Der ökologische Fußabdruck der Balearen

Mallorcas Fußabdruck

Wie Wissenschaftler errechnen, dass die Balearen-Bewohner 16mal mehr Res­sourcen verbrauchen, als die Inseln her­geben.

Eigentlich wäre Mallorca das ideale Terrain für ein Öko-Experiment. Nirgendwo sonst als auf einer Insel lässt sich so genau nachvollziehen, was importiert und wieder abtransportiert wird – Lebensmittel, Konsumgüter und Baustoffe kommen an, Leergüter und Bauschrott verlassen Mal­lorca wieder. Bei aller Schwierigkeit, verlässliche Zahlen zu finden, war es für Ivan Murray deswegen vergleichsweise einfach, Bilanz zu ziehen – eine Bilanz über die Nachhaltigkeit eines Archipels, der längst dem Untergang geweiht wäre, wenn er mit seiner eigenen Fläche die Rohstoffe erzeugen müsste, die hier verbraucht werden, und die Schadstoffe abbauen müsste, die hier an­fallen. Und nur, wenn das theoretisch möglich wäre, dürfte Mallorca das Prädikat »nachhaltig« tragen.
Das bereits vor mehr als zehn Jahren entwickel­te Konzept zu den ökologischen Grenzen unseres Planeten heißt »ökologischer Fußabdruck«. Murray ist Geograf an der Balearen-Universität UIB und hat vor acht Jahren als einer der ersten die huella ecológica auf die Balearen angewendet. Er hat alle verfügbaren Daten gesammelt, die Auskunft über den ökologischen Fußabdruck der Balearen geben. Dieser »Fußabdruck« ist definiert als die Fläche, die notwendig ist, um Lebensstil und Lebensstandard eines Menschen dauerhaft zu ermöglichen. Darin eingerechnet sind genauso Flächen, die erforderlich sind, um Kleidung, Nahrung oder Energie zu erzeugen, wie auch Flächen, um den erzeugten Müll wieder abzubauen und das durch die Aktivitäten des Menschen freigesetz­te Kohlendioxid zu binden.

Es geht also nicht um ein bisschen Recycling hier und Baumwolltüten, sondern um einen globalen Ansatz zur »Nachhaltigkeit«. Die Balearen schnei­den bei dieser Rechnung schlecht ab. So benötigt jeder Bewohner der Inseln 7,3 Hektar pro Jahr, um seinen Lebensstandard zu halten. Das ist ein Vielfaches von dem, was der Archipel an Oberfläche zu bieten hat. Wären die Balearen auf sich allein gestellt, brauchten sie deswegen das 15,7- bis 17,7fache der tatsächlich vorhandenen Oberfläche, um den Lebensstil der inzwischen rund eine Million Einwohner zu halten.
Weltweit benötigt jeder Mensch durchschnittlich 2,2 Hektar – zur Verfügung stehen jedoch nur 1,8 Hektar – eine deutliche Überbeanspruchung der Biokapazitäten. Die Inanspruchnahme der Fläche ist jedoch sehr unterschiedlich verteilt, zwischen den USA (9,6 Hektar pro Person und Jahr) oder etwa Afrika (1,1 Hektar). Wenn die Balearen deutlich schlechter als Gesamtspanien abschneiden, liegt das an mehreren Faktoren. So hängt Mallorca weitgehend von fossilen Brennstoffen ab. Kohle aus Afrika, Öl vom Persischen Golf, aus den Tropen importiertes Holz – alles findet Eingang in die Öko-Bilanz.
Diese Öko-Bilanz vermiesen zudem die sonst so geschätzten Touristen. »Jeder Urlauber kommt – abgesehen von seinem Gepäck – mit einem Ruck­sack von 50 Kilo Treibstoff hier an«, sagt Murray. Der intensive Flugverkehr schlägt mit seinen Koh­lendioxid-Emissionen zu Buche. Die für die Ba­learen-Wirtschaft so wichtigen zwölf Millionen Touristen pro Jahr hinterlassen so ihren eigenen ökologischen Fußabdruck, den der Geograf mit 0,19 Hektar pro Person und Aufenthalt errechnet hat.

Tourismus heißt nämlich auch: höherer Wasserverbrauch, mehr Konsum, höheres Müllaufkommen – Werte, die in der Öko-Bilanz auf die Einwoh­nerzahl der Balearen umgerechnet werden. Murray kam beispielsweise über die Importzahlen bei alkoholischen Getränken ins Staunen: 216 Liter pro Balearen-Bewohner und Jahr, von denen aller­dings ein beträchtlicher Teil in den Kehlen der Urlauber verschwindet.
Es ist keine Detailversessenheit, wenn Murray für seine Bilanz auch berücksichtigt hat, wie viel CO2 bei der Produktion des Alkohols entsteht. Denn obwohl in der Klima-Debatte beständig vom Heizen, Fahren und Fliegen die Rede ist, entstehen geschätzte zwei Fünftel der weltweiten Emissionen durch Ernährung und Verbrauchsgüter. Ein weiteres Problem Mallorcas ist nach Ansicht des Wissenschaftlers die Zersiedelung: Auf Mallorca liege die Bebauungsdichte deutlich höher als auf dem spanischen Festland, gleichzeitig werde weniger Fläche landwirtschaftlich genutzt. Nur noch ein geringer Teil der auf den Inseln konsumierten Lebensmittel wird auch hier angebaut. Palmas Hafen ist am Limit seiner Kapa­zitäten – bei jedem Produkt im Supermarktregal auf Mallorca fallen nicht nur die bei der Herstellung, sondern auch die beim Transport angefallenen Emissionen erheblich ins Gewicht.
Umweltschützer fordern deswegen die Hinwen­dung zu lokalen Produkten. Warum Kartoffeln und Orangen vom Festland auf die Insel schaffen, wenn sie auch hier bestens gedeihen? Ganz zu schweigen von weltreisenden Früchten aus Südamerika, Neuseeland und Australien. Was logisch klingt, erweist sich in der Praxis als Milchmädchenrechnung. Zum einen ist der Anbau auf Mallorca zum Teil nicht ausreichend, zum Teil nicht rentabel. Zum anderen sind die Transportkosten nur einer von vielen Faktoren bei der Öko-Rechnung. Ein Beispiel: Wenn anderswo die Anbaubedingungen günstiger sind und weniger gedüngt oder bewässert werden muss, wenn der Rohstoff mit Ökostrom statt mit Kohleenergie wie auf Mal­lorca verarbeitet wird, kann der ökologische Fuß­abdruck importierter Produkte sogar kleiner aus­fallen. Aber wie soll das der Kunde wissen? Um umweltbewussten Konsumenten die Wahl zu erleichtern, wird deswegen derzeit in vielen Ländern an einem Gütesiegel gearbeitet. Es soll vermerken, wie viel Kohlendioxidemissionen ein Produkt von der Herstellung bis zur Entsorgung verursacht.
Ein schwieriges Unterfangen: Das Rechnen dauert länger als erwartet, vor allem die CO2-Emis­sionen der Vorlieferanten sind oft nicht leicht zu ermitteln. Trotz aller Schwierigkeiten bei der Aussagefähigkeit und Vergleichbarkeit sind jedoch bereits die ersten Projekte gestartet worden – das Biosymbol ist schließlich auch ein nützliches Marketinginstrument.

Bei dem Ziel, den ökologischen Fußabdruck zu verkleinern, werden verschiedene Strategien diskutiert. Murray etwa fordert Info-Kampagnen für Verbraucher und eine Abkehr vom derzeitigen Konsum- und Wachstumsmodell. Auch die Wirtschaftskrise führe vor Augen, dass die fossilen Energieträger keine Basis für ein gesundes Wachstum seien. Und wo der Appell an das ökologische Bewusstsein von Konsumenten und Unternehmen nicht ausreicht, sollen finanzielle Anreize weiterhelfen.
Die Devise dabei ist: Umweltschutz funktioniert nur, wenn er sich auch finanziell lohnt. Die mallorquinische Landesregierung will beispielsweise Finca-Besitzer im Schutzgebiet des Tramuntana-Gebirges dafür bezahlen, dass sie die Landschaft pflegen. Finanzielle Hilfen wollen jetzt zudem auch die Bürgermeister von weniger erschlossenen Gemeinden – sozusagen einen Ausgleich dafür, dass sie die Küste nicht verbauen. Gemeinsame Sache für dieses Ziel machen die Bürgermeister von Artà und Campos, Rafel Gili und Guil­lem Ginard.
Ihr Argument: Artà und Campos seien im Gegensatz zu anderen Gemeinden touristisch nur wenig erschlossen, die Küste kaum besiedelt. Obwohl Touristen und Residenten von der ganzen Insel die Naturräume aufsuchten, profitierten die Gemeinden finanziell nicht davon und müssten darüber hinaus die Kosten für Müllentsorgung, Umweltschutz und Strandsicherheit tragen, wie Ginard sagt: »Es wurde geschützt, aber nicht belohnt.«

Der Autor ist Redakteur der deutschsprachigen »Mallorca Zeitung« in Palma.