Eine Ausstellung würdigt den vergessenen Aufklärer Anton Wilhelm Amo

Der vergessene Aufklärer

Der Braunschweiger Kunstverein erinnert in seiner Ausstellung »The Faculty of Sensing. Thinking with, through and by Anton Wilhelm Amo« an den schwarzen Philosophen, der als Sklave an einen deutschen Fürstenhof kam.

»Kennen Sie Dr. Anton Wilhelm Amo?« Diese Frage steht auf Postkarten, mit denen der Braunschweiger Kunstverein auf seine aktuelle Ausstellung »The Faculty of Sensing. Thinking with, through and by Anton Wilhelm Amo« hinweist. Kaum jemandem ist dieser Name geläufig, obwohl Amo der erste schwarze ­Philosoph war, der in Deutschland eine akademische Karriere ver­folgte. Er studierte in Halle und Wittenberg Rechtswissenschaften und Philosophie und promovierte 1734 mit einer Dissertation über das Leib-Seele-Problem mit dem Titel »De humanae mentis apatheia« (Über die Empfindungslosigkeit des menschlichen Geistes) an der Universität Wittenberg. Ab 1736 lehrte er an der Philosophischen Fakultät der Universität Halle als Privatdozent. 1738 publizierte er die Schrift »Über die Kunst, nüchtern präzise und zu philosophieren«, mit der er sich als früher Denker der Aufklärung auswies. 1739 wechselte er einer von ihm verfassten Vorlesungsankündigung zufolge an die Universität Jena.

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Danach verliert sich seine Spur. Man weiß, dass er 1747 ins heutige Ghana zurückkehrte, wo er geboren worden war; doch weder die Gründe für seine Rückkehr nach Afrika noch sein Todesdatum sind bekannt. Der Tod seiner Mentoren und Freunde, berufliche Schwierigkeiten, der wachsende Rassismus und die gesellschaftliche Isolation dürften eine maßgebliche Rolle gespielt haben. Es wird vermutet, dass Amo um 1753 in Ghana gestorben ist. Dort war er noch im Kindesalter versklavt und nach Europa verschleppt worden. Über Amsterdam gelangte er als lebendes Geschenk an den Hof des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, wo er humanistisch Bildung erhielt und seine akademische Laufbahn begann.

Die Frage, warum Amos Karriere so schnell endete und er in Vergessenheit geriet, bewegte die Kuratoren der Braunschweiger Ausstellung. Die Werke von 16 international renommierten Künstlerinnen und Künstlern sind in den beiden Etagen des Gebäudes des Kunstvereins und der angrenzenden Remise zu sehen. ­Viele der Werke erschließen sich erst durch die Lektüre des Begleithefts. Die Arbeit der Berliner Künstlerin Antje Majewski hingegen braucht keine Erklärung. In ihrer Installation zeigt sie Auszüge aus Amos philo­sophischer Inauguraldissertation. Deren Thema, das Leib-Seele-Problem, manchmal auch »Körper-Geist-Problem« genannt, ist von zentraler Bedeutung für viele Fragen der Philosophie. Es geht darum, wie sich leib­liche und mentale Zustände zueinander verhalten.

1976 erschien in der DDR das Buch »Anton Wilhelm Amo. Der schwarze Philosoph in Halle« von Burchard Brentjes, das in der Ausstellung durchgeblättert werden kann. Bereits 1965 wurde auf dem Universitätsring eine Statue zum Gedenken an den Gelehrten aufgestellt, die allerdings auch die Probleme einer paternalistischen Gedenkpolitik veranschaulicht. Antirassistische Gruppen kritisieren die von dem Bildhauer Gerhard Geyer gestaltete Figurengruppe, die eine männliche und eine weibliche Figur zeigt: Die Statue stelle nicht Amo dar, sondern in klischeehafter Weise einen afrikanischen Mann neben ­einer afrikanischen Frau, beide im Rock und mit freiem Oberkörper, heißt es auf der Website von Radio ­Corax aus Halle. Dort wird darauf verwiesen, dass sich Anton Amo an der Uni wahrscheinlich nie so gekleidet hat und zudem unverheiratet war.

Es gibt allerdings keine Abbildungen, die Amo zeigen. Darauf gehen die in der Ausstellung vertretenen Arbeiten auf unterschiedliche Weise ein. Der in Ghana geborene Künstler Bernard Akoi-Jackson hat einen kleine Garten angelegt. An der Wand des Ausstellungsraums sind mit Kohle Beschriftungen in afrikanischen Sprachen angebracht. Damit regt Akoi-Jackson zum Nachdenken über die Frage an, wie man die Geschichte eines Menschen schreiben kann, über dessen Biographie kaum etwas bekannt ist.

Auch die in Amsterdam geborene Künstlerin Anna Dasovi beschäftigt sich in einer raumgreifenden Installation mit den unterschiedlichen Erzählungen über Amos Leben. ­Welche Informationen sind gesichert, wo beginnen die Legenden und Spekulationen? Dasovi zeigt die verblichene Zeichnung eines männlichen Gesichts, die lange Zeit als einzige zeitgenössische Abbildung galt. Doch mittlerweile weiß man, dass das Bild nicht Amo darstellt. Dasovi präsentiert ein Zeugnis von Kant und anderen Zeitgenossen, um darauf hinzuweisen, dass das historische Gedächtnis der Europäer ­selektiv ist: Es bewahrt das Andenken des weißen Aufklärers und vergisst den schwarzen.

Die ebenfalls aus Holland stammende Patricia Kaersenhout zeigt in der Ausstellung Bilder von stolzen Menschen mit schwarzer und brauner Hautfarbe, die auf Seiten des 1976 publizierten Buchs »The European Enlightenment: Zeitalter der Aufklärung« gedruckt sind. Dieses liefert mit der Geschichte der Aufklärung in Deutschland einen Kontext zu Amos Leben. Kaersenhout ­erinnert auch daran, dass 1712, im Geburtsjahr von Jean-Jacques Rousseau, Willy Lynch in Virginia vor Sklavenhaltern seine berüchtigte Rede über den Umgang mit aufsässigen Sklaven hielt. Der Begriff des Lynchens geht auf ihn zurück.

Olivier Guesselé-Garai und Antje Majewski sind mit zwei explizit ­politischen Arbeiten in der Ausstellung vertreten. Aus einem Lautsprecher ist im Loop die Liedzeile »Chain, chain, chain« zu hören. Es ist ein Auszug aus dem Song »Chain of Fools« von Aretha Franklin, in dem es um die Ketten als Symbol der Sklaverei geht. Doch das melodische Lied lädt zum Mitsingen ein. Das Künstlerduo will damit auf das ­ideologische Potential von Musik hinweisen. Im Obergeschoss des Kunstvereins ist eine von den beiden gestaltete Figur zu sehen, die ein aus Gemüse gelegtes Gesicht hat. Die eine Hand ist zur Faust geballt, die andere zeigt den erhobenen Mittelfinder. Zu Füßen der Figur liegt ein T-Shirt mit der Aufschrift »Refugees welcome«. Wenn man will, kann man die Skulptur als Kampfansagen an »besorgte Bürger« verstehen: Wir sind da und bleiben, ob es euch gefällt oder nicht.

Die Ausstellung, die lange vor den transnationalen antirassistischen Protesten nach dem Tod von George Floyd in den USA konzipiert wurde, hat nun vermehrte Aufmerksamkeit erfahren. Sie sei in den vergangenen Wochen verstärkt von jüngeren Menschen besucht worden, sagte eine Mitarbeiterin des Braunschweiger Kunstvereins der Jungle Word. So hat die pandemiebedingte Verschiebung der Ausstellungseröffnung noch etwas Gutes. Eigentlich sollte »The Faculty of Sensing« Ende März eröffnet werden und wäre schon längst beendet worden. Jetzt kann sie bis zum 13. September im Braunschweiger Kunsthaus besucht werden, das bis zum Ende der ­Ausstellung in »Anton Wilhelm Amo Center« unbenannt wurde.

Die Umwidmung geht auf den jungen Künstler Konrad Wolf zurück, der 2016 als Abschlussarbeit seines Architekturstudiums die Neugestaltung der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel konzipierte. Aus­gehend von dem übersehenen Wissensschatz der Bibliothek entwickelte er die Idee eines temporären »Anton Wilhelm Amo Centers«. Nach den Vorstellungen des Künstlers ­sollen in Zukunft auch andere Orte in aller Welt für eine bestimmte Zeit den Namen des schwarzen Philosophen tragen, um auf sein Werk und Leben hinzuweisen. In verschiedenen Städten fordern zudem antirassistische Initiativen, dass eine Straße nach dem Wissenschaftler benannt wird. In Berlin soll nach den Willen von Aktivisten die Mohrenstraße künftig seinen Namen tragen. Diese Diskussionen verschaffen der Ausstellung die Aufmerksamkeit, die sie verdient.

The Faculty of Sensing. Thinking with, through and by Anton Wilhelm Amo. Kunstverein Braunschweig. Bis 13. September