein Minderwertigkeitskomplex, der sich hier ausdrückt. Unangenehm auffällig ist überdies, wie sehr manche Beteiligte ihre akademische Kompetenz und Expertise betonen, um zu beklagen, dass man sich mit »Aktivisten« herumärgern müsse, denen man allenfalls noch zugesteht, dass sie, falls sie jüdisch sind, immerhin mit besten Absichten handeln. Juliane Wetzel, die seit 1991 Mitarbeiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung ist, klagt zum Beispiel über »Experten«, die meinten, besser als die »jahrzehntelang im Feld tätigen Forscher« zu wissen, was Antisemitismus sei – und die ihre Meinung auch noch in »entsprechenden Medien – Print und online« hinausposaunen könnten.

Wenn man angesichts dieser Arroganz etwa Wolfgang Benz’ Buch­beitrag zu seinem Steckenpferd, dem Vergleich zwischen Antisemitismus und Islamophobie, betrachtet, scheint der wissenschaftliche Ertrag und Aufwand doch eher mau: Der Vergleich zwischen antisemitischen Schriften des 19. Jahrhunderts und Argumentationslinien sogenannter »Islamkritiker« birgt also Parallelen. Das ist im Grunde nicht sehr verwunderlich. Nur was folgt daraus? Benz schreibt hier so oft das Wort »Genozid«, dass man fast schon glaubt, allen Muslimen in Deutschland drohe demnächst der Tod. Und ist das alles nur ein abgeschirmter binnendeutscher Diskurs? Die Diskussion über den Islam wird tatsächlich international kontrovers geführt, zu der hitzigen Debatte tragen Vertreter des politischen Islam von den Muslimbrüdern bis hin zu Jihadisten und Kalifatskämpfern bei, die eben im Gegensatz zu den ­»Weisen von Zion« keine Imagina­tion sind.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat kürzlich wieder ein hübsches Beispiel dafür geliefert, wie das alles ineinandergreift: Beim Eröffnungsgebet in der Hagia Sophia inszeniert er sich als Glaubenskrieger, das beflügelt natürlich »Islamkritiker« jeder Couleur, während die SETA-Stiftung, eine Gründung aus Erdoğans Umfeld, seit ­Jahren erfolgreich darum bemüht ist, den Begriff der Islamophobie unter Verweis auf diese Islamkritiker den EU-Institutionen aufzudrängen. Aber um solche etwas komplexeren Zusammenhänge mit Benz’ eher ­bescheidenen Diskursvergleichen in Beziehung zu setzen, reicht offenbar das Potential seiner »vergleichenden Genozidforschung« nicht aus. Und dass Benz sich mit den realen Genoziden an muslimischen Bevölkerungsgruppen – in Jugoslawien, Myanmar, China – oder gar islamisch ­beeinflussten Massenmorden, etwa an Armeniern oder jüngst den ­Yeziden, je näher beschäftigt hätte, ist auch nicht bekannt. Aber das sind auch hässliche Realitäten, mit denen man keine Verfügungsmacht über Museen, Posten, Fördergelder und Feuilleton bekommt. Als emeritierter deutscher Professor mit dem Schwerpunkt Antisemitismusforschung darüber zu lamentieren, dass man angeblich die Politik Israels nicht mehr kritisieren darf, verspricht da schon mehr Erfolg.

Wer etwas anderes als dieses Dauerlamento sucht, ist mit »Streitfall Antisemitismus« nicht gut bedient. Man muss lange blättern, um etwas Substantielles zu finden. Zu nennen wäre der Beitrag von Derviş Hızarcı, dem Antidiskriminierungsbeauftragten des Berliner Senats und Vorstandsvorsitzender der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus. Hier bekommt man plötzlich empirische Daten präsentiert. Um sich mit der nahöstlich geprägten Einstellung zu Juden und Israel bei migrantischen Jugendlichen praktisch auseinanderzusetzen, reicht es im Zweifel eben nicht aus, nur über Antisemitismus zu sprechen. Tatsächlich kann man die Frage stellen, ob der Antisemitismusbegriff in manchen Fällen inflationär verwendet wird. Nur macht leider gerade der Sammelband »Streitfall Antisemitismus« allzu deutlich, dass sich das Gros der hier versammelten Autoren eben nicht dazu eignet, solche Fragen differenziert und produktiv zu stellen. Vielleicht sollten Benz und die Seinen ihre akademische Disziplin ehrlicherweise in BDS Studies umbenennen.

Wolfgang Benz (Hrsg.): Streitfall Antisemitismus. Anspruch auf Deutungsmacht und politische Interessen. Metropol-Verlag, Berlin 2020, 328 Seiten, 24 Euro