Ágnes Keleti - Ein Porträt

Die jüdische Turnlegende

Die erfolgreichste jüdische Turnerin des 20. Jahrhunderts überlebte die Verfolgung durch die Nazis und gewann zehn olympische Medaillen. Mittlerweile ist Ágnes Keleti hochbetagt, erhielt 2017 die höchste Auszeichnung Israels und lebt in Herzliya.

Im März hatte die beliebte Fernsehshow »Israel Got Talent« einen besonderen Gast: Eine 97jährige Frau, die vor den Augen der staunenden Jury und eines begeisterten Publikums Turnübungen vorführte, die die meisten 20jährigen nicht schaffen. Sie ging in den Spagat, machte die Grätsche und hob ein gestrecktes Bein über ihren Kopf. Dazwischen erzählte sie ein bisschen aus ihrem Leben und lachte dabei viel und laut. Bei der rüstigen Dame handelte es sich um Ágnes Keleti, und wenn es nach dem Willen Nazideutschlands und seiner Verbündeten gegangen wäre, hätte dieser Auftritt niemals stattfinden können, denn Keleti wäre seit über 70 Jahren tot, ermordet wie Millionen andere, weil sie Jüdinnen und Juden waren.

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Im Jahre 1944 freute sich eine reiche Familie von Nazikollaborateuren in Budapest darüber, ein »gutes christliches Mädchen« für die Hausarbeit gefunden zu haben. Was die Faschisten nicht wussten: Die freundliche und fleißige junge Frau war Jüdin und hieß in Wirklichkeit Ágnes Keleti. Sie hatte einer gleichaltrigen Christin deren Papiere abgekauft und lebte unter falschem Namen in der ungarischen Hauptstadt, wo sie sich als Haushaltshilfe und als Arbeiterin ­in einer Munitionsfabrik durchschlug. Den Schritt in den Untergrund machte Keleti, nachdem die Deutschen im März 1944 in Ungarn einmarschiert waren und sofort damit begannen, die Verfolgung der Juden mit dem Ziel ihrer Vernichtung zu intensivieren.

Während der Spiele in Melbourne marschierte die Rote Armee in Ungarn ein, um einen Volksaufstand niederzuschlagen. Keleti (...) bat zusammen mit 44 weiteren Mitgliedern der ungarischen Delegation um politisches Asyl in Australien und bekam es auch gewährt.

Keleti erinnerte sich später in einem Interview an den genauen Moment, in dem sie sich dazu entschied unterzutauchen: Am 31. März 1944 befahl die Marionettenregierung des Ministerpräsidenten Döme Sztójay allen Juden in Ungarn das Tragen eines gelben Sterns. »Ich wollte mich nicht auf diese Weise kennzeichnen lassen«, so Keleti. Ihre Mutter und Schwester überlebten den Holocaust dank der von Raoul Wallenberg ausgestellten sogenannten schwedischen Schutzpässe. Diese Dokumente iden­tifizierten die Inhaber als schwedische Staatsbürger. Wallenberg wurde später von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als ein »Gerechter unter den Völkern« geehrt.

Keletis geliebter Vater und alle anderen Mitglieder ihrer Familie wurden nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Nachts trainierte Keleti heimlich und manchmal spielte sie leise auf ihrem Cello. Während der Schlacht um Budapest im Winter 1944/45 meldete sie sich freiwillig jeden Morgen die Leichen der in der Nacht zuvor umgekommenen Zivilisten einzusammeln.

Ihr Vater, »ein ungeheuer sportlicher Mann«, wie sich Keleti erinnerte, war es, der sie für das Turnen und die Gymnastik begeisterte. Die kleine Ágnes fing im Alter von vier Jahren damit an. Als sie 16 war, wurde sie ungarische Meisterin. Ein Titel, den sie noch zehn Mal gewinnen sollte. 1940 wollte Ungarn sie zu den Olympischen Spielen schicken, aber die wurden ebenso abgesagt wie die für 1944 geplanten. Mitten in ­einem Weltkrieg war es nicht möglich, eine internationale Sportveranstaltung abzuhalten, die unter anderem der Völkerverständigung und der Idee des friedlichen sportlichen Wettbewerbs dienen sollte.

An den ersten Nachkriegsspielen 1948 konnte Keleti nicht teilnehmen, da sie sich kurz zuvor verletzt hatte. 1952, sozusagen nach drei verpassten Olympischen Spielen, konnte Keleti in Helsinki endlich zeigen, wofür sie so lange und hart trainiert hatte. Sie war bereits 31 Jahre alt – ein Alter, in dem sich viele Athleten vom aktiven Sport zurückziehen – und gewann Bronze am Stufenbarren und Gold im Bodenturnen. Zwei weitere Medaillen heimste sie in der Gruppengymnastik (Bronze) und der Mannschaftswertung (Silber) ein.

Bei den Olympischen Spielen in Melbourne 1956 legte Keleti noch einen drauf und gewann sechs Mal Edelmetall, darunter drei Mal Gold in Einzelwertungen. Noch nie hatte eine Athletin im Alter von 35 Jahren das geschafft. Mit zehn olympischen Medaillen ist Keleti bis heute die erfolgreichste jüdische Olympionikin. Nur der jüdische Schwimmer Mark Spitz aus den USA hat das übertroffen – um eine Medaille.

Während der Spiele in Melbourne marschierte die Rote Armee in Ungarn ein, um einen Volksaufstand niederzuschlagen. Keleti, die wusste, dass die Rote Armee einst Raoul Wallenberg verschleppt und vermutlich liquidiert hatte, bat zusammen mit 44 weiteren Mitgliedern der ungarischen Delegation um politisches Asyl in Australien und bekam es auch gewährt. Ein Jahr später wanderte sie nach Israel aus, wo sie heiratete und zwei Söhne auf die Welt brach­te. 1957 nahm sie noch an der Makkabiade teil, der größten ­internationalen jüdischen Sportveranstaltung. Danach arbeitete sie jahrzehntelang als Lehrkraft für Gymnastik an der Universität von Tel Aviv sowie als Expertin am Wingate-Institut für Leibeserziehung und Sport in Netanya. Nebenbei baute sie mit einer Handvoll Enthusiasten den Gym­nas­tik­sport in Israel auf und war bis in die neunziger Jahre als Trainerin und Beraterin für die israelischen Teams aktiv.

Die Sportlegende lebt heutzutage in einer kleinen, gemütlichen Wohnung in Herzliya, nahe am Strand. Sie hält sich dadurch fit, dass sie jeden Tag mindestens eine Stunde lang schwimmt, spazierengeht und Dehnübungen macht. Manchmal spielt sie auch auf ihrem geliebten Cello. Als Cellistin hatte sie einst in Ungarn ihr Brot verdient, denn eine Profisportlerin war Keleti nie.

Für ihre Verdienste um den isra­elischen Sport verlieh man ihr 2017 den Israel-Preis, die höchste Auszeichnung, die der jüdische Staat zu vergeben hat. Davor schon war sie in die »International Gymnastics Hall of Fame«, die »International Jewish Sports Hall of Fame«, die »International Women’s Sports Hall of Fame« und die ungarische »Ruhmeshalle des Sports« aufgenommen worden.

Ágnes Keleti wirkt, als wäre sie 20 Jahre jünger, als sie tatsächlich ist, und verfolgt immer noch das sportliche Geschehen – wenn auch nicht unbedingt immer wohlwollend. Reportern der israelischen Internetzeitung Times of Israel sagte sie, die Gymnastik habe es »vielleicht zu weit getrieben«. Heutige Athleten ähnelten eher »Zirkusakrobaten als Sportlern«. Sie selbst hätte wohl keine Chance mehr, wenn sie heute Anfängerin wäre, spielte Keleti ihre Fähigkeiten herunter. Als die Reporter Keleti fragten, ob sie ihnen wohl die zehn olympischen Medaillen zeigen könne, lachte sie und sagte etwas, das die israelische Mentalität so gut beschreibt wie kaum etwas anderes: »Medaillen sind nicht wichtig. Überleben ist wichtig.«