Lahme Literaten - Folge 4

Robert Menasse

Kolumne Von

Anders als die deutsche hat die österreichische Literatur im Laufe ihrer Geschichte wenig Mittelmaß hervorgebracht. Aufgrund des Erbes der Habsburger Monarchie, das dem Gespür für die Fremdheit von Sprache zuträglich gewesen zu sein scheint, waren ihre Autoren vielmehr seit jeher Produzenten großer hoher wie großer niederer Dichtung. Ihre Stimmen – von Nestroy über Schnitzler und Kraus bis zu Wolf Haas – kennen keinen Gegensatz zwischen Höhenkamm und Orkus. Selbst jemand wie Hugo von Hofmannsthal, der umso mediokrer wurde, je mehr er an Ansehen gewann, hat einige so vollkommene Gedichte und Erzählungen geschrieben, dass es sich verbietet, ihn dem Durchschnitt zuzuschlagen. Das Werk von Robert Menasse hingegen nimmt Rache an dieser Tradition. Aus der Deutschsprachigkeit österreichischer Literatur, die sich von Stifter bis Jelinek in stets ein wenig neben sich selbst stehenden, sich selbst beobachtenden und sich selbst widerrufenden Ausdrucksformen niederschlug, wird bei ihm das schlackenfreie Neudeutsch des obersten literaturpolitischen Staatssekretärs; aus der Erinnerung an das gebrochene Versprechen gewaltloser Einheit des Vielen, für das die Geschichte des Vielvölkerstaats in der österreichischen Moderne stand, wird die Wahnutopie einer »Europäischen Republik«, die die ihr Unterworfenen zu Angehörigen einer in Ethnien zerfallenden Völkergemeinschaft macht. Und von der Figur des »Nestbeschmutzers«, die in der österreichischen Dichtung jene Regungen verkörpert, die über die Provinz hinaus auf die Idee der Menschheit verweisen, bleibt nur das verstockte Auftrumpfen desjenigen übrig, der alles besser als seine unterbelichteten Mitbürger weiß.

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Während das Missverhältnis zwischen politischem Größenwahn und ästhetischer Inkompetenz bei Juli Zeh nur zu Verdruss führt, entspringt aus ihm beim talentierteren Menasse eine wirkliche Gefahr. Die Referenzen an Robert Musil in Menasses Werk (der 2001 erschienene Roman »Die Vertreibung aus der Hölle« borgt sich vom »Mann ohne Eigenschaften« das Konstruktionsprinzip), sind nicht einfach Zeichen von Selbstüberhebung. Vielmehr kehrt Menasse Musils Blick auf eine sich widerrufende Menschheit um. Wo Musil angesichts vom Einzelnen nicht mehr zu fassender Regression die Atome, in die die Gesellschaft zu zerfallen droht, in einer die Kräfte der Literatur übersteigenden Anstrengung noch einmal aufeinander zu beziehen sucht, feiert Menasse den Zerfall als Fortschritt, für dessen Darstellung nur die angemessene Form zu finden sei. Diese staatstragende und zugleich staatsfeindliche Aufgabe kommt dem Schriftsteller zu, der sie als Öffentlichkeitsarbeiter des schlechten Allgemeinen so pflichtbewusst erfüllt, dass er ­einen Besuch des ersten Kommissionspräsidenten der EWG, Walter Hallstein, in Auschwitz erfindet, um die EU als moralische Lehre aus dem Holocaust darzustellen, und palästinensische Selbstmordattentäter als kritisches Subjekt entdeckt. ­Anders als Musil arbeitet Menasse in keinem seiner Romane an der ästhetischen Form, die sich aus der Aufgabe zivilgesellschaftlicher Propaganda zwanglos ergibt, und findet 2017 in seinem Buch »Die Hauptstadt«, aus dem sein auch in Reden verbreitetes Hallstein-Fake stammt, zu einer Prosa, die Kritik und Urteil restlos durch politisch korrekte Klischees ersetzt. So verkörpert er reiner als alle Blogger, die dasselbe wollen, das Prinzip kollektiver Autorschaft: Der Autor Menasse, der sich gern auf Hegel bezieht, ist die Stimme des seinen Geist aufgebenden Weltgeistes.