Der letzte linke Kleingärtner weckt Tiere und Pflanzen aus dem Winterschlaf

Große Taten im Frühling

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 49.
Kolumne Von

Es geht doch nichts über die feine Spür­nase eines Kleingärtners. In der vorherigen Kolumne hatte ich gewarnt, dass man sich von den warmen Tagen im Februar mit knapp 20 Grad nicht in die Irre führen lassen sollte. Es werde wieder kühler und der März dürfte ein paar Regentropfen bringen – so sagte ich es und so geschah es. Die nächste Prophezeiung will ich ebenfalls nicht für mich behalten: Der März wird uns noch ein paar wärmere Tage schenken, die uns den nasskalten Beginn vergessen lassen.

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In den Stunden kurz vor Erscheinen dieser Kolumne werde ich mit meinen Outdoor-Aktivitäten beginnen. Die dicken Bohnen und die Zuckererbsen wandern in die sorgfältig vorbereitete Erde, die ich mit reichlich Kompost verbessert habe. Beide Pflanzen gehören zu den Leguminosen und reichern an ihren Wurzeln den in der Luft schier unendlich vorhandenen Stickstoff an – der Chemiker würde selbstverständlich »N« sagen. Wenn man nach der Ernte im Juni die Wurzeln im Boden lässt, freut sich die nächste Pflanzengeneration über den Stickstoffvorrat. Dicke Bohnen sind übrigens nicht zu verwechseln mit Stangen- oder Buschbohnen, die erst ab Anfang Mai gelegt werden, da sie sehr kälteempfindlich sind.

Und als hätten sie es geahnt, dass ihr Herr und Gebieter so langsam in die gärtnerischen Gänge kommt, haben meine vier Hühner ihre winterliche Schläfrigkeit abgelegt und sind seit zwei Wochen wieder am Arbeiten, also am Scharren und Eierlegen. Zuvor dümpelten sie so vor sich hin, saßen faul und glotzend auf der Stange im Stall und liefen manchmal orientierungslos in der Gegend herum. Dummerweise verzichteten sie in dieser Phase nicht aufs Essen, was wiederum schlecht für meine betriebliche Bilanz ist. Denn auch ein Kleingärtner muss bei allem Idealismus auf die Zahlen schauen. Und nur zu fressen und keine Eier zu legen, ist Arbeitsverweigerung.

Die können von Glück sagen, dass ich kein Arbeitsfetischist bin, sonst wären sie ratzfatz im Kochtopf gelandet. Aber meine große Güte in deren Genuss die Hühner kommen, zahlt sich dieser Tage aus. Es läuft wieder und die Eierproduktion kommt in die Gänge. Die Hühner haben sich übrigens im Winter ein dichtes und mehrlagiges Federkleid zugelegt, das den Wärmeverlust reduziert.

Da man noch nicht alles im Garten unterbringen kann – zumindest nicht ohne Vliesabdeckung oder ohne Gewächshaus –, nehme ich die häuslichen Fensterbänke in Beschlag mit allerhand Blumentöpfen, in denen verschiedene Sämereien von Salaten, Kohlpflanzen, Gurken und Kürbissen ihren vorübergehenden Platz finden. Diese Topforgie kann allerdings zu bösen innerfamiliären Zerwürf­nissen führen. Denn meist rieselt der feine Kompost nicht nur in die vorgesehenen Blumentöpfe, sondern auch auf den Boden und sonstwohin. Wenn man da nicht geschwind alles aufputzt, ist der nächste Eklat vorgezeichnet. Es ist Außenstehenden nicht vermittelbar, was unsereinem als Kleingärtner alles vorgeworfen wird wegen einiger klitzekleiner Kompostkrümel. Völlig überzogen und ­respektlos ist das. Dabei kümmern wir uns doch um die Ernährung der Menschheit. Da wäre ein bisschen Dank mal angebracht. Das sei hier nur der Chronistenpflicht halber gesagt, damit es Eingang in die Archive findet und spätere Generationen anhand der von mir verfassten Originaldokumente erforschen können, welches Leid ich erdulden musste.

Und wenn wir schon beim erwachenden Frühling sind: Ich hätte da noch eine Idee für eine große Tat, die Frieden und Nahrung – und beides im Überfluss – brächte. An der Grenze zwischen der Türkei und Syrien sollte man mehrere ineinander verwobene Streifen von Kleingärten anlegen, sozusagen eine teilweise entmilitarisierte Zone. Da man mit AK47 und G3 keinen Garten umgraben und instand halten kann, wären diese Waffen verboten. Nur teilweise entmilitarisiert wäre das Gebiet, da man durchaus mit Hacke und ­Spaten aufeinander losgehen könnte, aber auf Dauer ertraglos bliebe. Die eine Seite des Kleingartenstreifens würde von ehemaligen türkischen Soldaten und Gesandten Allahs gepflegt, der andere Streifen von ehemaligen Guerilleros der PKK und YPG bewirtschaftet.

Da könnten beide Seiten in einen gärtnerischen Wettstreit ein­treten und schauen, ob sie die wichtigen Dinge im Leben nicht verlernt haben, wozu zweifellos die Produktion von Nahrungsmitteln gehört. Meinetwegen könnten sie einen – von mir grundsätzlich verachteten – Wettbewerb abhalten, wer den größten Kürbis im Garten hat. Wenn es dem Frieden nützte, würde ich auf mein kleingärtne­risches Veto gegen diesen Unfug – ja, sie sind groß, aber sie schmecken nicht – verzichten. So ganz nebenbei könnte man zusehen, ob es die kurdische Seite mit der Gleichberechtigung der Geschlechter ernst meint oder ob sie wieder in den alten Trott verfällt, sich von Frauen das Essen bereiten und rund um die Uhr den Tee reichen zu lassen. In den Guerillaeinheiten sind jede Menge Frauen im Einsatz. Aber wie könnte das Leben nach dem Ende des Pengpeng weitergehen? Da habe selbst ich als großer visionärer Kleingärtner ­keine klaren Vorstellungen. Es könnte gut werden, oder es könnte misslingen.