Die preisgekrönte Reportage. Das neue Schulfach Glück.

Glück in der Schule, Pech im Leben

Aus der Urteilsbegründung: Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.
Kolumne Von

»Frau Mayer, die Emily hat gerade traurig geguckt!« – »Ist das wahr, Emily? Dann schreibst du bitte bis Mittwoch hundertmal den Satz: Ich bin ausgeglichen und fröhlich, ich packe das Leben beim Schopf! Und für das Stirnerunzeln eben noch hundertmal extra!« Was wie die schlecht ausgedachte Einstiegsszene einer mittelguten Reportagenparodie klingt, ist in vielen Bundesländern bereits Realität: das Schulfach Glück. Das Projekt, das in Heidelberg begonnen wurde, hat sich mittlerweile über die gesamte Republik ausgebreitet wie ein ansteckendes Lachen – mehr als 200 Schulen in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz machen »Glücksunterricht«.

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Nach der Strafarbeit für Emily geht der Unterricht weiter. »Fangen wir mit was Einfachem an, Kinder. Wie geht es euch eigentlich? Bitte nur falsche Antworten.« Der kleine Luis meldet sich fingerschnippend: »Es ist ein wunderschöner Tag, ich bin sorgenfrei und verfüge über ausgezeichnete Perspektiven!« Frau Mayer blickt kurz hinaus zum Fenster, wo es gerade Schwefelsäure und Feinstaub regnet, und studiert die MäcGeiz-Klamotten ihres Schülers. »Toll, Luis, du zeigst bereits sehr hohe Resilienz. Gibt es aber jemanden in der Klasse, dem es vielleicht noch besser geht als Luis?« Anna erzählt: »Ich durfte gestern nachmittag mit 50 Euro allein zu Douglas!« – »Sehr gut, Anna. Du hast Selbstwirksamkeit erfahren.« Anna darf sich Fleißpunkte auf ihre Payback-Karte ­laden, die anderen kriegen zur Strafe nicht über den Kopf gestreichelt.

An der John-Strelecky-Gesamtschule Unterhaufen geht es längst nicht allen Kindern so gut, wie es Frau Mayer vorgaukelt. »Das spielt im Unterricht aber keine Rolle«, sagt die Pädagogin lachend, als sie sich in der Pause zwei Pillen einwirft. »Das Leben unserer Kinder ist von oberflächlichen Glücksversprechen erfüllt. Billiger Konsum verspricht schnelle Befriedigung. Bei uns geht es vor allem darum, hier das Differenzieren zu lernen und echte Glücksgefühle zu unterscheiden. Statt schnellem Sex und Billig­reisen auch mal auf ein Eigenheim sparen, mit einem Partner, den man hasst. Oder spüren, wie warm sich eine Wolldecke anfühlt, wenn sie von Manufactum kommt.« Frank Schöbl von der Schulbehörde ist optimistisch, dass sich das Experiment durchsetzt: »Mit etwas Glück richtet diese neue Unterrichtsform auch nicht mehr Schaden an als die anderen Schulfächer!«

Aus der Urteilsbegründung: Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.