Wie der Aufstand in Algerien ausgeht, ist ungewiss

Drei Optionen für Algerien

Die Proteste in Algerien zeigen, dass es in Nordafrika weiter gärt. Europa setzt trotzdem auf vermeintliche Stabilität.

Seit Beginn der Proteste in dem nordafrikanischen Land sollen mehrere Millionen Menschen an Demonstrationen gegen den ­greisen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika und seine Regierung teilgenommen haben. Mit Erfolg: Ging es erst um eine erneute Kan­didatur des 82jährigen, der sich seit Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigte, so forderten die Demonstranten danach den Rücktritt der Regierung. Teile des politischen Establishments reagieren inzwischen äußerst beunruhigt. Die Armee, die in Algerien seit Jahrzehnten de facto die Macht innehat, schien sich ebenfalls von Bouteflika distanzieren zu wollen. So forderte ihr Generalstabschef, Ahmed Gaïd Salah, jüngst öffentlich ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten nach Artikel 102 der algerischen Verfassung.

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Diese Reaktionen des Militärs erinnern viele der vor allem ­jungen Demonstranten, die einen grundlegenden Wandel in Algerien fordern, an die Entwicklungen in Ägypten im Jahr 2011. Auch dort setzte unter dem Druck der Proteste die Armee den greisen Präsidenten Hosni Mubarak ab, um sich selbst weiter an der Macht halten zu können. Während damals in Kairo die Massen den Generälen allerdings zujubelten, demonstrierten am Freitag vergangener Woche so viele Algerier wie noch nie – und zwar ausdrücklich gegen den Vorschlag des Armeechefs. Stattdessen forderten sie Neuwahlen und ein Neuanfang.

Während eine Clique aus alten Männern das Land wie seinen Privatbesitz behandelt, lebt die Mehrheit ohne Perspektive und Hoffnung.

Abzuwarten bleibt, wie das Establishment reagieren wird. Die Warnungen vor einer möglichen Machtergreifung von Islamisten oder dem Chaos verhallten jedenfalls. Wegen des brutalen Bürgerkriegs mit den Islamisten in den neunziger Jahren reagierten die Algerier vorsichtig, als 2011 in den Nachbarländern der sogenannte arabische Frühling ausbrach. Die Angst saß damals noch zu tief. Das hat sich inzwischen geändert, nicht nur weil islamistische Parteien im Lande selbst eher geschwächt und schlecht organisiert sind, sondern weil die ökonomische Lage sich in den letzten Jahren kontinuierlich verschlechterte. Algerien, ­eigentlich ein reiches Land, versank in Korruption, Vetternwirtschaft und Stagnation, ein Schicksal, das es mit der ganzen arabischen Welt teilt. Während eine Clique aus alten Männern das Land wie seinen Privatbesitz behandelt, lebt die Mehrheit der extrem jungen Bevölkerung ohne Perspektive und Hoffnung. Auch wenn es im vergangenen Jahrzehnt immer wieder sporadisch zu Unruhen und Streiks kam, schien sich das Regime weiter fest an der Macht zu halten. Algerierinnen und Algerier selbst äußern sich überrascht über die Ausmaße, die der Protest inzwischen angenommen hat. Insofern gleicht die Entwicklung der des »arabischen Frühlings«, als die Massenaufstände nahezu über Nacht in der ganzen Region losbrachen. Auch in Algerien handelt es sich dabei um eine eher führungslose Bewegung, die sich über soziale Medien koordiniert und gewaltfrei agiert.

Die Entwicklung in dem nordafrikanischen Land zeigt, dass es überall in der Region weiter gärt und die Hoffnung, der vor allem EU-Staaten anhängen, man könne mit abgehalfterten anciens régimes Stabilität erhalten, illusorisch ist. Die Tage der Regierung Bouteflika sind gezählt, aber was nach ihr kommen wird, vermag niemand vorauszusagen. Deshalb richten sich auch die ­Blicke auf Tunesien, Libyen und Ägypten, die je eines der drei möglichen Szenarien exemplifizieren: Einigermaßen gelungene ­Transformation, Bürgerkrieg und Chaos oder Militärdiktatur.