Platte Buch - »Wohin wir gehen« von Peggy Mädler

Vieles war möglich

Im Drama »Antigone«, das Rosa für die FDJ-Ortsgruppe Kirchmöser aufführen will, treten die Schauspieler auch dann wieder in den Chor zurück, wenn sie vorher den Bühnentod gestorben sind.

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Dass also »Geburt und Tod nur die Rahmung für das Heraustreten eines einzelnen Menschen« sind, ist ein Prinzip, das die 1976 in Dresden geborene Autorin Peggy Mädler in ihrem Roman »Wohin wir gehen« aufgreift. Referenzen an das Theater strukturieren den Roman und weisen auf die künstlerische Herkunft der Autorin hin, die auch im feministischen Theaterkollektiv She She Pop mitwirkte.

»Wohin wir gehen« erzählt von sechs Frauen aus drei Generationen und drei Systemen, Martha und Ida, Almut und Rosa, Elli und Kristine. Der Reigen beginnt Anfang des 20. Jahrhundert in Brno, wo Martha Glöckner Karl Horák kennenlernt. Deren Tochter Almut wird 1932 im böhmischen Reichenberg geboren.

Dort freunden sich die drei mit der kommunistischen Familie Brückner an. Drei von ihnen, Almut, ihre Freundin Rosa und deren Mutter Ida, werden nach dem Krieg aus der Tschechoslowakei verwiesen und müssen in die sowjetische Besatzungszone ziehen, die gerade zur DDR wird. Von neuen Orten und Möglichkeiten handelt dieser Roman. Die frühe DDR ist so ein Ort: Im brandenburgischen Kirchmöser, wohin es die drei Umsiedlerinnen verschlägt, wird der Sozialismus euphorisch als Experiment unter schweren Bedingungen errichtet. Das Berlin der Nachwende, wo Almuts Tochter Elli und ihre Freundin Kristine ihre Theaterkarriere beginnen werden, ist ein anderer. Aber immer handelt der Roman auch vom alltäglichen Leben: »Sie machen sich Sorgen und erhalten schlechte Nachrichten«, heißt es lapidar. Utopisches und Unwägbares werden in einer Sprache der Gleichmut verhandelt, die aber voller Empathie ist. Der Roman will eben keine große Kunst sein, sondern wählt eine zurückhaltende Form, die sich von hypermännlicher Kraftmeierei angenehm unterscheidet.

 

Peggy Mädler: Wohin wir gehen. Galiani, Berlin 2019, 224 Seiten, 20 Euro