Unser Autor hat die Ausstellung zum ersten Band von Marx’ »Das Kapital« im Hamburger Museum der Arbeit besucht

Alles andere als ein toter Hund

In den achtziger Jahren dachte ich noch: In diese Welt setze ich keine Kinder, das wäre zu schrecklich für alle Beteiligten. Mittlerweile habe ich zwei, und es werden wohl noch mehr. Die Welt allerdings ist seit damals kaum besser geworden; jedenfalls gemessen an den Möglichkeiten, die der Menschheit heute zur Verfügung stünden, sich diesen Planeten als halbwegs bewohnbaren Ort einzurichten. Denn da ist eben jener Kapitalismus, der perfide das Verdienst für sich reklamiert, diese Möglichkeiten geschaffen zu haben, und ihre Verwirklichung zugleich verhindert. Nun denn, meinen Kindern sind solche gesellschaftlichen Verhältnisse noch ziemlich egal. Ich glaube, sie sind ganz zufrieden bei sich und in – noch – ihrer Welt. Sie freuen sich etwa über ein paar Folgen »Peppa Wutz«. Die Schweinchen-Kleinfamilie erlebt so dies und das, lacht und rülpst bei jeder Gelegenheit. Zum Beispiel machen sie einen Ausflug ins Museum: In einem Raum sind lauter Dinge zu sehen, »die vor langer Zeit einer Königin gehörten«, sagt Mama Wutz. »Den muss ich unbedingt angucken«, antwortet Peppa Wutz. »Und in einem Raum steht ein echter Dinosaurier«, sagt Papa Wutz und der kleine George freut sich: »Sausier!«

Die Arbeiterbewegung bewegt sich bestenfalls noch in den Supermarkt. Der Klassenkampf wird heute von oben geführt.

Dinosaurier sind natürlich interessanter als so eine olle Königin und ihr Zeugs. Auch meine Kinder interessieren sich eher für die Eisenbahnanlage im Museum für Hamburgische Geschichte oder die Spielzeugausstellung mit Tobe- und Experimentierraum im Altonaer Museum. Nicht interessant für meine Kinder ist hingegen »Das Kapital«, eine Ausstellung, die gerade im Museum der Arbeit in Hamburg zu sehen ist. Den Kindern ist das zu dröge, mir gefällt es und ich bin sehr interessiert: Wie und warum kommt das Hauptwerk von Karl Marx jetzt ins Museum? Wird hier musealisiert, so wie auch Königinnen, Dinosaurier, Modelleisenbahnen oder altes Spielzeug ausgestellt werden? Um es gleich vorweg zu sagen: Es ist ja vermutlich die Gegenwärtigkeit der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie, weshalb »Das Kapital«, obwohl bereits vor 150 Jahren erschienen, kaum wie ein toter Hund in die Vergangenheit weghistorisiert werden kann – und weshalb sich eben meine Kinder dafür nicht interessieren, auch wenn es hier um die Welt geht, die damals so unwirtlich war, wie sie heute noch ist: wegen des Kapitalismus, den Marx als gesellschaftliches Gesamtverhältnis in »Das Kapital« bündig auseinandernimmt.
Friedrich Engels rezensierte das Buch seines Freundes: »Solange es Kapitalisten und Arbeiter in der Welt gibt, ist kein Buch erschienen, welches für die Arbeiter von solcher Wichtigkeit wäre wie das vorliegende. Das Verhältnis von Kapital und Arbeit, die Angel, um die sich unser ganzes heutiges Gesellschaftssystem dreht, ist hier zum ersten Mal wissenschaftlich entwickelt.« Das gilt ja immer noch, unbenommen. Was die Logik des Kapitals angeht, so hat sich seit 150 Jahren wenig geändert. Auch das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital ist im wesentlichen dasselbe geblieben, wenn es auch gesellschaftlich unter Bedingungen der Globalisierung ausdifferenzierter erscheint.

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Verändert indes hat sich – so jedenfalls die Beobachtung seit den sechziger, vor allem dann siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts – die Arbeit beziehungsweise was nach kapitalistischer Verwertungslogik als Arbeit begriffen wird und begriffen werden muss: Automatisierung, Rationalisierung, schließlich Digitalisierung – und zwar der Produktionsverhältnisse wie auch der Reproduktionsverhältnisse – brachten von wirtschaftskonservativer Seite die Rede von der post-industrial society ins Spiel und ließen auch Marxistinnen und Marxisten über das Ende der Arbeitsgesellschaft, vielleicht das Ende der Mehrwert schöpfenden Produktion, das Ende des Kapitalismus diskutieren.

Marx schrieb »Das Kapital« in der Zeit des aufsteigenden Hochkapitalismus, als, anschaulich in der englischen Fabrikökonomie, Industrialisierung und Massenproletarisierung noch unverhüllt das gesellschaftliche Bild prägten: ein Bild des Elends und der Not, zumal in den wachsenden Städten des 19. Jahrhunderts. Mit dem Spätkapitalismus, samt Imperialismus und Weltkrieg, ändert sich dies. Der Konsum bindet sukzessive das Proletariat; der Klassenantagonismus wird – mit offener oder struktureller Gewalt – nivelliert; »der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ›ungeheure Warensammlung‹«, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts allmählich ihre Ungeheuerlichkeit verliert und als »Wohlstand für alle« deklariert wird. Doch die Widersprüche bestehen fort, die Krisen bleiben Ausdruck der strukturellen Unkon­trollierbarkeit des Kapitalismus, der dennoch als prinzipiell irgendwie harmonisierbare freie Marktwirtschaft ideologisch verbrämt wird. Derzeit ist zu beobachten, dass sich die Regierungsparteien nicht zu blöd sind, ungeachtet des allgemeinen feuilletonistischen Lobes für Marx’ »Das Kapital« mit einem aufgewärmten Vollbeschäftigungsversprechen Bundestagswahlkampf zu machen. Trotz wachsender Armut und Verelendung der Weltbevölkerung gelingt es offenbar, die Illusion wirkungsvoll aufrechtzuerhalten, dass es »uns« doch gut gehe. Die Arbeiterbewegung bewegt sich bestenfalls noch in den Supermarkt, schlimmstenfalls als Wutbürgermob auf Montagsdemonstrationen und Ähnlichem. Der Klassenkampf wird heute von oben geführt.

Die Veränderungen der Arbeit im und mit dem Kapitalismus haben sich im als Medien- wie Hafenstadt bekannten Hamburg der siebziger und achtziger Jahre deutlich gezeigt: Die Werften machten dicht, die Containerschifffahrt boomte und in den Druckereien ersetzten Computer den Bleisatz. In der Stadtstrukturentwicklung setzte man auf die Umnutzung schon damals seit Jahrzehnten leerstehender Fabrikhallen. Der Kulturbetrieb zog in die urigen Backsteingebäude der alten beziehungsweise veralteten Industrie: In Winterhude begann 1982 Kampnagel mit seinem Veranstaltungsprogramm, schon seit 1979 gibt es die Honigfabrik als Kulturzentrum in Harburg. Und in Barmbek fanden im Verlauf der Achtziger bereits Ausstellungen in der angemieteten ehemaligen Fabrik der »New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie« statt, die heute das Museum der Arbeit beherbergt. Zu sehen gibt es nun Zeugnisse von Arbeitsverfahren, Produktionstechniken und Berufen, die längst von den Entwicklungen der politischen Ökonomie überholt wurden – also mithin von einer Logik, die ihre besondere, in Zeiteinheiten zerlegte, abstrakte und wertschöpfende Form der Arbeit längst noch nicht überholt hat und auch gar nicht überholen kann.
Deswegen klingt allein der Name Museum der Arbeit ein bisschen euphemistisch. Und deswegen ist auch eine Ausstellung zu Marx’ »Das Kapital« im Museum – und speziell in diesem – erst einmal etwas disparat, gerade weil das korrekte Ansinnen der Ausstellung ja ist, die Aktualität der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie darzulegen.

Heute ist das Buch aktuell, aber im Museum. Unwahrscheinlich, wenn auch möglich, dass unsere Ururenkelkinder mit ihren Kindern in 150 Jahren in ein Museum gehen, in dem nicht des 300jährigen Jubiläums von »Das Kapital« gedacht, sondern der Kapitalismus als endlich erledigte Vergangenheit ausgestellt sein wird

Als Anlass dient, dass Karl Marx vor 150 Jahren, am 12. April 1867, in Hamburg per Schiff aus London ankam, um beim hiesigen Verleger Otto Meissner den ersten von drei Bänden von »Das Kapital« zu veröffentlichen. Die Ausstellung bietet dazu nun drei Räume zu Entstehung, Thema und Wirkung des »bekanntesten Wirtschaftsbuches in deutscher Sprache«, wie es im Museumsprogramm heißt. Die Ausstellung beschränkt sich dabei auf Grundlagen der Warenproduktion sowie den Doppelcharakter der Ware, die zugleich einen Gebrauchswert und einen Tauschwert darstellt, und zeigt schließlich ein bisschen Anschauungsmaterial zum Thema Geld. Das ist zwar reduziert, aber trotzdem viel Material. Um jedoch über die Marx’sche Kapitalanalyse den Kapitalismus – gerade in seiner fortschreitenden Abstraktifizierung (mit ihrer Ausweitung in alle Lebensbereiche wird die Kapitallogik immer »unsichtbarer«) – als konkrete Totalität eines »Gesellschaftssystems« zu fassen, sollte man sich kritisch auch die Dauerausstellungsetagen zum Thema Arbeit ansehen.

Im letzten Teil der Ausstellung wird zum »Diskutieren« angeregt; zu unterschiedlichen Fragen der Zeit können Besucherinnen und Besucher ihre Antworten auf Kärtchen an die Wand kleben. Die meisten, die hier mitmachen, sind nicht klüger geworden durch die eigentlich ja doch ganz lehrreiche Ausstellung: Das Problem am Kapitalismus seien die Reichen, nicht der Kapitalismus; ohne Geld oder mit Grundeinkommen würden die Leute faul und verantwortungslos – derlei steht auf den Zetteln. Einen Lichtblick aber gab es: Zur Frage »Was bereitet dir Sorgen?« hängt ein Zettel als Antwort, auf dem lapidar steht: »Alles.«
Vor 150 Jahren erschien der erste Band von »Das Kapital«. Heute ist das Buch aktuell, aber im Museum. Unwahrscheinlich, wenn auch möglich, dass unsere Ururenkelkinder mit ihren Kindern in 150 Jahren in ein Museum gehen, in dem nicht des 300jährigen Jubiläums von »Das Kapital« gedacht, sondern der Kapitalismus als endlich erledigte Vergangenheit ausgestellt sein wird und zwar als Schreckenskabinett der Grausamkeiten plus hässlicher, aber schöngeredeter Lebenswelt. Also: Marx ins Museum, meinetwegen. Wer was lernen will mit politischem Interesse, der sehe sich die Ausstellung über »Das Kapital« an. Ich guck derweil mit meinen Kindern noch ein paar Folgen »Peppa Wutz«.

»Das Kapital«. Museum der Arbeit, Hamburg. 6. September 2017 bis 4. März 2018. Zur Ausstellung gibt es ein Magazin sowie Kunstaktionen, Filme und Diskussionsveranstaltungen, museum-der-arbeit.de