Dogan Akhanli, Schriftsteller, im Gespräch über die Freilassung von Deniz Yücel

»Erdoğan fühlt sich persönlich gekränkt«

Im vergangenen Jahr ließ die Türkei den Kölner Schriftsteller Doğan Akhanlı während eines Urlaubs im spanischen Granada verhaften. Die Bundes­regierung intervenierte, Akhanlı wurde nicht aus­­geliefert. Die »Jungle World« sprach mit ihm über seine Erfahrungen mit der türkischen Justiz und dem freigelassenen Deniz Yücel.
Interview Von

Seit den siebziger Jahren hatten Sie immer wieder Kontakt mit der türkischen Justiz. Was hat sich im Laufe dieser Zeit verändert?
Früher wurde mehr gefoltert, dafür ist das ganze System heute wesentlich unberechenbarer und schwerer einzuschätzen. Das Militär ließ foltern, bis ein Geständnis vorlag, dann kam es zum Prozess. Heute ist die Folter zwar seltener geworden, aber vor allem hohe Militärs, die an dem Putschversuch gegen Erdoğan teilgenommen haben oder denen das einfach nur unterstellt wurde, wurden schwer gefoltert. Damals konnte man einschätzen, was einem passieren könnte. Das ist heute anders. Viele sitzen derzeit in der Türkei im Gefängnis, ohne dass es eine Anklage gegen sie gibt. Und sie wissen nicht, wie lange sie im Gefängnis bleiben müssen.

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Sie selbst wurden als Jugendlicher wegen des Kaufs einer linken Zeitschrift für fünf Monate ins Gefängnis gesteckt.
Die Zeit im Gefängnis hat mich politisiert. Ich war als Jugendlicher nicht sonderlich radikal oder an Politik interessiert. Das Gefängnis habe ich dann als Rebell verlassen.

Sie haben einmal geschrieben, die Türkei kämpfe seit 100 Jahren gegen ihre eigenen Bürger.
Ob Juden, Griechen, Armenier, Kurden, Aramäer: Die Türkei hat ein Problem mit Minderheiten. Sie ist ein Staat, der sich seiner selbst unsicher ist und deswegen keine Abweichungen von der Staatsdoktrin zulässt, die da lautet, in der Türkei würden nur muslimische, türkisch sprechende Menschen leben. Selbst durch den Vertrag von Lausanne nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und nach der griechischen Invasion wurden anerkannte Minderheiten wie Juden oder Armenier immer wieder drangsaliert, unterdrückt; sie sollten zum Beispiel aufhören, ihre eigenen Sprachen zu sprechen. Deniz gehört zu den wenigen türkischstämmigen Journalisten, die das immer wieder thematisiert haben: den Völkermord an den Armeniern, aber auch den Antisemitismus. Ich hatte schon viel von ihm gelesen, bevor ich ihn 2010 persönlich kennengelernt habe.

Mittlerweile wurden die Journalisten Meşale Tolu und der Menschenrechtler Peter Steudtner aus der türkischen Haft entlassen. Nun auch endlich Deniz Yücel.
Deniz war ein Symbol und mich freut es sehr, dass er endlich frei ist. Die Freilassung von Deniz hat natürlich mit dem Druck zu tun, den die Politik und die Öffentlichkeit aufgebaut haben. Diesem Druck hat sich die türkische Regierung am Ende gebeugt, er war einfach zu groß. Ich glaube, die Bundesregierung hat der türkischen Regierung klar gemacht, dass an eine Normalisierung der Beziehungen nicht zu denken ist, solange Deniz in Haft sitzt. Was wir dann am Freitag vergangener Woche gesehen haben, das Wiedersehen zwischen Deniz Yücel und seiner Frau Dilek, glich ja einem Happy End in einem Hollywoodfilm. Es ist eine enorme Leistung der deutschen Seite, dass es so gekommen ist.

Viele glauben, es gab einen Deal, damit Deniz Yücel freikommt. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel bestreitet das.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Deutschland jetzt schnell ein neues Rüstungsabkommen mit der Türkei abschließen wird. Die türkische Regierung wollte das Problem Deniz Yücel schnell loswerden. Und nun ist doch auch bewiesen, dass die türkische Seite die ganze Zeit gelogen hat und dass es in der Türkei keine unabhängige Justiz gibt, sondern willkürlich auf Geheiß Erdoğans entschieden wird. Da fordert die Staatsanwaltschaft 18 Jahre Haft und das Gericht setzt Deniz auf freien Fuß und lässt ihn ausreisen. Würde die Türkei ihre eigene Staatsanwaltschaft ernst nehmen, wäre ein Ausreiseverbot nach einer Freilassung wohl normal gewesen. Stattdessen wurde Deniz wohl sogar gedrängt, die Türkei möglichst schnell zu verlassen. Nun kann es ihm passieren, dass er, wie ich, auf internationale Fahndungslisten gesetzt wird. Das ist, da bin ich mir sicher, Erdoğans Plan.

Warum musste Deniz Yücel so lange in Haft bleiben?
Erdoğan fühlte sich durch Deniz persönlich gekränkt. Und deshalb konnte kein Richter es wagen, ihn freizulassen. Er war Erdoğans persönlicher Gefangener.

Woher rührt diese Kränkung?
Deniz fragte die Bundeskanzlerin Angela Merkel 2016 im Beisein des damaligen türkischen Ministerprä­sidenten Ahmet Davutoğlu, wie sie zu den Vorwürfen stehe, sie ignoriere Missstände in der Türkei, um den Flüchtlingsdeal nicht zu gefährden. Für Erdoğan ist Deniz jemand, der türkische Wurzeln hat und sich trotzdem herausnimmt, die Türkei und vor allem seine Politik radikal zu kritisieren. Im Kern nimmt Erdoğan Deniz übel, dass er ein herausragend guter Journalist ist, der seine Arbeit ernst nimmt. Die Welt hatte ihn damals nicht ohne Grund eine Zeitlang aus der Türkei abgezogen.

Im August vergangenen Jahres schrieben Sie in einem Brief an Deniz Yücel: »Auch wenn dein Name Deniz Yücel lautet, die Tatsache, dass du ein deutscher Staatsbürger bist und damit auch dem Schutz eines anderen Staates unterstehst, ist derzeit dein einziger Vorteil. Selbst wenn die Bundesrepublik nicht in allem deiner Meinung ist, ist sie eines der Länder, das sich bestmöglich um seine Bürger kümmert. Und im Moment bist du ihr bekanntester Bürger.« Sehen Sie das heute noch so?
Ja, ich sehe es heute auch so. Wir können uns sicher sein, dass die Bundesregierung hinter den Kulissen alles unternommen hat, um ihn freizubekommen. Wir bekamen längst nicht alles mit, vieles geschah auf diplomatischen Kanälen. Diese Erfahrung habe ich selbst gemacht und es wird bei Deniz nicht anders gewesen sein. Die Bundesrepublik gehört weltweit zu den Staaten, die sich gegenüber anderen Ländern sehr stark für ihre Bürger einsetzte. Das ist zumindest seit 20 Jahren so. Es gab in der Vergangenheit Fälle wie den von Elisabeth Käsemann, die 1977 in einem argentinischen Foltergefängnis starb und für die sich die damalige Bundesregierung nicht eingesetzt hat, aber diese Zeiten sind vorbei.

Auch wenn nun mit Meşale Tolu, Peter Steudtner und Deniz Yücel die prominentesten deutschen Gefangenen dort nicht mehr in Haft sitzen, ist die Menschenrechtssituation in der Türkei nach wie vor katastrophal.
Das dürfen wir, bei aller Freude, nicht vergessen. Die Taz hat am Tag nach Deniz’ Freilassung eine Liste mit den Namen aller in der Türkei inhaftierten Journalisten veröffentlicht. Wenn der öffentliche Druck auf die Türkei nachlässt, habe ich für diese Inhaftierten keine große Hoffnung. Am Tag, als Deniz freikam, wurden die  Journalisten Ahmet Altan, Mehmet Altan und Nazlı Ilıcak zu lebenslanger Haft verurteilt. Es ist wichtig, dass die Bundesregierung und die Zivilgesellschaft den Druck auf die Türkei aufrechterhalten. Dass der Chefredakteur der Welt, Ulf Poschardt, gesagt hat, seine Zeitung wolle genau das tun, halte ich für ein gutes Zeichen. Wir müssen Wege finden, dass das Schicksal der in der Türkei inhaftierten Journalisten, aber auch der anderen politischen Gefangenen nicht in Vergessenheit gerät.

Ihr eben erschienenes Buch »Verhaftung in Granada« war nicht geplant. Wenn sie nicht festgenommen worden wären, hätten sie es nicht geschrieben. Was bedeutet so ein Ereignis für Sie als Schriftsteller?
Eigentlich wollte ich einen Roman schreiben, aber das ging nach der Verhaftung erst einmal nicht mehr. Rückblickend habe ich das Gefühl, ich sei festgenommen worden, um dieses Buch schreiben zu können. Es geht um die Geschichte der türkischen Justiz bis heute. Deniz Yücels Artikel und Bücher waren eine wichtige Quelle für mich. Es ist dennoch ein sehr persönliches Buch geworden.

 

Mit der türkischen Justiz kennt sich Doğan Akhanlı aus: Bereits als Jugendlicher wurde er wegen des Kaufs eines linken Magazins für fünf Monate eingesperrt, in den achtziger Jahren saß er über zwei Jahre in einem Militärgefängnis. 2010 wurde er wegen des Vorwurfs festgenommen, 1989 an einem Raubüberfall beteiligt gewesen zu sein. Er wurde freigelassen, später freigesprochen und im Sommer vergangenen Jahres erneut wegen desselben Vorwurfs während seines Urlaubs in Spanien festgenommen. Die Türkei hatte ihn mit einem internationalen Haftbefehl suchen lassen. Da der Haftbefehl offensichtlich politisch motiviert war und sich die Bundesregierung energisch für Akhanlı einsetzte, wurde er nach wenigen ­Tagen aus der Haft entlassen und durfte im Herbst nach Köln zurückkehren. Mit »Verhaftung in Granada« hat Doğan Akhanlı nun nicht nur ein Buch über seine Haft im Sommer, sondern auch über seine Erfahrungen mit der türkischen Justiz geschrieben, in deren Fängen sich bis zum 16. Februar auch Deniz Yücel befand, der Türkei-Korrespondent der »Welt« und Mitherausgeber der »Jungle World«.

 

Doğan Akhanlı: Verhaftung in Granada oder Treibt die Türkei in die Diktatur? ­Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018, 224 Seiten, 9,99 Euro