Ein Gespräch mit Mark E. Smith

»Die Bastarde johlten«

Bands, Namen, Moden und Musikstile kommen und verschwinden. Er hingegen wohnt seit 25 Jahren im selben Haus in ­Manchester und singt seit 30 Jahren bei The Fall. Der 50jährige ist unbestreitbar eine Größe der Underground-Musik. Ein Gespräch mit Mark E. Smith über Berühmtheit und Armut, die Angst der Deutschen vor Österreich und die Vorzüge der Klempnertätigkeit.
Interview Von

Die gescheiterten Terroranschläge in London und Glasgow haben kürzlich die Schlagzeilen bestimmt. Hatten die Geschehnisse Auswirkungen in Manchester?

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Nein, nicht wirklich. Die Menschen asiatischer Abstammung wirkten etwas nervöser. Die anderen haben wie immer ihren Müll vor die Tür gebracht und sich keine Gedanken gemacht.

Schlagen sich solche Ereignisse eigentlich in Ihrer Musik oder Ihren Texten nieder, oder trennen Sie zwischen The Fall und dem, was in der Welt geschieht?

Manchmal haben solche Dinge einen Einfluss. Aber das, was da in London vorgefallen ist, hat mich nicht sonderlich überrascht.

Was veranlasst Sie, Texte zu verfassen?

Nun ja, ich schreibe jeden Tag. Es ist eine sehr alltägliche Beschäftigung.

Um ein Beispiel zu nennen: Mit den Musikern von Mouse on Mars spielen Sie in einer Band namens Von Südenfed. Auf der im Mai erschienenen Platte gibt es einen Song mit dem Namen »Speech Contamination / German fear of Österreich«. Was fürchten Ihrer Meinung nach Deutsche an Österreich?

Eigentlich ergibt der Titel keinen Sinn. Die anderen meinten, ich könne einen Song nicht so nennen. Daraufhin habe ich gesagt: Macht ihr euren Kram, ich mache meinen. (lacht)

Ist der Name des Stücks also nur ein Beispiel für Ihre Vorliebe für absurden Humor?

O ja, er ist ein Witz. Die anderen zwei hatten immer so ernste Titel im Kopf. Da musste ich einfach widersprechen. Die Deutschen, die ich bisher getroffen habe, fanden den Titel des Lieds aber immer lustig. Aber jetzt fällt es mir wieder ein, warum ich den Song so genannt habe! Wir waren in Deutschland und Österreich auf Tour und spielten einige Shows mit der Band Doc Schoko aus Berlin. Es war seltsam: Die Jungs waren immer sehr professionell, und man konnte auch gut mit ihnen trinken. Nur als wir in Wien spielten, waren sie völlig nervös und von der Rolle.

Auf der letzten Platte von The Fall gibt es auch den Song »Das Boat«. Auf »Tromatic Reflexxions« von Von Südenfed findet man nicht nur das bereits erwähnte Stück. Sie singen auch die Zeile: »Passt doch gut zu deinem neuen Rock.« Sie erlauben sich anscheinend gern einen Spaß mit der deutschen Sprache.

Nein, nicht wirklich. Das verhält sich eher so: Man geht in einem anderen Land auf Tour. Die Roadies oder Bandmitglieder versuchen immer, einige Sätze in der jeweiligen Sprache zu lernen. Das ist natürlich lustig. Denn jeder, der sie sprechen hört, hält sie für Idioten. Wie klingt das denn, wenn ich als Engländer auf Deutsch »ich« oder »mein« sage? Ich schreibe für die Crew immer kleine Hefte mit Phrasen in der Landessprache, damit die Leute wissen, mit welchem Satz sie ein Frühstück bestellen können. Manchmal schreibe ich aber auch falsche Sachen hinein. (lacht) Aber sagen Sie mal: Wie fanden Sie eigentlich die letzte Platte von The Fall, »Reformation! Post-TLC«? »Always different, always the same!«

John Peels Urteil über Ihre Band trifft immer noch zu. The Fall haben mich noch nie richtig enttäuscht.

Sie sind einer der wenigen!

Glauben Sie wirklich?

Nein, nein. Aber um ehrlich zu sein, mache ich mir keine großen Gedanken darüber, ob den Leuten meine Musik gefällt.

Benutzen Sie eigentlich einen Computer?

Nein, überhaupt nicht. Computer haben mich 1984 interessiert, als sie für den Hausgebrauch aufkamen. Ich konnte nichts mit Computern anfangen, deshalb habe ich meinen wieder weggegeben.

Dann laden Sie sich also auch keine Musik aus dem Internet herunter. Wie finden Sie es denn, wenn sich Leute Ihre Musik im Internet besorgen?

Diese Frage hat mir noch nie Kopfzerbrechen bereitet. Es gibt etwa 100 verschiedene Alben von The Fall, und Bootlegs noch dazu. Warum sollte ich jemanden strafrechtlich verfolgen, der sich diese Platten kopiert? Es gab in den achtziger Jahren etliche Bands, die Leute verklagt haben, nur weil sie sich Platten auf Kassetten überspielt hatten. Aber schließlich kann man das nicht unterbinden oder verbieten. Die Leute wollen die Musik. Und es sind zu viele. Man kann sie nicht alle kriegen.

Angesichts der 100 Alben Ihrer Band: Welche würden Sie einem Neuling zum Einstieg empfehlen?

»Hex Enduction Hour« wäre recht gut. Und natürlich unsere letzte Platte »Reformation! Post-TLC«. Und »Fall Heads Roll« von 2005.

Sie haben mit Ihren Veröffentlichungen recht viele Musiker und Autoren beeinflusst. Auf dem International Festival in Manchester wurde kürzlich das Buch »Perverted by Language: Fiction inspired by The Fall« vorgestellt. Die Autoren der darin gesammelten Kurzgeschichten berufen sich alle auf Sie. Schmeichelt Ihnen so etwas?

Es ist ein schreckliches Buch. Es wurde auf dem Festival präsentiert. Einige Autoren haben ihre Geschichten vorgelesen. Wir haben aber eine Erklärung herausgegeben, in der wir ganz klar gesagt haben, dass das Buch nichts mit mir zu tun hat.

Wann wird Ihr eigenes Buch, die Autobiografie »Renegade: The Lives and Tales of Mark E. Smith«, denn erscheinen?

Es kommt im September heraus. Es ist wirklich gut.

Was kann man denn erwarten? Eine typische Rock’n’Roll-Biografie?

Das Originalkonzept war, das Buch wie die Biografie eines Fußballers zu schreiben. So in dem Stil: »Ich erinnere mich noch genau an mein ers­tes Spiel für Liverpool.« Das Prinzip hat sich dann aber nicht bewährt. Es gibt schon Bücher über The Fall. Aber sie sind Müll. Mit der Autobiografie wollte ich einige Dinge klar stellen.

Sie haben diese unglaubliche Anzahl an Platten veröffentlicht. Sie gelten als eine der wichtigsten Personen der Underground-Musik. Dennoch waren Sie im Jahr 2000 bankrott.

Ja, das stimmt. Zum Glück geht es mir jetzt finanziell wieder besser. Aber es ist ein ziemlich seltsamer Gegensatz: Man ist auf den Titelblättern von Musikzeitschriften, besitzt aber nicht einmal ein Ei. Von guten Plattenrezensionen kann man nicht leben. Aber ich war auch selbst schuld. Ich habe die falschen Verträge unterzeichnet. Natürlich könnte ich mich über die vielen Bootlegs von The Fall aufregen, mit denen andere Leute Geld verdienen. Aber ich mache lieber Musik und schreibe. Außerdem bräuchte ich wahrscheinlich acht Angestellte, um all das Geld einzutreiben, das mir andere schulden. Das wäre ein echter Fulltime-Job.

Würden Sie sich als Musiker und Autor immer noch der Arbeiterklasse zurechnen, aus der Sie kommen?

Mit The Fall geht es ja immer auf und ab. Ich genieße mittlerweile aber die Vorzüge des Alters. Ich wohne seit 25 Jahren im selben Haus. Die Situation in Großbritannien ist auch wirklich seltsam. Die Regierung hat es geschafft, alle Leute glauben zu machen, sie gehörten zur Mittelschicht.

Sie hatten als Teenager einen Job in den Docks. Hätten Sie sich auch ein Leben als Hafenarbeiter vorstellen können?

Ich glaube, es würde mir in diesem Beruf weitaus besser gehen. (lacht) Zumindest, was das Finanzielle angeht. Mein Vater war Klempner. Mit dieser Arbeit verdient man mehr als ein Psychiater.

Vor etwa 30 Jahren, im August 1977, als Sie mit The Fall am Anfang Ihrer Karriere standen, starb Elvis Presley. War dieses Ereignis von Bedeutung für Sie und die Band?

Ich erinnere mich an den Tag, an dem Elvis starb. Wir spielten in einem Punk-Club in Manchester. Es muss unser zweiter oder dritter Auftritt gewesen sein. Wir waren gerade fertig und hatten die Bühne verlassen, als jemand durchsagte, dass Elvis gestorben sei. All diese Bastarde johlten und applaudierten. Also gingen wir zurück auf die Bühne und sagten: »Das ist für Elvis!« Dann spielten wir einen Rockabilly-Song. Wir wurden bespuckt und mit Flaschen beworfen. Es ist schon lustig, wie sehr sich die Zeiten ändern. Die Hälfte der Leute, die an diesem Abend da waren, ist jetzt beim Fernsehen, sie sind Musikjournalisten oder spielen selbst in Bands. Heute sagen sie alle, Elvis sei ein großer Einfluss für sie gewesen. Nun ja, Menschen neigen eben dazu, die Geschichte umzuschreiben.