Platte Buch - Juan S. Guses Buch »Miami Punk«

Counter Strike in Miami

Kolumne Von

»Miami Punk« verbindet Fantasy- und Popliteratur. Denn was in Juan S. Guses zweitem Roman passiert, ist ziemlich absurd und zugleich absolut gegenwärtig. Das Meer hat sich von der Bucht von Miami zurückgezogen. Statt des Strandes ist nur weites Ödland zu sehen. Die Touristen bleiben weg, viele Beschäftigte verlieren ihre Arbeit, die Stadt wird von Gangs und Alligatoren heimgesucht. Für einige ergeben sich so neue Möglichkeiten: Ringer in ihren bunten Spandex­hosen werden vom Spottobjekt zu professionellen Alligatorenjägern, und die große leere Fläche, wo einst das Meer war, weckt Hoffnungen auf neue Lebensweisen.

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Der interessanteste Ort in »Miami Punk« ist ein riesiger Hochhauskomplex, ein Betonmonster, das vernachlässigt, sich selbst und seinen Bewohnern überlassen, vor sich hin bröckelt. Es ist ein Ort, der sich der Kontrolle entzieht und Räume entstehen lässt für selbstverwaltete Strukturen und abwegige Ideen. Dort treffen sich Menschen, die über ihre prekären Arbeitsverhältnisse sprechen und nach Alternativen suchen. Eine Game-Programmiererin, eine Soziologin und ein ­E-Sport-Team aus Wuppertal sind die Protagonisten. Dominiert wird die Szenerie aber von Verschwörungstheoretikern und Esoterikern. Faszinierend ist dieser utopische Raum aus Beton, den Guse in urbane Poesie verwandelt, dennoch.

Oft ist man beim Lesen nicht sicher, wann die Grenze zwischen beinah Realem und frei Erfundenem überschritten wird. Zum Beispiel ist im Roman »Counter Strike« etwas angesehener als in Wirklichkeit. Das Computerspiel gilt als Kunstform und Akademiker verfassen Analysen über das Spiel. Das ist gar nicht so weit weg von der Gegenwart und dem Siegeszug der Kulturwissenschaften. Die Geschichten, die der collagenartige Roman in einem gekonnten Stilmix erzählt, sind nicht losgelöst von der Wirklichkeit, sondern verzerren sie. Gerade dadurch wird die Realität begreifbar und zeigt sich als kontingent und brüchig.

Juan S. Guse: Miami Punk. S. Fischer, Frankfurt am Main 2019, 640 Seiten, 26 Euro