Julia Holter schert sich auf ihrer Platte »Aviary« nicht um musikalische Konventionen

Funkelnde Nonkonformistin

»Turn the Light On« heißt das erste Stück auf dem neuen Album der ­kalifornischen Musikerin Julia Holter, und tatsächlich fühlt sich dieser ­Beginn an, als würde jemand ohne Vorwarnung mitten in der Nacht das Deckenlicht anknipsen. Während man noch konsterniert in die leuchtende Birne blinzelt, wirbeln Harfenkaskaden und Streicher, Trommel­wirbel und Holters klare Stimme durcheinander und kündigen an, was in den nächsten anderthalb Stunden folgen wird. Holter – immer schon gut für ausladende musikalische Gesten – hat mit »Aviary« eine so brillante wie schwer zu fassende Platte ver­öffentlicht, die vor Ideen nahezu aus allen Nähten platzt.

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Messen lassen muss sie sich dabei nicht zuletzt an sich selbst, denn ­spätestens seit dem dritten, 2013 veröffentlichten Album »Loud City Song« werden ihre minutiös arrangierten Popspektakel auch außerhalb der kleinen Avantgardezirkel wahrgenommen. »Loud City Song« stellte eine Zäsur zu seinen Vorgängern »Tragedy« (2011) und »Ekstasis« (2012) dar: Holter entwickelt hier ihren ­experimentellen Bedroom-Pop erfolgreich vom Soloprojekt zu einer ­Ensemblemusik mit Kontrabass, Bläsern und Streichern. Ihr Hintergrund als studierte Komponistin ist den detailverliebten Arrangements jederzeit anzumerken, den Charme des Albums machen aber eher seine Zugänglichkeit und Holters Fähigkeit, sperrige Strukturen auf einer Albenlänge durchzuhalten, aus. 2015 folgte mit »Have You in My Wilderness« Holters kommerziell bisher erfolgreichstes Album.

Erstmals ohne ein alles bestimmendes lyrisches Motiv auskommend, verschoben die zehn darauf enthaltenen Stücke den ästhetischen Schwerpunkt noch einmal weiter in Richtung Pop. Geschenkt, dass der Berliner E-Musik-Polizei die luftige Instrumentation und das Spiel mit Jazzharmonik damals unerträglich erschien. »Geh doch zurück nach Glastonbury!« schrie ein erboster Besucher des Jazzfests mitten im Konzert und verließ als erster von vielen polternd den Saal der Berliner Festspiele, während ein Jazzblog das Gehörte in Echtzeit auf Twitter als »chromatisches Rumgeschraube« beschrieb. Auch das neue Album hält sich nicht an Genrekonventionen und kombiniert noisige Passagen mit kleinteiligen Freejazz-Ausbrüchen, enthusiastischen Chören und verträumten ­Melodien, die man schlicht oder schön finden kann.

Anders als mit dem Livealbum »In the Same Room« (2017) wagt Holter auf »Aviary« erfreulicherweise wieder mehr Experimente. Wie bei ihren früheren Alben entstanden die Songs zunächst als Heimaufnahmen und spontan aufgenommene Improvisationen, die dann während der Studioarbeit mit den vorliegenden Arrangements zusammengefügt wurden. Dabei verbleiben einige lose Enden. »Whether« zum Beispiel, das auf das ­erwähnte Eingangschaos folgende erste »richtige« Stück erinnert mit seinem vorwärts stampfenden Beat und dem mehrfach geschichteten Gesang zunächst an die Dringlichkeit von »Horns Surrounding Me« vom Album »Loud City Song«, ehe es etwas ratlos verhallt und mit Beckengeschepper endet. Zeit zum Luftholen bleibt nicht, denn mit »Chaitius« folgt ein achtminütiges Epos, das mit mittelalterlich anmutenden Inst­rumenten wie Flöte, Dudelsack und Trompete beginnt, bevor es eine überraschende Wendung nimmt und Anleihen aus Neuer Musik und Oper einstreut, ehe ab der dritten Minute Holter mit gesprochenem Text einsetzt und das Stück endgültig vom Mittelaltermarkt in die Echokammer überführt. Kurz: Man wird an Laurie Andersons Stimmexperimente oder an Lucia Pamelas überdrehtes ­Fabulieren auf ihrem One-Woman-Science-Fiction-Album »Into Outer Space« von 1969 erinnert.

Nach und nach schleichen sich weiche Jazz­drums, warme Synthesizer und Streicher ein, münden in ein vielstimmig geschmettertes »Love me!« und ­dröseln sich am Ende wieder in ein schwer nachvollziehbares Gewirr auf, als würde Holter wieder in ihrer eigenen Traumwelt versinken. Etwas zu gewollt klingt das manchmal, die kryptischen ­Texte tun ein Übriges. So bedient sich »Chaitius« der mittelalterlichen Troubadour­dichtung Bernard de Ventadours und kombiniert sie mit verspulter ­Direktheit: »The bananas are getting yellow.«

Für die musikalische wie lyrische Vielstimmigkeit – gelegentlich auch Kakophonie – steht der Titel des ­Albums, »Aviary«, übersetzt Vogelkäfig oder Volière. Er nimmt laut Holter Bezug auf eine Kurzgeschichte der libanesischen Schriftstellerin Etel Adnan, in der sich das lyrische Ich in einem Käfig voller kreischender Vögel findet. Aus dem Geschrei einzelne Stimmen zu isolieren, in eine andere Form zu überführen, wieder gehen zu lassen und neu aufzugreifen, ist ein schönes Bild für den 90minütigen, 15 Songs umspannenden Kraftakt, den »Aviary« darstellt.

Das Durchhalten beim Anhören wird dabei immer wieder belohnt. Der fünfte Song »Everyday Is an Emergency« ist beispielhaft für die die Aufmerksamkeit strapazierenderen Songs des Albums. Der atonale ­Beginn mit hochfrequenten Bläsern, Dudelsack und wortlosem Gesang führt scheinbar ins Nichts, ehe eine abrupte Pause Platz für versöhnliche Klaviertöne schafft. »Heaven in the human / in the arches / in the weather« setzt Holter ein und zitiert sich nebenbei selbst. Das erste Lied auf »Loud City Song« begann ebenfalls mit dem Wort »Heaven«, auf ähnlich fragile Art vorgetragen.

Große Popmomente und den ­Enthusiasmus etwa eines »Sea Calls Me Home« (von dem Album »Have You in My Wilderness«) gibt es indessen auch auf »Aviary« immer wieder zu hören. Während Anfang September »I Shall Love 2« als erste Single überraschte, ist die Wahl im Kontext des kompletten Albums nachvollziehbar. Zum ersten Mal überhaupt ist hier die Rhythmik von Anfang an erkennbar und der Gesang klar strukturiert, auch wenn der Song sich – für eine im weitesten Sinne unter Indiepop eingeordnete Single – viel Zeit lässt, bevor er in einem phantastisch überschwänglichen Crescendo zwischen Hingabe und Überwältigung gipfelt.

Zu den Grundthemen wie Natur, Künstlichkeit und Emotionen passen die sich im dazugehörigen Video überlagernden Bilder der in eine schlichte rote Regenjacke gekleideten Sängerin mit im Hintergrund aufblitzendem Tannengrün und goldenem Gefunkel über ihrem Gesicht. Der Song taucht auf dem Album gegen Ende noch einmal auf, diesmal in einer zunächst noch bombastischeren ­Variante mit Pauken und Trompeten und der mantraartigen Zeile »I shall love«, ehe er die Kurve zu einem schrägen Popsong nimmt, auf den die Genrebezeichnung baroque pop nur unzureichend passt. Holter, so scheint es, sind Schubladen mittlerweile völlig egal und bei aller gelegentlichen Überforderung macht es großen Spaß, ihr beim leidenschaft­lichen Zerlegen von Erwartungen zuzuhören. ­

»Aviary« ist ein durch und durch sinnliches Album, das entfesseltem Jubel ebenso viel Platz einräumt wie Introvertiertheit. So stellt das sanfte »Words I Heard«, eine fast schon klassische Klavierballade mit schluchzenden Geigen und jazzig-kühlem Gesang, einen der späten Höhepunkte der Platte dar. Falls man es an dieser Stelle kurz vergessen hatte: Ja, Julia Holter kann auch makellose Popsongs schreiben.

Julia Holter: Aviary (Domino Records)