Im Film »How It Ends« wird der Weltuntergang zur Sketch-Show

Das Peter-Pandemie-Syndrom

In »How It Ends« zwingt der drohende Weltuntergang die Figuren, aus ihrer Komfortzone herauszutreten – oder auch nicht.

Friede, Freude, Eierkuchen: Am Ende scheint doch noch alles gut zu werden. Das zumindest lässt ein erster Blick auf »How It Ends« vermuten, die gemeinsame Regiearbeit des Ehepaars Zoe Lister-Jones und Daryl Wein (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Netflix-Katastrophenfilm von 2018). Das Ehepaar ist vor allem Kennern des US-amerikanischen Independent-Kinos bekannt. Daryl Wein steckt hinter Filmen wie »Lola Versus« (2012) und »Breaking Upwards« (2009), bei denen er die Hauptrolle mit Greta Gerwig beziehungsweise seiner späteren Frau Zoe Lister-Jones besetzte.

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Diese debütierte als Regisseurin 2017 mit »Band Aid«, einem spleenigen Beziehungsfilm, in dem ein Paar aus seinen Streiten schließlich Songtexte macht. Lister-Jones, die auch das Drehbuch schrieb und koproduzierte, engagierte damals nahezu ausschließlich Frauen. Während der Covid-19-Pandemie haben Wein und Lister-Jones mit »How It Ends« nun eine Endzeitkomödie gedreht und besetzten die Rollen mit Freunden aus der Indie-, Comedy- und Stand-up-Szene.

Es ist der »Tag X« – angeblich wird die Erde explodieren. In Los Angeles aber strahlt die Sonne in zerwühlte Betten. Zwei Frauen beraten sich, wie der letzte Tag aussehen soll. Liza, die ältere (Zoe Lister-Jones), hadert noch mit sich und den Abendplänen. Die auffällig jüngere Frau (Cailee Spaeny) macht derweil einen riesigen Turm Eierkuchen. Beim Frühstück stellt sich heraus: Liza plant und redet hier nur mit ihrem jüngeren Selbst – also mit sich selbst. Sie einigen sich darauf, eine Party zu besuchen, die eine Freundin zur Feier des Weltuntergangs schmeißt. Da aber Lizas Auto geklaut wird, begeben sich die beiden zu Fuß bei glühender Hitze auf den Weg über die Hügel von L.A.

»How It Ends« ist eine filmische Aneinanderreihung von in sich abgeschlossenen Sketchen. Nick Kroll (Entwickler und Synchronsprecher der Animationsserie »Big Mouth«) macht in der ersten Sequenz den Auftakt als Typ, der einen Laden für medizinisches Marihuana leerkauft und sich mit allerlei Halluzinogenen in einem Zelt auf einer Wiese eingerichtet hat. Liza kauft ihm prompt etwas ab. Im Gespräch stellt sich he­raus, dass Lizas jüngeres Ich an diesem letzten Tag der Erde für alle sichtbar ist.

Mit Gras ausgestattet läuft Liza ihrem Ex in die Arme, der zum Zeichen seiner Unwiderstehlichkeit gleich zwei Mopswelpen unter den Armen trägt. Danach müssen sich die zwei Lizas erst mal mit dem surfig-wavigen Song »Venus« der Band Twist aufpäppeln und über Fehlschläge im Leben sinnieren. Mit ein paar Leuten gibt es noch Redebedarf unterm glühenden Kometenschweif, und die beiden schminken und beraten sich, wen sie nochmal besuchen wollen.

Hip gestylt geht es weiter, vorbei an Nachbars Garten: Fred Armisen, bekannt aus »Portlandia«, bezaubert als morbides jüngeres Selbst eines 90jährigen. In dieser Manier reiht »How It Ends« Cameo-Auftritte aneinander. Charlie Day und Glenn Howerton, bekannt aus der Serie »It’s Always Sunny in Philadelphia«, tauchen auch noch auf. Zwischendurch steht Liza, der coolen Pose wegen, mit einem kaputten Ghettoblaster über dem Kopf vor dem Fenster ihres Ex, und sie sprechen Klartext. Der Clou: Der ganze Dialog ist aus Songtexten zusammengeflickt, wie schon in »Band Aid«.

Weiter geht es mit einem Song, der wiederum das Geschehene kommentiert: Die US-amerikanische Singer-Songwriterin Sharon Van Etten gibt »How Much I Love You« zum Besten. Nach einem verzagten und doch zuckersüßen Duett der Lizas ziehen die beiden weiter durch die Vorstadt zum nächsten Gespräch, nämlich mit der besten Freundin, die mit aufgrund des Weltuntergangs noch intensivierten übersinnlichen Kräften ausgestattet ist und der laktoseintoleranten Liza ein Jenseits voll schmackhafter Milcherzeugnisse an der Seite des Schauspieler-Beaus Timothée Chalamet herbeiorakelt.

Die wohl beeindruckendste Station des Films ist das Gespräch zwischen Liza und ihrer Mutter, gespielt von Helen Hunt, die den einzigen leicht dramatischen Akzent des Films setzt und ihr Herz öffnet. Sie spricht da­rüber, dass sie nie das Zeug zum Erziehen hatte und das Kind lieber verließ, als eine schlechte Mutter zu sein. Da sitzen die beiden Lizas der Mutter gegenüber und verstehen das Problem des Daseins als Frau und sich als Familie plötzlich etwas besser.

Wie und wo »How It Ends« enden wird, ist von Anfang an bekannt, und der Weg dahin kann klarer abgesteckt nicht sein. Jede Begegnung folgt einem strengen Handlungsaufbau und schließt sauber ab. Auch sonst ist der Film schnörkellos. Daryl Wein führt meist die Kamera und löst beinahe jede Szene im Schuss-Gegenschuss-Verfahren auf, ver­bindet alles mit Totalen. Was für ein kurzes Sketch-Format üblich ist, wirkt als Konzept für den ganzen Film angewendet schon etwas ­spröde.

Mag durchaus sein, dass die Produktionsbedingungen von der Pandemie diktiert wurden. Denn Wein führte die Kamera selbst, um den Dreh möglichst klein zu halten. Auch ansonsten wirken die Lockdown-Auflagen ästhetisch in den Film hinein. Die Figuren stehen stets im Mindestabstand oder weiter auseinander und sie begegnen sich in Vorgärten, auf Gehwegen und Veranden. Filmisch drückt das Abstandhalten jedoch ein latentes Misstrauen aus und gibt allen Begegnungen eine – im guten Sinne – komische Ambivalenz, was aber auch erst durch diese Häufung auffällt.

Noch etwas anderes macht sich bemerkbar: Plötzlich ist der öffentliche Raum wieder Austragungsort innerer Konflikte und Projektionsraum unerfüllter Sehnsüchte, wenn jede Straßenecke ein Ort kleinkünstlerischer Selbstverwirklichung sein kann. »How It Ends« lebt davon, dass die Pandemie die Ästhetik der filmischen Welt und deren unmittelbar bevorstehenden Endes bestimmt.

Denn so war das Leben vieler während der Pandemie: An warmen ­Tagen spazierte man leicht sediert, einsam oder zweisam, und reflektierte über die eigene Gefühlslage und Lebenserwartung. Daraus, dass Letztere in »How It Ends« für alle getilgt ist, ziehen die Figuren ihre Coolness und der Film insgesamt seine Komik. Denn das Reflektieren kann hier ruhigen Gewissens zur Pose schrumpfen – man ist ja doch morgen tot. Keine Wahrheit kann gleichzeitig so hart treffen und doch so verzeihlich sein wie die, die am letzten Tag ausgesprochen wird. Nie wird es einfacher, mit sich selbst und den Lieben ins Reine zu kommen – buchstäblich nicht.

Mit dieser Prämisse gelingt »How It Ends« ein feiner satirischer Kommentar auf das liberale Milieu der USA. Der Film vergrößert jenen weichgespülten Narzissmus, der eben auch in der Pandemie vielen mittelständischen US-Amerikanern Antwort auf das gesellschaftliche Drama war. Mit Selbstmedikation und Selbstliebe ging es durch den Lockdown. Medizinisches Marihuana, Xanax und Zoloft, Yoga und Meditation, Selbstoptimierung und Nestbau boten nur scheinbar individuelle Wege, mit der Pandemie klarzukommen. Bei genauerer Betrachtung sind sie aber im Grunde Varianten ein und desselben Kompromisses zwischen weitestmöglichem Rückzug ins Innere und bestmöglichem Funktionieren in der unmittelbaren sozialen Umgebung.

Siegfried Kracauer deutete häufig auftauchende Bilder und Motive im Kino als Ausdruck der psychischen Verfassung und Sehnsüchte eines Kollektivs. In »Von Caligari zu Hitler« (1947) schreibt er: »Was zählt, ist ­weniger die statistisch erfassbare Popularität von Filmen als die Popu­larität ihrer bildlichen und erzählerischen Motive. Beharrliche Vorherrschaft dieser Motive kennzeichnet sie als äußere Projektionen innerer Bedürfnisse. Und sie haben offensichtlich am meisten symptomatisches Gewicht, wenn sie in ­populären wie unpopulären Filmen auftauchen.« Das »Sich-Aussprechen« und »Sich-selbst-Lieben« sind zwei solche Motive, die im zeitge­nössischen Film omnipräsent sind.

Dass Wein und Lister-Jones als Vertreterinnen der als selbstzentriert geltenden »Generation Y« nun diese Motive aufgreifen, macht den Film auf sympathische Weise selbstironisch. Ihr Freundeskreis aus Film und Musik besteht aus einstigen Slackern und Erfolgsverweigerern. Nun sind ihre filmischen Figuren Paradebeispiele der vermögenden Kinderlosen mit Peter-Pan-Syndrom und müssen sich angesichts der misslichen Weltlage selbst trösten oder mindestens überlegen, ob ­Erwachsenwerden für den Endspurt eine Option ist.

Antwort: eher nicht. Die Haupt­figuren flanieren durch eine Welt wie aus Fondant modelliert, in der selbst ein Kometeneinschlag nur ein weiterer Anlass ist, für den es ein passendes Outfit braucht. Weil der Film dabei noch mit der idealistischen D.I.Y.-Haltung der Gen-X-Zeit und entsprechendem Understatement aufwartet, fällt er gerade nicht in die Kategorie der nervigen auf Selbstverwirklichung zielenden Lockdown-Projekte.

How It Ends (USA 2021). Buch und Regie: Daryl Wein und Zoe Lister-Jones. Darsteller: Zoe Lister-Jones, Cailee Spaeny. Filmstart: 12. August