Die lakonische Musik von Courtney Barnett

Lakonie und Alltag

Die australische Ausnahme-Songwriterin Courtney Barnett macht Musik für mehrere Generatione

Es war nur folgerichtig, dass Courtney Barnett im vergangenen Herbst in Kollaboration mit Kurt Vile ein Album mit dem Titel »Lotta Sea Lice« ­veröffentlichte – handelt es sich bei den beiden doch nicht nur um ähnlich herausragende Singer-Songwriter, sondern zudem um die lakonischen Oberslacker des zeitgenössischen Indierock. Nur ein halbes Jahr später legt Barnett nun ihr zweites Solo­album namens »Tell Me How You Really Feel« nach.

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Ihr Debüt mit dem schönen Titel »Sometimes I Sit and Think, and ­Sometimes I Just Sit« wurde vor drei Jahren schnell als veritable Sensa­tion gehandelt, begleitet von Vergleichen mit klassischen Rockgrößen wie Patti Smith, Lou Reed oder Bob Dylan. Die Australierin ist für das neue Album den Independent-Labels Marathon Artists (für Europa) und Mom + Pop Music (für Nordamerika) treu geblieben, dessen erfolgreichster Act sie sein dürfte. Für ihre erste EP hatte Barnett 2012 in Melbourne noch ihr eigenes Label Milk! gegründet, das bis heute weiter aktiv ist und das sie mit ihrer Lebensgefährtin Jen Cloher, ebenfalls einer Folkrockmusikerin, betreibt.

Der trockene Humor, den sie in ihren persönlichen Texten und mit ihrer angenehm unambitionierten Gesangsintonation an den Tag legt, ist schon auf der ersten Platte deutlich zum Ausdruck gekommen, zum Beispiel in »Nobody Really Cares If You Don’t Go to the Party«, wenn sie den Bedürfnissen am Wochenende nach Trägheit einerseits und Partizipation andererseits auf den Grund geht: »You say you sleep when you’re dead, I’m scared I’ll die in my sleep / I guess that’s not a bad way to go / I wanna go out but I wanna stay home.«

Neben pointierten Alltagsbeschreibungen und nachdenklicher bis (selbst-)kritischer Introspektion findet sich auf dem aktuellen Album jedoch wiederholt eine gewisse Frustration oder gar Wut über die Zu­stände sowie eine explizit feministische Stoßrichtung: In der ersten Singleauskopplung, »Nameless, Faceless«, verwendet Barnett im Refrain ein bekanntes Zitat der Autorin Margaret Atwood über die unterschied­lichen Ängste von Männern und Frauen – »Men are scared that women will laugh at them. Women are scared that men will kill them.« – und ­kombiniert es mit der schlichten Forderung: »I wanna walk through the park in the dark.«

Unterstützt wird sie dabei von Kim Deal, ihres Zeichens Sängerin von The Breeders, die mit ihrer Schwester Kelley außerdem bei dem Stück »Crippling Self-Doubt and a General Lack of Confidence« mitspielt und singt. Dieses enthält, aus dem Hintergrund eingeworfen, auch die titel­gebende Zeile des Albums, »Tell me how you really feel«, woraufhin Barnett im Refrain eingestehen muss: »I don’t know anything.« Es handelt sich um einen der Höhepunkte des Albums.

In Sachen ausgeprägter Lässigkeit – um nicht einfach von Coolness zu sprechen – sind Barnett und die eine Generation älteren Deal-Schwestern ohnehin wesensverwandt, nur ist die Australierin stärker vom Folkrock und von Songwritern wie Neil Young beeinflusst als von Noise- und ­Powerpop, wie es bei den Breeders der Fall ist. Auch die musikalischen Einflüsse einen Barnett eher mit Kurt Vile. Auf ihrem Gemeinschafts­album coverten die beiden mit »Untogether« indessen auch einen ­alten Song von Tanya Donelly (ebenfalls Gründungsmitglied der Breeders) und ihrer Band Belly, die gerade nach zwanzigjähriger Pause ihr ­drittes Album »Dove« veröffentlichte.

Mehr noch als all die großartigen Reunion-Bands, über deren Wiederauftauchen sich Indiefans jenseits der 30 oder 40 in letzter Zeit freuen konnten, eignen sich allerdings ­Barnetts tatsächlich zeitlose Alt-rock-Songs als eine – Achtung! – Mehr­generationenmusik. Man wird es Anfang Juni bei ihren zwei Kon­zerten hierzulande dem Publikum anmerken.


Courtney Barnett: Tell Me How You Really Feel (Marathon Artists / Mom + Pop)