Nordkorea hat eine neue ­Interkontinentalrakete getestet

Reaktionstest mit Rakete

Nordkorea hat erneut eine Interkontinentalrakete getestet. Atomare Abrüstung auf der koreanischen Halbinsel bleibt unwahrscheinlich.
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Der Test einer atomwaffenfähigen Interkontinentalrakete durch Nordkorea am 24. März ist der erste einer Rakete dieser Größenordnung seit 2017, wenn auch der 13. Raketentest allein in diesem Jahr. Westliche Staaten, Südkorea und Japan sahen darin eine ­Bedrohung. Die USA erließen Sanktionen, die zum Ziel haben, das nordkoreanische Raketenprogramm weiter zu behindern.

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Experten zufolge könnte eine Rakete vom Typ Hwasong-17 bis zu 15 000 Kilometer weit fliegen, japanischen Schätzungen zufolge erreichte das am 24. März getestete Projektil eine Flughöhe von bis zu 6 000 Kilometern. Bezeichnenderweise entbrannte schnell eine auf der Analyse von Satellitenbildern und anonymen Zitaten aus südkoreanischen Regierungskreisen basierende Diskussion darüber, ob die am Tag nach dem Abschuss gezeigten an Actionfilme erinnernden Aufnahmen von Nordkoreas Diktator Kim Jong-un in Lederjacke und Sonnenbrille vor der Rakete tatsächlich vom Abschuss der neuen Hwasong-17 stammten oder einem vorangegangenen Test eines Vorgängermodells, einer Hwasong-15. In den vergangenen Jahren hatte Nordkorea mit solchen Aufnahmen schon einmal versucht, einen gescheiterten Test als Erfolg zu verkaufen.

In diesen Tagen gewinnt auch die Frage wieder an Aktualität, ob der Verzicht der Ukraine auf Nuklearwaffen 1994 im Rahmen des Budapester Memorandums und der derzeitige russische Angriffskrieg nun ein Lehrstück für Nordkorea seien, dass es sich lohnt, um jeden Preis an Massenvernichtungswaffen und ihren Trägersystemen als Lebensversicherung des Regimes festzuhalten. In jenem Memorandum verpflichteten sich Russland, die USA und Großbritannien, die Souveränität und bestehenden Grenzen Kasachstans, Belarus’ und der Ukraine zu achten, wofür Letztere auf Nuklearwaffen verzichteten. Atomare Abrüstung auf der koreanischen Halbinsel bleibt jedenfalls unwahrscheinlich.

In dieses Bild fügt sich auch die Niederlage des noch amtierenden südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in bei der Präsidentschaftswahl vom 9. März (Jungle World 11/2022). Moons Politik, die jahrelang auf einen Ausgleich mit Nordkorea zielte, ist gescheitert. Sein designierter Nachfolger Yoon Suk-yeol dürfte das seit Jahrzehnten offiziell erklärte Ziel einer Vereinigung beider Staaten, wenn überhaupt, nur sehr pragmatisch angehen. Yoon hat verkündet, sich um einen Ausgleich mit Japan zu bemühen, und rückt durch die erklärte Bereitschaft, weitere US-amerikanische Raketenabwehrsysteme in Südkorea zu stationieren, von Moons Politik ab, der Südkorea eher in freundlicher Äquidistanz zu China und den USA sehen wollte. China wiederum appellierte nach dem Raketentest an alle Seiten, Frieden und Stabilität auf der koreanischen Halbinsel im Auge zu behalten und gemeinsam einen politischen Ausgleich anzustreben.

An der grundsätzlichen internationalen Konstellation ändert damit auch der jüngste Test nichts. Das nordkoreanische Regime interessiert sich vor allem dafür, wie die westlichen und nichtwestlichen Nachbarstaaten durch die von einem angedrohten Einsatz von Nuklearwaffen abgesicherte militärische Aktion wohl ­reagieren würden.