Wie aus Alexander Gauland wurde, was er ist

Die Speerspitze des Bildungsbürgertums

Wie wurde aus Alexander Gauland, was er ist? Statt nach Brüchen in der Biographie des AfD-Vorsitzenden zu suchen, lohnt sich der Blick auf die Kontinuitäten.

»Dass er mir nicht die Hand gab, nahm ich ihm nicht übel. Er spielte den Engländer. Und das nicht nur mit seinen Anzügen und seinen Manieren. Auch was er über Politik verfasste, war immer aus feinstem englischen Stoff. (…) Mich erinnerte er, trotz seiner feinen Londoner Aufmachung, an meine Fähnleinführer.«

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Mit dieser Szene eröffnet Martin Walser seinen 1996 erschienen Roman »Finks Krieg«. Es geht in ihm um einen Justizskandal in der hessischen Staatskanzlei, um Verstrickungen der Mächtigen, um Konflikte zwischen Kirche und Staat. Der aussichtlose Kampf gegen den Staatssekretär Tronkenburg beginnt den Protagonisten Fink, so zu bestimmen, dass er verrückt wird; es gelingt ihm nicht, seinen Gegner zu stellen: Tronkenburg übersteht den Skandal unbeschadet – wie auch das Vorbild für die Romanfigur, Alexander Gauland, unbeschadet aus der »Affäre Gauland« herauskam, die 1988 ihren Anfang nahm und die Walser als Vorlage diente. Im Zuge der Affäre hatte die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Abgabe einer falschen eidesstattlichen Versicherung gegen Gauland als damaligen Leiter der hessischen Staatskanzlei ermittelt, das Verfahren jedoch 1992 eingestellt.

In den »europäischen Völkern« seien die »Speerspitzen der Evolution« zu erkennen, »biologisch oder technisch oder kulturell« – Gaulands Volksbegriff fußt auf biologistischen, sozialdarwinistischen Prämissen

Der damalige Ministerpräsident Walter Wallmann (CDU) soll seinen Parteikollegen Gauland gefördert haben, traute ihm als »Denker und Spitzenberater« aber offenbar nicht zu, Politik in Führungspositionen zu machen. Wie Wallmann ihn wohl heutzutage sähe, fragt Gauland sich rhetorisch in einem Por­trät in der Welt – eine Frage, mit der er sich unabsichtlich klein macht und viel über eine kindliche Sehnsucht nach Anerkennung verrät. Mit der Bundestagswahl 2017 schaffte er es doch in die erste Reihe der Politik. Die CDU hat er 2013 enttäuscht verlassen. Manchen gilt Gauland seither als ein großer Konservativer, den die Partei missverstanden hat.
Doch was macht Gaulands angeblichen Konservatismus aus? 2016 beleidigte der Politiker den Fußballnationalspieler Jérôme Boateng: »Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.« Auf einer Wahlkampfveranstaltung in Thüringen sagte er angesichts einer Äußerung der damaligen Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Aydan Özoğuz (SPD), zur deutschen Kultur: »Das sagt eine Deutsch-Türkin. Ladet sie mal ins Eichsfeld ein, und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können.« Deutsch ist für Gauland nicht, wer die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Man muss die richtige »Volkszugehörigkeit« vorweisen können. Gauland urteilt nach ethnischen Kriterien, nach Rassen.

In seiner im März in der Welt publizierten Erwiderung auf Emmanuel Macrons Appell an die Europäer macht Gauland deutlich, was ein »Volk« ausmacht: Er hebt die »Vielfalt Europas« hervor, die der »Artenvielfalt in der Natur« entspreche; in den »europäischen Völkern« seien die »Speerspitzen der Evolution« zu erkennen, »biologisch oder technisch oder kulturell«. Gaulands Volksbegriff fußt auf biologistischen, sozialdarwinistischen Prämissen.

Auch seine Haltung zur deutschen Geschichte ist aufschlussreich. 2017 proklamierte er »das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen«. Im vergangenen Jahr sprach er von der »ruhmreichen Geschichte« der Deutschen, in der »Hitler und die Nazis« lediglich ein »Vogelschiss« gewesen seien. Was ihn am Nationalsozialismus stört, verriet Gauland 2016 in einem Interview mit der Zeit: Hitler habe »viel mehr zerstört als die Städte und die Menschen«, er habe »den Deutschen das Rückgrat ­gebrochen, weitgehend«.

Dass jede große Zeitung Gauland porträtierte, ist nicht überraschend, da der Politiker der Publizistik nahesteht: Gauland ist Verfasser elaborierter Monographien, die sich mit konservativer Politik in deutscher und britischer Ausprägung befassen, und war von 1991 bis 2005 Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung. Bemerkenswert ist, wie die Presse sich im nähert: Sie trifft ihn, der der AfD angeblich »Form, Geist und Stil« (Welt) gibt und als ein »kluger Konservativer, noch dazu diskursfähig« (Taz), eingeführt wird, bei »seinem Lieblingsita­liener im Potsdamer Villenviertel« (Zeit), wo der »Kellner weiß, welchen Rosé er schätzt« (Süddeutsche Zeitung), und lauscht seinem »melancholischen Plauderton« (Spiegel).

Irgendwann wird den Lesern dann eine Nahaufnahme wie diese präsentiert: »Er blickt oft mürrisch, als würde die Schwere des Lebens sein Gesicht zeichnen.« (Süddeutsche Zeitung) Gauland erscheint als lebender Anachronismus, der der Gegenwart entrückt ist – so entsteht der Eindruck, dass er mit denen, die über ihn schreiben, keine Gemeinsamkeiten habe. Der Weg des ­Politikers wird zum sonderbaren Einzelschicksal verklärt; sein Verhalten wird als individuelle Reaktion auf gesellschaftliche Umbrüche gedeutet. Damit wird verdrängt, dass er ein politisches Feld besetzt, das auch unabhängig von ihm existiert.

Bereits wenige Jahre nach der Publikation von »Finks Krieg« markierte Walser dieses politische Feld, in dem Gauland sich bewegt. In seiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels beklagte der Dichter 1998 vor der ausgewählten Kulturgemeinde: »Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird.« Im Holocaust-Mahnmal wollte Walser die »Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeld­großen Alptraum« sehen, er bezeichnete es als »Monumentalisierung der Schande«. Gaulands Parteikollege Björn Höcke hat es 2017 ein »Denkmal der Schande« genannt.

Der Widerspruch gegen Walser war nicht allzu groß und blieb hauptsächlich dem damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, überlassen. Inmitten der vermeintlich aufgeklärten deutschen Gesellschaft hält sich die auf die Juden abzielende Gegenrede weiterhin. In »Negative ­Dialektik« schrieb Theodor Adorno: »Dass es geschehen konnte inmitten aller Tradition der Philosophie, der Kunst und der aufklärenden Wissenschaften, sagt mehr als nur, dass diese, der Geist, es nicht vermochte, die Menschen zu ergreifen und zu verändern. In jenen Sparten selber (…) haust die Unwahrheit.« Adorno stellt damit einen Zusammenhang zwischen der Auf­klärung und dem Nationalsozialismus her: Dieser konnte nicht trotz der humanistischen Tradition stark werden, sondern er wurde es auch aus ihr und durch sie. In seiner kürzlich in der Zeit erschienenen Abrechnung mit Gauland wirft Konrad Adam, ein Mitgründer und ehemaliger Bundesvorsitzender der AfD, diesem vor, von einem »sentimentalen Konservativen« zu einem »enthemmten Populisten« geworden zu sein: »Statt des Bürgertums serviert er dessen Instrumente.« So übersieht er, dass die Instrumente eine Form haben, die auf ihre Herkunft zurückverweist. Die Form transportiert nicht nur, sie ist bereits inhaltliche Handlung – das macht sie zur Form.

Auch Gauland ist mit seiner Bildung, seinem kulturellen Wissen, den Pub­likationen, seinem Habitus, nicht das Gegenteil des Bürgertums, er ist ein Teil davon. Der Bruch in seiner Biographie, den der bürgerliche Journalismus sucht, kann als Kontinuität gedeutet werden: als der Weg, der vom Bildungsbürgertum ausgehend in Autoritarismus und Faschismus enden kann, da in den Prämissen der aufgeklärten Gesellschaft selbst jene Unwahrheit vorhanden ist, mit der sie ihr eigenes Ende besiegelt. Walser wird keine Geschichte mehr zu Gauland erzählen. Wie die Geschichte ausgeht, steht weiter zu Wahl.