Prices Leistungsverhältnis

Dan Price galt bereits als erfolgreicher Musterunternehmer. Er gründete mit 19 Jahren in Seattle die Firma Gravity Payments, die sich innerhalb einer Dekade zum größten Finanzdienstleister im Bundesstaat Washington entwickelt hat. Als deren Haupteigentümer und CEO wurde Price in den vergangenen Jahren mit zahlreichen Unternehmerpreisen ausgezeichnet. Nun möchte er auch zum sozialen Vorbild werden. Vergangene Woche stellte er seiner Belegschaft einen Dreijahresplan zur Einführung eines betrieblichen Mindestlohns vor. Keiner der 120 Angestellten, die derzeit im Durchschnitt 48 000 Dollar erhalten, soll weniger als 70 000 Dollar pro Jahr verdienen. Die Idee sei ihm bei der Lektüre einer Studie der Princeton University gekommen, sagte Price im Interview mit CNN. Diese Studie besagt, dass Lohnsteigerungen die persönliche Zufriedenheit erheblich erhöhen, bis die Grenze von etwa 77 000 Dollar pro Jahr erreicht ist. Ist sie überschritten, haben weitere Gehaltserhöhungen keinen großen Einfluss mehr auf das Wohlbefinden der Angestellten. Price will seine Belegschaft von Geldsorgen befreien, so dass diese sich voll auf ihre Arbeit konzentrieren kann. Ein Chef also, dem auch die Produktivität seiner Angestellten am Herzen liegt. Neben der Publicity für ihn und seine Firma erhofft er sich von diesem ungewöhnlichen Schritt eine Leistungssteigerung seiner Angestellten.
Diesen versprach Price, er werde die Lohnerhöhung zum Teil auch durch die Kürzung seines eigenen Gehaltes finanzieren, das »really, really high« sei. Statt einer Million Dollar Jahresgehalt wird er sich nun auch den Mindestlohn von 70 000 Dollar auszahlen lassen. Price geht davon aus, dass sich seine Firma recht schnell wieder von den Mehrausgaben durch die Lohnerhöhung erholen wird. Sobald der Gewinn erneut die für 2015 erwarteten 2,2 Millionen erreicht, will er sich wieder sein Millionengehalt gönnen. Dies sei auch für ihn eine zusätzliche Motivation, sagte Price der Huffington Post. Damit treibt er die postmoderne Selbstverwertung auf die Spitze. Dennoch wird mehr Geld die Lebensverhältnisse seiner Angestellten verbessern. Eine solche Verbesserung bräuchten die derzeit protestierenden Geringverdienenden in den USA noch dringender. Prices Erwartung, viele Unternehmen würden seinem Vorbild folgen und der angebliche Trend zu wachsender sozialer Ungleichheit werde sich umkehren, erscheint jedoch recht naiv.

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