Menschenhandel in Mexiko-Stadt

Menschenraub in der Metro

In Mexiko-Stadt sorgen Berichte über Entführungsversuche an Metro­stationen für Angst unter Frauen. Der Menschenhandel ist in den ­vergangenen Jahren zu einer der wichtigsten kriminellen Aktivitäten geworden.

»Du wirst mit mir nach draußen gehen und einen weißen Lieferwagen sehen. Du steigst ein, und wenn dich irgendjemand etwas fragt, sagst du, es ist dein Uber«, habe der Mann an der Metro­station Boulevard Puerto Aéreo in Mexiko-Stadt gesagt, während er ihr einen spitzen Gegenstand in den Rücken gedrückt habe. Sie sei wie gelähmt ­gewesen. Erst als eine andere Frau eingeschritten sei und laut »Feuer« geschrien habe, habe der Täter die Flucht ergriffen, berichtet Eunice Alonso auf Facebook.

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Es ist einer von zahlreichen Berichten über Entführungsversuche an Metrostationen, die in den vergangenen Wochen eine Debatte über die Sicherheit von Frauen und Mädchen in der Hauptstadt ausgelöst haben. Feministinnen riefen in der Folge zur Selbstorganisation auf und sammelten und systematisierten eigenhändig Berichte über ähnliche Fälle. Es ist eine Arbeit, die eigentlich den mexikanischen Strafverfolgungs­behörden zukommen würde. Doch in diese haben die Aktivistinnen wenig Vertrauen. Die Staatsanwaltschaft hatte zunächst mitgeteilt, keine Kenntnis von Entführungsversuchen im öffentlichen Nahverkehr zu haben.

Insbesondere der Menschenhandel gilt im Vergleich zu anderen kriminellen Aktivitäten als relativ risikoarm und profitabel.

Ende Januar veröffentlichten die Aktivistinnen daraufhin in Kooperation mit dem Nachrichtenportal Serendipia ihren ausführlichen Bericht: 210 Meldungen von Entführungsversuchen verzeichneten sie bislang darin, 109 davon seit Beginn dieses Jahres. Die Täter gingen demnach systematisch vor: Mit Sätzen wie »Beruhige dich, Schatz« suggerierten sie den Umstehenden, bei ihrem sich wehrenden Opfer handele es sich ­lediglich um ihre hysterisch gewordene Partnerin. An­gesichts des weitverbreiteten Machismo, aber auch der ­generalisierten Angst, die zwölf Jahre Drogenkrieg und eskalierende Kriminalität bei der Bevölkerung erzeugt ­haben, verspricht dieses Vorgehen Erfolg. Im Zweifel, zeigen die Darstellungen, ziehen es viele Umstehende vor, einfach wegzuschauen. Die Berichte zeigen ebenso erhebliche Defizite der mexikanischen Strafverfolgungsbehörden, wenn es um Verbrechen gegen Frauen geht. Viele Opfer erzählen, dass sie von der Polizei nicht ernst genommen worden seien. Eine Frau berichtete, wie die mexikanische Polizei ihr eine Anzeige ausgeredet habe: »Den Tat­bestand der versuchten Entführung gebe es nicht und die Verletzungen seien das Beste, was mir passieren konnte, denn andere Mädchen hätten weniger Glück als ich. Ich solle nach Hause g­ehen und Gott danken, dass ich noch hier sei und sie mich nicht mitgenommen hätten.« In anderen Fällen unterstellten die Behörden eine Beziehungstat und erklärten sich für nicht zuständig. Ein Großteil der Opfer habe aufgrund solcher Erfahrungen davon abgesehen, Anzeige zu erstatten.

Es ist davon auszugehen, dass organisierte Gruppen von Menschenhändlern hinter den Entführungsversuchen stecken. Weltweit gilt Menschenhandel nach dem Schmuggel von Drogen und Waffen als das drittwichtigste Betätigungsfeld krimineller Organisationen. In Mexiko gehen Experten hingegen davon aus, dass die aus sexueller Sklaverei, Zwangsarbeit und Organhandel ­erzielten Profite mittlerweile nur noch von denen im Drogenhandel über­troffen werden.

Mexiko ist seit Jahrzehnten Ursprungs-, Transit- und auch Zielland für den Menschenhandel. Wegen der hohen Dunkelziffer sind die Zahlen der Opfer von Menschenhandel schwer zu erfassen. Die Nationale Menschenrechtskommission schätzt die Zahl der Opfer im Land auf 50 000 bis 500 000. Sie nimmt an, dass es sich bei rund 85 Prozent der Opfer um Frauen und Mädchen handele und 26 Prozent der Opfer minderjährig seien.
In Gegenden wie der südlichen Region des Bundesstaats Tlaxcala ist der Verkauf von Zwangsprostituierten ins Ausland zum Beruf geworden, der über Generationen hinweg innerhalb der Familie weitergegeben wird und als eine der Haupteinnahmequellen der Region gilt. Es sind oft Migrantinnen oder junge Mexikanerinnen, die mit falschen Versprechungen oder Arbeits­angeboten in die Falle gelockt werden. Aber auch gewaltsame Entführungen gehören zu den Methoden der kriminellen Gruppen. Lokale familienbasierte Netzwerke von Menschenhändlern haben sich dabei mittlerweile mit länderübergreifend agierenden Kreisen des organisierten Verbrechens verbündet.

Dass der Menschenhandel in den vergangenen Jahren anwuchs, ist auch Resultat der veränderten Strukturen der Kriminalität in Mexiko. An die Stelle der großen Kartelle, die sich hauptsächlich dem Drogenhandel widmeten, ist nach über zwölf Jahren Drogenkrieg eine nur noch schwer zu überschauende Zahl kleinerer Organisationen getreten. Ihr Tätigkeitsbereich ist breiter gefächert und umfasst neben dem Handel mit Drogen und Waffen auch Entführungen gegen Lösegeld und Menschenhandel. Insbesondere der Menschenhandel gilt im Vergleich zu anderen kriminellen Aktivitäten als relativ risikoarm und profitabel. Mexikos Strafgesetz kennt den Tatbestand seit 2007, in vielen Bundesstaaten fehlt es jedoch an Kenntnissen und Methoden zu dessen Bekämpfung. Selbst wenn es zu Anzeigen kommt, sind Ermittlungserfolge selten. Im Zeitraum von Juni 2012 bis Juni 2015 nahm die mexikanische Staatsanwaltschaft 1 458 Anzeigen wegen Menschenhandels auf lokaler und 571 auf Bundesebene entgegen, in lediglich 18 Prozent der lokalen Fälle kam es zu einer Verurteilung der Täter. Erhebliche Hindernisse stellen die Verwicklung der Behörden selbst in kriminelle Aktivitäten sowie die Korruption dar. Nach Angaben der Nationalen Menschenrechtskommission genügen Bestechungsgelder ab 25 000 Pesos (rund 1 150 Euro ), um Ermittlungen bei der Polizei zum Erliegen zu bringen.

Am 2. Februar demonstrierten über 5 000 Menschen in Mexiko-Stadt gegen Entführungen, Frauenmorde und ­sexualisierte Gewalt und forderten die Behörden zum Handeln auf. Unter dem Druck der Öffentlichkeit hat die örtliche Staatsanwaltschaft mittler­weile zugegeben, Kenntnis von mehreren versuchten Entführungen zu haben. Die Fälle seien zunächst fälschlich als Raubdelikte kategorisiert worden. Weil das Thema öffentliches Interesse erregt habe, habe man in den vergangenen Tagen dann elf weitere Anzeigen aufgenommen. Mexiko-Stadts Bürgermeisterin Claudia Sheinbaum von der sozialdemokratischen Partei Morena versprach ein dauerhaftes Konzept zur Verbesserung der Sicherheit von Frauen in öffentlichen Verkehrsmitteln. So wurden bisher an mehrere Metrostationen zusätzliche Polizeikräfte und Personal beordert, die Anzeigen im Fall von Gewalt gegen Frauen direkt aufnehmen sollen. Viele Feministinnen arbeiten darüber hinaus an Selbst­organisation. Eine der konkreten Ideen ist die Kampagne #DameLaMano (Reich mir die Hand), bei der lila Armbänder verteilt werden. Wer ein solches Armband trägt, zeigt seinen Mitreisenden damit, dass er oder sie für Frauen im Notfall ansprechbar ist und helfen kann. Der Angst und Isolation im öffentlichen Nahverkehr möchte man damit entgegenwirken.