Sharon Van Ettens neues Album »Remind Me Tomorrow«

»Ich versuche, mich selbst zu verstehen«

Sharon Van Etten nimmt sich auf ihrem neuen Album »Remind Me Tomorrow« erst einmal eine Auszeit von der Gitarre und experimentiert stattdessen mit Synthesizern.

Was Sharon Van Etten in den vergangenen Jahren gemacht hat, liest sich wie eine dieser Rubriken auf den letzten Seiten in zum Untergang geweihten Hochglanzmagazinen: »Was macht eigentlich …?« Nun: Die Songwriterin geht zur Uni und studiert mit dem Ziel, in zehn Jahren als Psychotherapeutin zu arbeiten.

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Außerdem würde sie Mutter, schrieb mehrere Soundtracks und machte in der Mystery-Serie »The OA« erste Erfahrungen als Schauspielerin. In der Netflix-Produktion spielt sie Rachel, eine Sängerin, die nach einer Nahtoderfahrung von einem Wissenschaftler gefangen gehalten und für Versuche missbraucht wird.

»Mir war auch einfach langweilig«, lacht Van Etten im Telefongespräch mit der Jungle World. Anlass des Gesprächs mit ihr ist, dass sie ganz nebenbei auch noch ein neues Album aufgenommen hat, »Remind Me Tomorrow«, das erste nach vier Jahren Pause. Vermutlich ist es beides: die Angst vor der Langeweile sowie ein besonderer Mut, die der New Yorkerin erlauben, immer wieder biographische Haken zu schlagen, weg von der Musik. Während andere Musiker froh Gitarre spielen lernen und dann Musik machen, arbeitete die 37jährige beispielsweise schon als Sommelière und PR-Organisatorin. Jetzt also ein Studium: »Zurück zur Schule zu gehen, das hat mir natürlich Angst gemacht. Aber ich bin gerade wirklich im Einklang mit mir und mit dem, was ich will. Am unheimlichsten war es, meiner Band gestehen zu müssen, dass ich diesen neuen Weg einschlage.«

Verschwunden ist die prominente Rolle der Gitarre, sie wird ersetzt durch Klavier und Synthesizer, aber vor allem durch Andeutungen von Noise und Drones.

Auf jedem der vier Vorgängeralben von »Remind Me Tomorrow« wurde der Sound von Sharon Van Etten satter. »Das war nie geplant, das ist eher wie von selber passiert«, sagt sie. Auf ihrem Debüt »Because I Was in Love«von 2009 beschränkte sie sich noch auf den Klang der Akustikgitarre und auf ihre Stimme, die sie, so wirkte es, gerade erst gefunden hatte, um mit ihr über eine emotional übergriffige Beziehung zu singen.

Für ihr zweites Album »Epic« lud sie Freundinnen und Freunde ins Studio ein und fand Gefallen daran, Menschen Musik spielen zu hören, die sie für sich und ihre Stimme geschrieben hatte. Das löste schließlich den Wunsch aus, doch eine eigene, feste Band um sich zu scharen – zu hören auf ihrem Durchbruchsalbum »Tramp« von 2012, das mit ­Unterstützung prominenter Musiker wie Zach Condon von Beirut und Aaron Dessner von der Indierock-Institution The National als Produzent entstanden war. »Tramp« ist ein düsteres Album, es erinnert an Indierock von The Walkmen bis PJ Harvey und lebt dabei ganz davon, dass Van Etten ihre inneren Konflikte musikalisch austrägt.

»Für mich ist Musik etwas sehr Kraftvolles. Ich schreibe meistens in einem Gedankenfluss, schaue später aufs Papier und versuche, mich selbst zu verstehen«, sagt die Sängerin, die in Brooklyn lebt. »Ich bin von Natur aus ein ruhiger Mensch, vor allem als Teenager war meine Tür zur Welt immer verschlossen. Meine Mutter schenkte mir damals ein Notizbuch und darin entstanden die Skizzen, von denen ich heute weiß: Das waren meine ersten Songs. Erst in meinen späten Zwanzigern verstand ich, was ich damals sagte.«

Heute versucht sie, ihre sehr intimen Texte so weit zu bearbeiten, dass sie auch für ihr Publikum nachvollziehbar bleiben. Und wenn sie von ihrem Psychologiestudium berichtet, davon, wie sehr es sie fasziniere, »welche Rolle die Vergangenheit spielt, was wir aus ihr lernen können, wo wir aber auch in ihr gefangen sind«, dann klingt es so, als sei doch auch ihr Leben jenseits der Musik unauflöslich mit ihrem Dasein als Songwriterin verbunden. »Ich wusste nicht, ob ich das als Karriere weitermache«, erzählt sie von der Zeit, als sie sich auf neue Wege in ihrem Leben konzentrierte. »Aber ich habe mit der Musik für mich angefangen, und ich wusste immer, dass ich Musik für mich brauche.«

So entstanden dann in der Zeit nach ihrem vierten Album »Are We There« (2014) um die 40 Songs, einfach so: »Da habe ich gemerkt, dass ich noch viel von dieser Leidenschaft in mir trage, und dass ich das unbedingt teilen will.« Das Ergebnis ist jetzt erschienen, heruntergebrochen auf zehn Songs. Van Etten geht auf »Remind Me Tomorrow« soundtechnisch neue Wege. Das Album klingt zwar wieder satter als der opulente und hymnische Vorgänger »Are We There«, aber die Mittel sind andere. Verschwunden ist die prominente Rolle der Gitarre, sie wird ersetzt durch Klavier und Synthesizer, aber vor allem durch Andeutungen von Noise und Drones, hervorgerufen durch die dominante Rhythmik. Sicher trug auch der Produzent John Congleton dazu bei, der von Angel Olsen bis The War on Drugs den Sound des dunklen Indie­rocks dieser Tage mitbestimmt. Er motivierte Sharon Van Etten, das ihr bekannte Terrain immer weiter zu verlassen – und sie tat es gerne. »Ich war es müde, weiter Gitarre zu spielen, es gibt nichts Langweiligeres. Ich wollte nicht mehr den gleichen Song immer und immer wieder schreiben.«

Mit »I Told You Everything« wird die Platte durch eine Hymne eröffnet, die klingt, als sei Patti Smith die neue Sängerin von The XX. Inspiriert wurden die Songs von zufälligen Experimenten mit Synthies, mit denen sie ihre Gitarrenroutine durchbrechen wollte. »Ich fühlte mich magnetisch angezogen von diesen neuen, fremden Klängen, vom Lärm und dem Trommeln. Meine Stimme klingt völlig anders, wenn ich dazu singe, ich komme in andere Register. Es ist, als könnte ich jetzt erstmals die Seiten meiner Plattensammlung zeigen, die niemand kennt, die Cocteau Twins oder Suicide.« Textlich ist das Album bisweilen apokalyptisch, es handelt von Van Ettens Unsicherheiten als Mutter und dem Wunsch, ihrem Kind eine Welt zu bereiten, die weniger düster ist als die gegenwärtige. Bei dem Song »Seventeen« kommt dann aber auch ihr eigenes inneres Kind durch, eines, das mit ­einer Rock-Geste die Faust in den Himmel reckt.

Musikalisch hätte es auch in eine ganz andere Richtung gehen können, überlegt sie rückwirkend. »Aber ich bin noch nicht bereit für ein Country-Album. Und nicht für mein Album mit Pianoballaden oder mit Weltmusik. Die Alben mache ich, wenn ich müde geworden bin«, lacht Van Etten. Angesichts des Cover-Bilds fragt man sich aber schon, wie lange das noch dauern mag. Es zeigt ein Kinderzimmer mit einem Gitterbettchen im Hintergrund, doch der Boden ist übersät mit dem Inhalt einer ausgekippten Plastikbox, in die sich ein Mädchen gequetscht hat, während ein kleinerer Junge neben ihr im Chaos spielt. Das Foto stammt aus dem Fotoalbum der Künstlerin Katherine Dieckmann, für deren Filme Van Etten die Musik schrieb und die nun im Gegenzug die Regie für ein Musikvideo übernahm. Dieckmann, die während der gemeinsamen Arbeit zu einer engen Freundin wurde, gehörte zu den ersten, denen Van Etten von ihrer Schwangerschaft erzählte. »Wir beide weinten«, blickt sie zurück, »und ich schrie: ›Ich weiß nicht, wie das gehen soll!‹ Da lachte Katherine, packte ihr Handy aus und zeigte mir dieses Bild. ›Du wirst einen Weg finden‹, sagte sie. Und wann immer es schrecklich war, alles gleichzeitig zu schaffen, Studium, Arbeit, Schwangerschaft, schaute ich mir dieses Bild an. Es wurde Teil meiner täglichen Routine. Es passte so gut, dass es jetzt mit diesem Album verbunden ist.«

 

Sharon Van Etten: Remind Me Tomorrow (Jagjaguwar)