Ästhetik nach Adorno I

Kindergewehre

Über das apolitisch Politische in einem Text von Franz Kafka.

Ich besitze fünf Kindergewehre, sie hängen in meinem Kasten, an jedem Haken eines«: So liest sich ein Appell in Franz Kafkas kurzem Text »An alle meine Hausgenossen« von 1917. Ist diese ungeheure Mietskaserne eine Vorstadtfestung des Widerstands, einer potentiellen Genossenschaft, Ort einer möglichen Rebellion, eines Aufstands oder einer Verweigerung? Wird sich zu den Waffen gemeldet? »Niemand hats getan«, sind es doch Kindergewehre. Gegen wen es hier in die Schlacht zu ziehen gilt oder wer dazu aufruft in diesem Haus, wenn es sich nicht doch um einen Aufruf zur Beilegung jeder gewaltsamen Auseinandersetzung handelt, so dass die Gewehre eher zu zerbrechen wären, wird nicht klar. Kafkas Text verweigert politische Festlegungen oder Aktionsinteressen, Funktionsbestimmungen oder klare Forderungen, um stattdessen Aporien in den Blick zu nehmen.

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Was hier im Gange oder im Spiele ist, sind es doch Kindergewehre, verweist auf eine ästhetische Dynamik, die durch literarische Formgebung Sinnerwartungen depraviert und Kritik fernab dienstbarer Gegenstände oder zielführender Intentionen behauptet. Bringt sie doch die paradoxe Eigengesetzlichkeit eines Geschehens zur Sprache, in der jede vermeintlich semantische Einheit, jedes literarische Objekt ein Eigenleben führt. Es ist eine Autonomie der Form, die sich, zu literarischer Form geronnen, der Nomenklatur des Zweckdienlichen, Zielgerichteten oder Wirkungsorientierten versperrt. Die Gewehre mögen Gewalt, Verletzung, Militanz suggerieren. Sie sind dysfunktional, »der Mechanismus ist verdorben, die Pfropfen abgerissen«. Der Aufruf, sich zu den Kindergewehren zu melden, mag einen gleich aus der Reserve locken und einem in eben diesem Moment schon die Sprache verschlagen, die so infiltriert ist von militärischem Vokabular wie infantilen Verharmlosungen. Denkt man nicht gleich an Kindersoldaten, Kadettenanstalten und Matrosen­anzüge der vorvergangenen Jahrhundertwende, Monturen für die Posenphotographie wie um sich greifende Kriegstreiberei? Oder ganz im Gegenteil an ein harmloses Spiel, vom Karnevalsverein über das dörfliche Schützenfest, wo kleine Zeitsoldaten in volkstümlicher Militärkluft mit geschulterten Holzgewehren marschieren, oder an historische Kinderzimmer, an die Zinnsoldaten als Prototypen der digitalen Spielwelten in Harun Farockis »Serious Games«, einer Filminstallation, in der sich Farocki mit dem Einsatz von Virtual-Reality-Technik bei den US-amerikanischen Truppen beschäftigt?

Bereits die Formulierung »Kindergewehre« ragt wie eine Spitze aus dem Text von Kafka heraus, in dem eine literarische Ichfigur in kindsköpfiger Begründungslogik Hausgenossen zu den Gewehren ruft. Deren garantiert ordnungsgemäße Aufhängung an Haken stellt Disziplin in Aussicht und Vulnerabilität aus, verheißt militante Gefahr, in Reih und Glied aufgehängt eben, und doch sind die Gewehre zu einer anderen Verwendung, als aufgehängt zu werden, unbrauchbar, streng genommen ­sogar verzichtbar. Attrappen sind es dennoch nicht und alles andere als Kindereien. Die literarische Form lässt in einem sich umständlich erklärenden Aufruf Reminiszenzen aufkeimen, durchsetzt von drohenden Wirklichkeitsszenarien wie von Kinderphantasien und aufbegehrendem Geist, dessen Manöver beunruhigen, weil sie mit der sprachlichen Form verwachsen sind. Kritische Momente sedimentieren sich in der Form, doch kaum wähnt man eine dieser Lanzetten zu fassen, einen der widerstreitenden Sätze, biegt sich der Lauf in die andere Richtung, entzieht sich in Widersprüche. Die Gegenstände verlieren ihre Eindeutigkeit, wenden sich um, gegen alle Interpretationsversuche.

Wer dem ersten Aufruf zu den Kindergewehren keine Beachtung geschenkt hat, der mag es mit dem zweiten, dringlich verknappten Apell »Hausgenossen!« zu einem möglichen Aufbegehren aufnehmen. Die Leser werden, wie die anonym Adressierten, durch die literarisch Form mit semantischen Aporien konfrontiert, wir werden verstrickt in ein höchst apolitisch Politisches, das einen in der Konfrontation mit geschürten Erwartungen in literarischer Nüchternheit in die Irre laufen lässt, zumindest so lange, wie man den Andeutungen auch nur ansatzweise ­einen Zug zum Eindeutigen beilegen will. In dieser Verweigerung einer Agenda, ja jedweder auf eine Linie zu begradigenden Tendenz sind gesellschaftlich-politische Verwerfungen je schon aufgenommen. Es sind Brechungen und Demontagen dessen, was an der Realität zur Tat ruft. Kafkas Text ist eine Sprengkapsel, die implizit auch einer dichotomen Aushandlung von Autonomie und Engagement eine Absage erteilt. Sie agiert gegen duale Logiken, ohne Gewähr.

Unter dem Titel »Ästhetik nach Adorno. Autonomie, Kritik, Versöhnung« findet vom 21. bis zum 23. Juni in Berlin ein Symposium statt, auf dem mit Rückgriff auf die ästhetische Theorie Theodor W. Adornos das derzeitige Verhältnis zwischen Politik, Gesellschaft und Kunst
kritisch diskutiert werden soll. In der »Jungle World« geben drei der Teilnehmer, die Philosophen Anne Eusterschulte, Michael Hirsch und Christian Grüny, einen kurzen Einblick in das Thema ihres jeweiligen Vortrags, insbesondere in Hinblick auf politische Kunst.