Romantikkomödie »Long Shot«

Zwei wunderschöne Hirne

Klebrig-süß, intelligent und anrührend: Der Film »Long Shot« von Regisseur Jonathan Levine liefert gute Gründe, der romantischen Klamotte noch eine Chance zu geben.

Die romantische Komödie, turbulent, wie sie meist ist, verspricht heitere Stunden, verlangt nicht viel vom Zuschauer und reflektiert darüber hinaus geschickt manche Machtmechanismen in einer immer unüberschaubarer werdenden Gesellschaft. Man muss sich wundern, dass sie es trotzdem im Kino immer schwerer hat, und als »klebrig, süßlich und ungesund« (Die Welt) gilt.

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Aber, passiert in diesen Filmen nicht immer dasselbe? Auch »Long Shot« von Jonathan Levine ist mit seinem Plot über zwei Heteros nicht unbedingt revolutionär, aber eben auch nicht konservativ. Denn der ­komische Liebesfilm spürt gesellschaftliche Gegensätze auf und dramatisiert sie. Indem er Machtkonstellationen als veränderbar zeigt, favorisiert er das Chaos und arbeitet grenzüberschreitend und widersprüchlich, während er doch eigentlich ein Märchen erzählt.

Die Möglichkeiten der modernen Klassenbiographie – man steigt ab, um wieder aufzusteigen und umgekehrt – treiben Jonathan Levines romantische Komödie gehörig an.

»Long Shot« nimmt vieles auf, was derzeit diskutiert wird: Gerade arbeitslos geworden, trifft Journalist Fred Flarsky (Seth Rogen) nach etlichen Jahren seine Jugendliebe Charlotte Field (Charlize Theron) wieder. Die hat politisch Karriere gemacht – und es bis zur US-Außenministerin unter einem recht korrupten US-Präsidenten gebracht.

Weil sie selbst die erste Präsidentin der USA werden will, macht sie sich mit einem neuen Klimaschutzabkommen weltberühmt. Hier und da gibt es in ihren Plänen ein paar Abstriche fürs Establishment, aber grüne Themen, da fühlt man sich gerade angesprochen. Wie es sich gehört, reist sie unermüdlich viele Flugkilometer um die Welt, um für ihre Weltrettungspläne zu werben. Zu den Details ihres Plans erfährt man wenig im Film, vielleicht wäre das aber auch etwas zu viel verlangt.

Nun legen die Drehbuchautoren zwar leider kein zweites Pariser Abkommen vor, auch wenn Fields Team aus den Besten der Besten besteht. Aber ihren Reden fehlt das Zündende, das Lebendige, das Herzliche. Und da kommt Fred Flarsky gerade richtig, der ihr Ghostwriter wird. Er schreibt nicht nur gut, er hat auch Kenntnisse ihrer Biographie, deren Details ihren Ansprachen immense Authentizität und Ehrlichkeit verleihen. Denn Fred war schon als Kind in Charlotte verliebt, sie war seine Babysitterin. Hinzu kommt: Charlotte ist solo. Und sie hat die Faxen dicke von den Dates mit einem akkuraten kanadischen Ministerpräsidenten, der immer nur sich selber meint, wenn er von ihr spricht. Da entwickeln sich durchaus Sympathien für den herzlichen Fred.

Die Arbeit bestimmt das Bewusstsein. Das moderne Individuum hat sich so sehr auf sich selbst konzentriert, dass es zur Monade geworden ist.

Aber die Arbeit bestimmt das Bewusstsein. Das moderne Individuum hat sich so sehr auf sich selbst konzentriert, dass es zur Monade geworden ist. Wo soll die moderne, gehoben berufstätige Frau einen passenden Partner finden? Sie, Inbegriff von Schönheit und Klugheit, bleibt deshalb auch allein. Fred wiederum ist der Inbegriff schlampiger Hässlichkeit, dicklich in seiner Ballonseide, unappetitlich mit seinem Vollbart. Er schwitzt, brüllt und mieft so komisch, das scheint man sogar im Kinosaal riechen zu können.

Wo Charlotte ein diffiziles Innen­leben hat, ist Fred ein Vollschrat. Der Film spielt mit diesem Gegensatz zwischen den Hauptfiguren. Doch auf der Ebene der Sprache finden die beiden eine Basis, sie haben eine sapiosexuelle Romanze, zwei wunderschöne Gehirne in Aktion. Dem zuzuschauen geht zu Herzen, über die körperlichen Sexszenen schweigt man besser.

Fred kann sein Maul nicht halten. Seine Indiskretionen über Charlottes Vergangenheit, seine Ungeübtheit, was Politik und Etikette angeht, bergen viele Gefahren für ihre Karriere. Die Schmutzschreiber des Medienmilliardärs Wembley warten nur auf Fehltritte, denn Charlottes Green New Deal könnte dessen Pläne gefährden.

Die Möglichkeiten der modernen Klassenbiographie – man steigt ab, um wieder aufzusteigen, und umgekehrt, jedenfalls kann alles passieren – treiben diese romantische Komödie gehörig an. Als seien die Drehbuchschreiber mit dem Infinite Improbability Drive aus »Per Anhalter durch die Galaxis« unterwegs, mit dem man an unmöglich zu erreichende Orte reisen kann, wird Unwahrscheinliches in diesem Film wahrscheinlich. Denn das ist das Prinzip der romantischen Komödie: Die romantische Liebe setzt sich immer gegen alle Widerstände durch, vor allem gegen die Realität.
Dieser Film handelt aber nicht nur von einer Zuneigung mit postbürgerlicher Fallhöhe, sondern auch vom Niedergang des Journalismus, nämlich seiner Auflösung im Politischen. Dieser Abstieg wird skizzenhaft durchprotokolliert: Fred arbeitet zunächst als Investigativjournalist. Für seine Zeitung ist er oft verdeckt unterwegs und riskiert dabei Kopf und Kragen. Beim furiosen Einstieg sieht man ihn, den jüdischen Autor, inmitten einer Horde judenhassender Nazi-Skins; als vermeintlicher Sympathisant hat er sich in die Gruppe eingeschmuggelt. Und die beginnt gleich mit dem Integrieren: Er möge sich doch vom Tätowierer ein Hakenkreuz stechen lassen. Er kann sich nicht lange bitten lassen, aber die notwendige Contenance hält er nicht durch. Fred lässt die Sache auffliegen und flüchtet aus dem Fenster. Mit der unvollendeten Swastika auf dem Arm brüllt er wilde Flüche, eine staunende, halb besoffene Nazitruppe hinter sich lassend. Fred kann sprichwörtlich nicht aus seiner ehrlichen Haut. Er schreibt hart, direkt, entlarvend. Sich selbst vernachlässigt er dabei, aber was ist schon sein Äußeres gegen eine rasante Geschichte. Für eine solche würde er sein Leben riskieren.

Erfolg im Journalismus geht nur, wenn er wehtut. Aber das reicht auch nicht gegen die Schmerzen, die der Markt den Medien bereitet. Freds Zeitung wird kurzerhand von eben jenem milliardenschweren Tycoon Wembley aufgekauft, mit dem er sich auch schon angelegt hat. Man wolle ihn behalten, sagt der Chefredakteur, aber bitte gezügelt. Doch dafür legt sich Flarsky nicht krumm, da kündigt er lieber. Das nun fehlende Einkommen korrumpiert ihn zum Dienstleistungsschreiber in der Politik.

Dort findet er aber wieder nur die Leute, die er eigentlich hinter sich gelassen hatte. So ist der Präsident ein Schauspieler, der es vom Fernsehen ins Weiße Haus geschafft hat. In seiner Fernsehrolle spielte er natürlich auch den US-Präsidenten, nun aber würde er gern zum Film. »Vom TV ins Kino, das haben nur ganz wenige geschafft«, teilt er mit, um dann George Clooney als sein Idol zu nennen (und es wäre nebenbei kein Fehler gewesen, wenn dieser die Rolle übernommen hätte). Helfen soll ihm bei seinen Filmstarplänen besagter Wembley, der im Tausch Serverplantagen ins Naturschutzgebiet pflanzen will. Gespielt wird der Milliardär übrigens von CGI-Spezialist Andy Serkis, und der zieht alle Register, um Wembley als eine Mischung aus Stephen Bannon und allen Kreaturen, die Serkis (Sméagol, King Kong) in seinem Leben spielen durfte, erscheinen zu lassen. Während sich nun auf der einen Ebene im Film eine unmögliche Liebesbeziehung anbahnt – besser First Mister sein, als die Miete nicht bezahlen können –, werden auf der anderen die Probleme von Korruption in der Politik und ihre notwendige Kritik behandelt.

Individualismus ist definitiv eines der Themen im Film, aber wem nützt dieser mehr? Der alten Welt mit ihren Widerlingen oder der neuen mit ihrem grünen common sense? Für diesmal ist die Schlacht geschlagen, Liebe ist Anarchie, Gefühle machen, was sie wollen. Wer ihnen Raum gibt, kann tun, was er will. Zumindest für zwei Stunden. Und wenn sie nicht gestorben sind, regieren die Guten noch heute.

Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. USA 2019. Regie: Jonathan ­Levine. Darsteller: Seth Rogen, Charlize Theron, Andy Serkis.

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